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20.07.2026 | Amandine

Die Interessenverbände der Agrar- und Lebensmittelindustrie stellen Milch gerne als gesundes, natürliches und umweltfreundliches Lebensmittel dar. Insbesondere in der Schweiz ist die Milchwirtschaft ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes und des touristischen Images des Landes. Früher ermöglichte die Verarbeitung von Milch zu Käse den Alpenregionen, verderbliche Lebensmittel für den Winter zu konservieren. Aber ist diese Tradition heute noch relevant?

Milchprodukte – alles andere als natürlich

Die Milchindustrie präsentiert gerne Bilder von Kühen mit Hörnern, die friedlich auf Alpwiesen grasen. Hinter dieser Darstellung verbirgt sich jedoch eine ganz andere Realität. Von der Zucht der Tiere bis zum Käse im Kühlregal basiert die moderne Milchproduktion auf technischen Eingriffen und internationalen Lieferketten, die mit einer «natürlichen» Landwirtschaft kaum noch etwas zu tun haben.

Die Zucht von Milchvieh ist schon lange kein Zufall mehr. In modernen Betrieben ist die künstliche Befruchtung zur Norm geworden und ermöglicht es, die genetischen Merkmale der als leistungsstärksten geltenden Stieren an Hunderttausende von Kühen weiterzugeben. In der Schweiz veranschaulicht Swissgenetics diese Entwicklung perfekt. Die Genossenschaft gibt an, zwischen 2020 und 2024 mehr als eine Million Dosen Brown Swiss-Samen von über 300 Bullen in 48 Länder auf fünf Kontinenten verkauft zu haben.1 Die Auswahlkriterien beziehen sich hauptsächlich auf die Milchleistung, den Körperbau der Tiere, die Eutergesundheit, die Fruchtbarkeit sowie die Langlebigkeit. Milchrinder sind somit das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver genetischer Selektion, die darauf abzielt, die wirtschaftliche Leistung der Herden zu maximieren. Diese genetische Vereinheitlichung steht in starkem Kontrast zum Bild von Herden, die im Rhythmus der Natur leben. Die Tiere werden nicht mehr nur gezüchtet: Sie werden nach vom Menschen definierten Leistungszielen ausgewählt und vermehrt.

Auch das Bild eines Käses, der ausschliesslich aus lokalen Rohstoffen hergestellt wird, ist irreführend. Für die Herstellung von Schweizer AOP-Käsen wie Gruyère, Emmentaler, Vacherin Fribourgeois oder Raclette aus dem Wallis wird Lab benötigt, ein Enzym, das aus dem vierten Magen junger Kälber gewonnen wird. Dieses Lab wird jedoch in fast allen Fällen importiert. Die Schweiz produziert so gut wie kein eigenes Lab und ist auf ausländische Lieferanten angewiesen. Ein Teil dieses Labs stammt aus Ländern, in denen die Methoden der Kälberaufzucht sich von den in der Schweiz zugelassenen oder praktizierten unterscheiden.2 Mit anderen Worten: Selbst die symbolträchtigsten Käsesorten des kulinarischen Erbes der Schweiz benötigen einen Rohstoff, der aus einer globalisierten Lieferkette stammt.

 

Haben Kühe in den Bergen wirklich ihren Platz?

