Die Welt, in der wir leben, ist von Speziesismus stark geprägt. Da unser Ernährungssystem weitgehend auf der Ausbeutung anderer Tiere beruht, können sich die meisten Menschen eine Welt ohne Tierhaltung nicht vorstellen. Daher wird Veganismus und Antispeziesismus oft als radikale Haltung wahrgenommen, da er eine soziale und wirtschaftliche Ordnung in Frage stellt, die weithin als selbstverständlich gilt.
Vor diesem Hintergrund können sich Tierschützer nicht immer auf einen streng abolitionistischen Ansatz beschränken, dessen Ziel die vollständige Beendigung jeglicher Form der Tierausbeutung ist. Auch wenn das Endziel tatsächlich darin besteht, die vom Mensch ausgehende Unterdrückung anderer fühlender Wesen zu beenden und somit die Tierhaltung sowie alle grausamen Praktiken gegenüber Tieren abzuschaffen, müssen wir die sozialen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen berücksichtigen, in denen unser Handeln stattfindet. Deshalb kann der Rückgriff auf bestimmte, sogenannte «tierschützerische», Strategien ebenfalls gerechtfertigt sein. Diese bestehen nicht darin, das System als Ganzes radikal zu verändern, sondern konkrete Verbesserungen der Lebensbedingungen der Tiere zu erreichen, die bereits unter den Folgen leiden. Ohne das Ziel der Abschaffung aus den Augen zu verlieren, können solche Massnahmen dazu beitragen, bereits jetzt einen Teil des Tierleids zu verringern, gleichzeitig die Öffentlichkeit für die Situation der Tiere zu sensibilisieren und den Weg für tiefgreifendere Veränderungen zu ebnen.
In einer Gesellschaft, die sogenannten «Nutztieren» wenig oder gar keine Beachtung schenkt und sie meist auf den Status von Produktionsmitteln oder Konsumgütern reduziert, stellt bereits die blosse Anerkennung ihrer Interessen und das Eintreten für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen eine bedeutende Infragestellung der bestehenden Ordnung dar. Jede Massnahme, die dazu beiträgt, das Leid dieser Tiere zu verringern, stellt daher einen greifbaren Fortschritt dar und verdient Anerkennung.
Es wäre jedoch gefährlich, jede scheinbare Verbesserung mit einem tatsächlichen Fortschritt hin zu mehr Gerechtigkeit für Tiere zu verwechseln. Zwar können tierschutzorientierte Reformen manchmal dazu beitragen, das Leiden der Tiere tatsächlich zu verringern, doch können sie auch instrumentalisiert werden, um grundlegend problematische Praktiken zu legitimieren und auf Dauer zu festigen. Es ist daher unerlässlich, unsere langfristigen (abolitionistischen) Ziele im Blick zu behalten und zu unterscheiden zwischen Massnahmen, die das Schicksal der Tiere tatsächlich verbessern, und solchen, die als Welfare Washing zu betrachten sind.
Was ist Welfare Washing?
Ähnlich wie beim Greenwashing, das Kommunikationsstrategien bezeichnet, mit denen sich ein Unternehmen oder eine Organisation trotz der negativen Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf die Umwelt ein umweltbewusstes Image verschafft, besteht Welfare Washing im Tierhaltungskontext darin, sich als tierwohlorientiert darzustellen und gleichzeitig die Realität der Tierhaltungspraktiken zu verschleiern, herunterzuspielen oder zu beschönigen.1 Diese Strategie kann viele Formen annehmen: Produktverpackungen, Werbekampagnen, Websites, Nachhaltigkeitsberichte oder andere Kommunikationsmittel. Sie stützt sich oft auf den Einsatz vager oder positiv besetzter Begriffe («natürliches Produkt», «Freilandhaltung», «Tierwohl»), auf die Hervorhebung von Gütesiegeln, deren tatsächliche Tragweite manchmal begrenzt ist, sowie auf idealisierte Darstellungen, die glückliche Tiere zeigen, die sich in weitläufigen Freiflächen bewegen.
