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Einsatz von Antibiotika in der Viehwirtschaft

Über 22 Tonnen Antibiotika wurden 2020 in der Schweiz an Tiere verabreicht1 – auch an gesunde. Das entspricht über 18 Millionen Verschreibungen. Dies, da auch in der Schweiz die Zustände in der Nutztierhaltung so desolat sind, dass regelmässige Antibiotikabgaben nötig sind.

Bereits jungen Kälbern wird im Alter von wenigen Wochen standardmässig eine Antibiotika-Kur verabreicht. Insbesondere in grossen Kälbermastbetrieben ist es gemäss Auskunft von Beat Mühlethaler, ehemaliger Geschäftsführer der Kälbermastorganisation Univo, überhaupt nicht mehr anders möglich. Denn durch die Haltungsart von über hundert Tieren auf engstem Raum ist die Ansteckungsgefahr mit verschiedensten Krankheitskeimen besonders hoch. Einzelne kranke Tiere können nicht mehr ausgemacht werden, weshalb prophylaktisch die ganze Herde behandelt wird. Dies geschieht, indem dem Milchpulver, das den Kälbern als tägliche Nahrung dient, 10 Tage lang Antibiotika beigemischt wird. Diese Kur wird dann im Abstand von 14 Tagen zwei bis drei weitere Male durchgeführt.

Jährlich 80 Millionen Liter Milch unbrauchbar

Auch auf gewöhnlichen Höfen gehört der Umgang mit Antibiotika zum Alltag. Bei Milchkühen kommen Krankheiten wie Euterentzündungen oder leichte Verletzungen so häufig vor, dass nicht jedes Mal der Tierarzt gerufen wird, sondern die LandwirtInnen das entsprechende Antibiotikum bereits vorratsmässig im Schrank aufbewahren und selbstständig verabreichen. Tatsächlich behandeln die Bauern in der Schweiz laut Studienergebnissen die Euter ihrer Milchkühe häufiger mit Antibiotika als sonst irgendwo in Europa, und dies bereits seit Jahren.2 So wird eine Schweizer Kuh im Durchschnitt fast jedes Jahr mit Antibiotika am Euter behandelt – dreimal so häufig wie österreichische, 18 mal so häufig wie dänische, und ganze 90 mal öfter als norwegische Kühe.3

Die Infektionsanfälligkeit der Kühe ist aufgrund der hohen Erwartungen an ihre Milchleistung erhöht. Da jedoch die Milchqualität ebenfalls durch Entzündungen beeinträchtigt wird, werden die Kühe oft bereits prophylaktisch behandelt, was wiederum zu Antibiotikarückständen in der Milch führt, die in der Folge nicht verkauft werden darf. Als Resultat sind jährlich rund 80 Millionen Liter Milch unbrauchbar – das entspricht dem jährlichen Konsum von 1.5 Millionen Schweizern. Diese Milch wird häufig Kälbern gegeben oder in den Dünger geschüttet, was wiederum die Bildung antibiotikaresistenter Keime fördert, die über Gemüse oder Salat in den menschlichen Organismus gelangen und zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen beim Menschen führen können.

Abgabe von Antibiotika verboten

Genau betrachtet verstossen diese Praktiken gegen das Tierschutzgesetz. Diese Ansicht vertritt die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel:

Wenn eine Haltungsform nur funktioniert, wenn man routinemässig bereits im Voraus Antibiotika verabreichen muss, dann steht dies im Widerspruch zum Tierschutzgesetz.

Doch gegen die Abgabe von Antibiotika in der Landwirtschaft vorzugehen ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Denn sowohl TierärztInnen als auch LandwirtInnen profitieren wirtschaftlich von der Behandlung mit Antibiotika. Im Zuge der Revision des Heilmittelgesetzes schlug das Bundesamt für Gesundheit vor, die tierärztliche Antibiotikaabgabe einzuschränken. Die Vernehmlassung zeigte aber, dass dieser Vorschlag auf sehr starke Opposition stiess. Besonders die Bauernvertreter im Parlament wehrten sich geschlossen gegen diesen Vorschlag, wie Urs Schneeberger vom BAG gegenüber dem Schweizer Fernsehen mitteilte.

Profit vor Gesundheit

Der Grund, weshalb überhaupt so grosszügig mit Antibiotika umgegangen wird, ist klar: Fleisch muss günstig sein. Zu Biofleisch wird nur selten gegriffen. Nur 6.2% des verkauften Fleischs und Fischs waren 2020 bio  beim Poulet sogar nur 2,8%.4 Darum lohnt es sich für die FleischproduzentInnen nicht, zu viel Platz, zu viel Zeit und zu viel Arbeit in die Tiere zu investieren. Den Preis dafür zahlen in erster Linie die Tiere, die unter diesen Bedingungen ihr Leben fristen müssen. Schon jetzt ist aber absehbar, dass sich dieses Vorgehen an den Menschen rächt. Denn durch die Ernährung mit tierischen Produkten und die darin enthaltenen antibiotikaresistenten Bakterien verbreiten sich diese Krankheitserreger immer mehr auch bei Menschen. Mehrere tausend PatientInnen können deshalb in der Schweiz jedes Jahr nicht mehr gegen Infektionen behandelt werden.

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