Die mageren Bergwiesen sind ein wichtiger Lebensraum für eine grosse Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten. Sie sind jedoch nicht für das Gewicht von Rindern (500 bis 800 kg) geeignet, das weit über dem Gewicht der wildlebenden Arten liegt, die diese Gebiete von Natur aus bevölkern, wie Gämse (25 bis 60 kg) oder Steinböcke (75 bis 120 kg). Indem sie die dünne Schicht der alpinen Vegetation ständig zertrampeln, schädigen Kühe diese besonders empfindlichen Böden nach und nach. Hinzu kommt die übermässige Einbringung von Nitraten aus ihren Exkrementen, die die Zusammensetzung der Böden tiefgreifend verändert. Diese Überdüngung begünstigt die wettbewerbsstärksten Pflanzenarten zum Nachteil der alpinen Flora. So wurden seit 1900 mehr als 95% der Trockenwiesen in der Schweiz zerstört, und sowohl ihre Fläche als auch ihre Qualität nimmt weiterhin ab.3 Weiden schränken zudem das natürliche Vordringen von Wäldern und Gebüschen ein, die jedoch eine wesentliche Rolle beim Schutz vor Lawinen spielen. Um sie zu erhalten, sind daher verstärkt künstliche Massnahmen erforderlich.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die durch die globale Erwärmung verschärfte Dürre trifft die Bergregionen immer häufiger. In den Jahren 2003, 2015, 2018, 2022 und 2026 mussten Hubschrauber der Schweizer Armee eingesetzt werden, um Wasser bis auf die Sommerweiden zu transportieren und die Tiere zu tränken. Allein im Jahr 2022 leistete die Schweizer Luftwaffe insgesamt 700 Flugstunden, um 4,3 Millionen Liter Wasser zu transportieren.4 Und diese beeindruckende Zahl berücksichtigt noch nicht einmal die Transporte, die von privaten Hubschrauber-Frachtunternehmen durchgeführt wurden. Diese Wasserknappheit ist kaum überraschend: Eine einzige Kuh kann bis zu 100 Liter Wasser pro Tag trinken. Versiegen die Quellen, muss dieses Wasser anderweitig bereitgestellt werden. 

Im Jahr 2026 war die Dürre in einigen Regionen der Schweiz so stark, dass die Landwirte gezwungen waren, mitten im Sommer auf ihre Winterfutterreserven zurückzugreifen. Um den Kauf von teurem Futter zu vermeiden, mussten sie die ältesten und leistungsschwächsten Kühe mehrere Monate vor dem geplanten Termin zum Schlachthof schicken.5 Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Klimaerwärmung drohen diese Probleme bei der Wasser- und Futterversorgung immer häufiger zu werden, was die Frage aufwirft, ob die Haltung grosser Rinderherden auf den Alpwiesen noch nachhaltig ist.

 

Eine strukturell ineffiziente Produktion

Pflanzen in Milch umwandeln: eine Verschwendung von Ressourcen

Milch wird oft als nachhaltiges Lebensmittel dargestellt, insbesondere weil Kühe Gras verwerten – eine Ressource, die der Mensch nicht direkt verzehren kann. Dieses Argument hält einer genaueren Betrachtung jedoch nur teilweise stand. Tatsächlich wandelt eine Kuh nur einen Bruchteil der in ihrer Nahrung enthaltenen Energie in Milch um: Ein grosser Teil wird für ihren eigenen Stoffwechsel, ihr Wachstum, ihre Fortbewegung oder einfach zur Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur benötigt. Diese Umwandlung führt zu einem erheblichen Ressourcenverlust.

Die Milchproduktion beansprucht somit weitaus mehr landwirtschaftliche Flächen, Wasser und Energie als die Herstellung pflanzlicher Milchalternativen. Die Tiere benötigen Weideland, aber auch Anbauflächen für die Futterproduktion. 10% dieses Futters wird zudem importiert,6 insbesondere in Form von Kraftfutter, das auf Ackerflächen angebaut wird, die direkt für die Produktion von Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr genutzt werden könnten. Pro Jahr erhält eine Milchkuh in der Schweiz im Schnitt 614 kg Kraftfutter.7 Selbst das Argument, dass Rinder ausschliesslich Gras fressen, ist daher unvollständig.