An Beispielen für Welfare Washing im Alltag der Verbraucher mangelt es nicht. Man denke beispielsweise an eine Käseverpackung, auf der eine Kuh und ihr Kalb zu sehen sind, die friedlich nebeneinander auf einer Wiese grasen, während in der Milchviehhaltung Kälber in der Regel kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden.2 Ebenso können bestimmte Angaben wie «Freilandhaltung» bei den Verbrauchern die Vorstellung wecken, dass die Tiere den Grossteil ihres Lebens im Freien verbringen, obwohl die tatsächlichen Haltungsbedingungen oft weit von dieser Vorstellung entfernt sind.3

Ziele und Folgen4
Über die dabei eingesetzten Kommunikationstechniken hinaus erfüllt Welfare Washing mehrere wesentliche Funktionen. Zum einen lenkt es die Aufmerksamkeit von den problematischsten Aspekten der Tierausbeutung ab, indem es die Diskussion auf Massnahmen konzentriert, die angeblich die Haltungsbedingungen verbessern sollen. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob die Nutzung von Tieren moralisch vertretbar ist, sondern lediglich, wie man sie akzeptabler gestalten kann. Die Debatte verlagert sich somit vom Bereich der Ethik hin zum Bereich des Managements und der Optimierung bestehender Praktiken.
Indem sie die Erzeuger, die Lieferketten und die Kontrollbehörden als voll und ganz dem Tierschutz verpflichtet darstellen, zielen Welfare-Washing-Diskurse darauf ab, die Tierfrage zu entpolitisieren. Da die Akteure der Branche sich des Problems angeblich bewusst sind und bereits daran arbeiten, es zu lösen, erscheint jegliches bürgerliches Eingreifen oder Wachsamkeit überflüssig. Die Öffentlichkeit wird somit dazu aufgefordert, den bestehenden Mechanismen zu vertrauen, anstatt das System selbst in Frage zu stellen. Die moralische Verantwortung wird auf die Institutionen und die Industrie übertragen, während den Verbrauchern die Vorstellung vermittelt wird, dass es nicht notwendig ist, sich weiter um das Schicksal der Tiere zu sorgen.
Welfare Washing trägt zudem dazu bei, Schuldgefühle zu vermeiden. Indem es die erzielten Fortschritte und die angeblich geltenden hohen Standards hervorhebt, ermöglicht es den Verbrauchern, weiterhin tierische Produkte zu kaufen und zu konsumieren – mit dem Gefühl, den wichtigsten ethischen Bedenken bereits Rechnung getragen zu haben. Das Leid und die Opfer, die dem Tierhaltungssystem innewohnen, rücken dann in den Hintergrund hinter dem Image einer Industrie, die sich um das Wohlergehen der Tiere kümmert.
Durch die Verbreitung unvollständiger oder idealisierter Darstellungen der Realität trägt Welfare Washing schliesslich dazu bei, die Unwissenheit der Öffentlichkeit über die tatsächlichen Lebensbedingungen der ausgebeuteten Tiere aufrechtzuerhalten. Je positiver das vermittelte Bild ist, desto weniger sind die Bürger motiviert, sich zu informieren, Nachforschungen anzustellen oder die Praktiken zu hinterfragen, die sich hinter den von ihnen konsumierten Produkten verbergen. So kommt es, dass man Aussagen wie «In der Schweiz gibt es keine Massentierhaltung», «Tierschutz steht in der Schweizer Landwirtschaft an erster Stelle» oder «Schweizer Kühe sind glückliche Kühe» hört oder sogar als selbstverständlich hinnimmt. Diese Aussagen, die in der Öffentlichkeit weit verbreitet sind, vermitteln ein besonders positives Bild der Tierhaltung, das manchmal in starkem Kontrast zur Realität steht, die die betroffenen Tiere erleben.

Welfare Washing in der Schweizer Gesetzgebung
Man hört oft, dass die Schweizer Tierschutzgesetzgebung zu den strengsten der Welt gehört. Tatsächlich gibt es ein Bundesgesetz über den Tierschutz (TSchG), das «den Schutz der Würde und des Wohlergehens der Tiere» zum Ziel hat. Konkretisiert wird dieses Gesetz durch die Tierschutzverordnung (TSchV), die Mindestanforderungen an die Tierhaltung festlegt. Allerdings macht diese Gesetzgebung das Wohlergehen der Tiere nicht zu einer absoluten Anforderung, sondern zu einem Aspekt, der mit der Nutzung der Tiere in Einklang gebracht werden muss. So muss jede Person, die mit Tieren umgeht, für deren Wohlergehen sorgen,
«soweit es der Verwendungszweck zulässt» (TSchG, Art. 4).
Diese Formulierung zeigt, dass das Wohlergehen der Tiere nicht bedingungslos geschützt ist: Es bleibt den Zielen untergeordnet, die mit ihrer Nutzung verfolgt werden, insbesondere wenn diese mit Produktion und Rentabilität zusammenhängen.
Das Gleiche gilt für den Begriff der «Würde des Tieres»: Seit 1992 werden Tiere gesetzlich nicht als Gegenstände, sondern als empfindungsfähige Wesen anerkannt, deren innerer Wert zu achten ist (BV, Art. 120 Abs. 2). Dieser Grundsatz ist jedoch nicht absolut:
«Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann.» (TSchG, Art. 3 Bst. a)
Wie das Tierwohl unterliegt auch die Würde der Tiere somit einer Interessenabwägung. In der Praxis haben die wirtschaftlichen Erfordernisse der Tierhaltung oft Vorrang vor der Achtung ihres inneren Wertes.
Das Schweizer Tierschutzsystem ist bei weitem nicht so vorbildlich, wie es scheint, sondern erinnert vielmehr an Welfare Washing: Es vermittelt den Eindruck, dass die Schweizer Landwirtschaft besonders strenge Standards erfüllt und dass die in unserem Land gehaltenen Tiere ein hohes Schutzniveau geniessen, während ihr Wohlergehen und ihre Würde weiterhin den Erfordernissen der Produktion und der Rentabilität untergeordnet sind. Zudem werden die bestehenden Vorschriften weder konsequent durchgesetzt noch systematisch kontrolliert. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserer Kampagne «Widersprüche der Schweizer Politik», insbesondere in den Abschnitten «Tierwohl vs. Gewinn» und «Strenges Tierschutzgesetz vs. mangelhafter Vollzug».
RAUS-Programm
Zu den weiteren Beispielen für Welfare Washing im Schweizer Rechtsrahmen zählt das Programm «Regelmässiger Auslauf im Freien» (RAUS). Obwohl dieses Programm eigentlich den Zugang der Tiere zu Aussenbereichen fördern soll, haben dieses Jahr die eidgenössischen Räte einer Lockerung der Kriterien zugestimmt, wodurch bestimmte Auslaufbereiche in Innenräumen als «Auslauf im Freien» eingestuft werden können.5 Diese Entwicklung veranschaulicht, wie Massnahmen, die als tierwohlfördernd dargestellt werden, nach und nach ihrer Substanz beraubt werden können, während sie gleichzeitig ihre Bezeichnung und ihre Kommunikationsfunktion behalten.