Der Wasserverbrauch verdeutlicht diese Ineffizienz. Kühe trinken täglich mehrere Dutzend Liter Wasser, hinzu kommt der Bewässerungsbedarf für den Futteranbau. Bei gleicher Menge benötigen pflanzliche Milchalternativen deutlich weniger Wasser und landwirtschaftliche Flächen. Die Herstellung von Mandelmilch, die zwar oft wegen ihres Wasserverbrauchs kritisiert wird, erfordert beispielsweise etwa achtzehnmal weniger Land und mehrere hundert Liter Wasser weniger pro produziertem Liter Milch.8

Millionen Liter Milch gehen verloren

Zu dieser biologischen Ineffizienz kommt eine direkte Verschwendung hinzu. Milchkühe leiden häufig an Mastitis, einer Euterentzündung, die in der Regel mit Antibiotika behandelt wird. Während der gesamten Behandlungsdauer und der gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeit darf ihre Milch nicht verkauft werden, um das Vorhandensein von Arzneimittelrückständen in den für den Verzehr bestimmten Produkten zu vermeiden.

In der Schweiz führt diese Situation jedes Jahr dazu, dass etwa 80 Millionen Liter Milch entsorgt werden, was dem Jahresverbrauch von fast eineinhalb Millionen Menschen entspricht.9 Diese Milch wird in der Regel an Kälber verfüttert oder mit der Gülle ausgebracht. Eine Praxis, die auch im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit Bedenken aufwirft, da sie die Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien in der Umwelt begünstigen kann.

Überproduktion

Die Verschwendung hört damit noch nicht auf. Seit mehreren Jahren produziert die Schweiz mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann. Nach Angaben der Branchenorganisation Milch (BO Milch) lieferten die Erzeuger im Jahr 2025 rund 126 Millionen Kilogramm Milch mehr, als der Markt benötigte.10 Diese Überproduktion übt einen Druck auf die Preise aus und gefährdet die Einkünfte der Landwirte.

Um diese Überschüsse einzudämmen, führte die BO Milch im Jahr 2026 ein System ein, das Betriebe bestraft, die ihre Referenzmenge überschreiten. Milch, die über diese Schwelle hinaus produziert wird, wird nur zu einem stark reduzierten Preis vergütet. Trotzdem bleiben die Mengen hoch. Die wirtschaftlichen Mechanismen des Sektors zwingen jeden Betrieb dazu, mehr zu produzieren, um den Preisverfall auszugleichen – selbst wenn diese Strategie die Überschusslage noch weiter verschärft.

Die Folgen sind bis in die Kühlhäuser hinein sichtbar: Im Frühjahr 2026 waren dort mehr als 7000 Tonnen Butter gelagert, das sind etwa 2000 Tonnen mehr als üblich.11 Diese Anhäufung verdeutlicht ein Paradoxon: Eine Industrie, die immer mehr produziert, obwohl sie bereits Schwierigkeiten hat, ihre Erzeugnisse abzusetzen.

 

Fazit

Das idyllische Bild der Milchwirtschaft beruht weitgehend auf einer Erzählung aus der Vergangenheit. Hinter den Postkartenlandschaften verbergen sich eine stark industrialisierte Produktion, ein hoher Ressourcenverbrauch und ein Wirtschaftssystem, das Überschüsse erzeugt und gleichzeitig die Einkommen der Erzeuger gefährdet.

Die Nutzung der Alpwiesen als Weideland erscheint nicht mehr als die sinnvollste Lösung. Diese Flächen liefern nur einen geringen Teil unserer Nahrungsmittel, sind aber von grosser ökologischer Bedeutung. Da der Klimawandel den Druck auf die Berggebiete verstärkt, wäre es sinnvoll, einen Teil der Magerwiesen wieder ihrer natürlichen Dynamik zu überlassen. Eine solche Entwicklung ist jedoch ohne eine Reduzierung der Milch- und Fleischproduktion kaum vorstellbar. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung würde es ermöglichen, die Bevölkerung mit deutlich weniger Land, Wasser und Energie zu ernähren und gleichzeitig den ökologischen Druck auf die Bergregionen zu verringern.