Deklarationspflicht
Ein anderes Beispiel für Welfare Washing ist die Einführung einer Deklarationspflicht ab dem 1. Juli 2027 für bestimmte tierische Lebensmittel, die von Tieren stammen, bei denen bestimmte schmerzhafte Eingriffe6 ohne Betäubung vorgenommen wurden. Diese Vorschrift beendet diese Praktiken jedoch nicht; sie beschränkt sich darauf, die Verbraucherinnen und Verbraucher über deren Existenz zu informieren, während ihre Fortsetzung weiterhin erlaubt ist. Mit anderen Worten: Sie regelt und normalisiert Praktiken, die als Ursachen für Tierleid anerkannt sind, anstatt sie zu verbieten. Darüber hinaus reduziert diese Bestimmung die Frage des Tierschutzes allein auf das Fehlen einer Betäubung bei bestimmten Eingriffen. Sie verschleiert die Tatsache, dass zahlreiche andere Praktiken in der Tierhaltung und bei der Schlachtung ebenfalls Stress, Angst und Leiden verursachen können, selbst wenn die gesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Aus ethischer Sicht stellt diese Massnahme daher keinen bedeutenden Fortschritt für die Tiere dar. Sie vermittelt den Eindruck, dass das Problem angegangen wird, ohne jedoch das System in Frage zu stellen, das diese Praktiken erst ermöglicht. Um dem Leiden der Tiere ein Ende zu setzen, sind keine neuen Angaben auf den Verpackungen erforderlich, sondern eine tiefgreifende Umgestaltung unseres Ernährungssystems hin zu Modellen, die keine Ausbeutung von Tieren mehr beinhalten.
Fazit
Obwohl der Begriff Welfare Washing noch wenig bekannt ist, handelt es sich um ein Phänomen, das weitaus häufiger auftritt, als zunächst angenommen – sowohl in der öffentlichen Debatte als auch in institutionellen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Diese Praxis trägt aktiv zur Legitimierung eines Systems bei, das auf der Ausbeutung von Tieren basiert. Indem sie problematische Praktiken als scheinbaren Fortschritt darstellt, neutralisiert sie Kritik und verhindert eine grundlegende Hinterfragung dieses Systems. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, Kommunikation nicht mit tatsächlichem Wandel zu verwechseln und anzuerkennen, dass die angekündigten Verbesserungen strukturell begrenzt bleiben, solange die Ausbeutung von Tieren fortbesteht. Es erscheint daher für Tierrechtsorganisationen unerlässlich, diese Verschleierungsmechanismen aufzudecken, um ein breiteres Bewusstsein zu schaffen und einen kritischen Blick auf die Darstellungen des Tierschutzes zu fördern. Gleichzeitig ist es wichtig, realistische Initiativen zu unterstützen, welche das enorme Tierleid zumindest etwas reduzieren.
- Kristian Bjørkdahl und Karen Lykke Syse. (2021, 19. Januar). Welfare Washing: Disseminating Disinformation in Meat Marketing, S. 3.
- Swissveg. (2024). Vegan für die Tiere, S. 29
- Swissveg. (o. D.). Ach du dickes Ei!
- Observatoire du spécisme. (2026, 26. April). «Tierwohl»: Welfare Washing im Dienste der speziesistischen Industrie (auf Französisch)
- 25.3231 Motion: «Anpassung der RAUS-Bestimmungen im Sinne von Umwelt und Tierwohl». Siehe Frühlingssession 2026 und Sommersession 2026.
- Rindfleisch von Tieren, die betäubungslos kastriert oder enthornt wurden; Schweinefleisch, wenn die Kastration, das Kupieren des Schwanzes oder das Abklemmen der Zähne ohne Betäubung erfolgte; Eier und Fleisch von Hühnern, deren Schnabel ohne Schmerzausschaltung gekürzt wurde; Milch von Kühen, bei denen die Enthornung ohne Schmerzausschaltung erfolgte; Betäubungslos gewonnene Froschschenkel; Leber und Fleisch von Gänsen und Enten aus der Stopfmast.
Eidgenössisches Departement des Innern, Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. (2026, 22. Juni). Deklaration tierischer Lebensmittel: Vernehmlassung der Länderlistenverordnung eröffnet.