Das grösste Hindernis ist jedoch nicht technischer, sondern wirtschaftlicher und politischer Natur. Derzeit fliessen rund 82% der Schweizer Agrarsubventionen in die Tierhaltung. Für viele Betriebe bedeutet eine Verkleinerung ihres Viehbestands oder eine Umstellung auf Pflanzenbau den Verlust eines erheblichen Teils ihrer finanziellen Unterstützung. Hinzu kommt das Fehlen eines echten staatlichen Programms zur Begleitung von Tierhaltern, die die Tierproduktion zugunsten des Pflanzenbaus aufgeben möchten. Der Wandel lastet daher fast vollständig auf den Schultern der Landwirte, die die finanziellen Risiken einer solchen Umstellung allein tragen müssten.

Die Produzenten befinden sich somit zwischen Hammer und Amboss. Einerseits zwingen sie die niedrigen Milchpreise dazu, immer mehr zu produzieren, um ihr Einkommen zu sichern; andererseits veranlassen die staatlichen Fördermechanismen sie dazu, ihren Viehbestand beizubehalten, anstatt ihren Betrieb weiterzuentwickeln. Eine nachhaltigere Landwirtschaft kann daher nicht allein auf dem guten Willen der Erzeuger oder Verbraucher beruhen. Sie erfordert eine tiefgreifende Reform der Agrarpolitik, damit staatliche Beihilfen den Wandel tatsächlich begleiten, anstatt ein Modell aufrechtzuerhalten, das heute seine ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Grenzen zeigt.

 

  1. Swissgenetics. (2024, 18. Juni). Swissgenetics: führend im weltweiten Brown Swiss-Zuchtprogramm. www.swissgenetics.com/de/swissgenetics-fuehrend-im-weltweiten-brown-swiss-zuchtprogramm 
  2. SRF. (2026, 5. März). Für Schweizer AOP-Käse unverzichtbar: Kälber aus Neuseeland. www.srf.ch/news/dialog/verborgene-abhaengigkeit-fuer-schweizer-aop-kaese-unverzichtbar-kaelber-aus-neuseeland 
  3. Bundesamt für Umwelt BAFU. (2025, 12. Dezember). Trockenwiesen und -weiden. www.bafu.admin.ch/de/tww
  4. SRF. (2023, 28. Juni). Älpler schlagen Alarm: Z’Alp geht mancherorts das Wasser aus. www.srf.ch/news/schweiz/trockenheit-in-den-bergen-aelpler-schlagen-alarm-z-alp-geht-mancherorts-das-wasser-aus
  5. Nau.ch. (2026, 04. August). Bauern schlachten Tausende Kühe wegen Hitze und Futtermangel. www.nau.ch/news/schweiz/bauern-schlachten-tausende-kuhe-wegen-hitze-und-futtermangel-67154776 
  6. Swissmilk. (o. D.) Bei uns finden Milchkühe ohne Mühe Futter. www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/tierwohl/bei-uns-finden-milchkuehe-ohne-muehe-futter
  7. Schweizer Bauernverband. (2021, Mai). FOKUS – Das fressen Kuh, Schwein und Co. www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Medien/Publikationen/FOKUS05_Futtermittel_def_DE_web.pdf
  8. Lebensmittellexikon. (o. D.). Virtuelles Wasser in Lebensmitteln. www.lebensmittellexikon.de/v0001020.php
  9. Ktipp. (2022, 19. April). Antibiotikaspritzen im Kuhstall: 80 Millionen Liter Milch pro Jahr unbrauchbar. www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/antibiotikaspritzen-im-kuhstall-80-millionen-liter-milch-pro-jahr-unbrauchbar
  10. SRF. (2025, 17. Dezember). Weshalb es in der Schweiz zu viel Milch gibt. www.srf.ch/news/wirtschaft/hiesiger-milchmarkt-weshalb-es-in-der-schweiz-zu-viel-milch-gibt
  11. Swissinfo. (2026, 22. Mai). Die Schweizer Milch- und Butterproduktion liegt über dem Bedarf. www.swissinfo.ch/ger/die-schweizer-milch-und-butterproduktion-liegt-%C3%BCber-dem-bedarf/91457620 
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