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12.08.2025 | Renato

Landwirte sollen Einfühlungsvermögen mit ihren Tieren zeigen, um sie gut zu behandeln. Gleichzeitig sollen sie ihre jungen, gesunden Tiere zum Schlachter bringen, um sie dort zur Fleischgewinnung töten zu lassen. Ist dies der Grund, weshalb die Suizidrate unter Landwirten weltweit wesentlich höher ist, als in der Durchschnittsbevölkerung?

Für Grossbritannien hat man diese psychische Belastung der Landwirte mit einer Umfrage genauer untersucht.1
Über 90 % der Junglandwirte bezeichnen die psychische Gesundheit als die grösste versteckte Gefahr, der die britische Landwirtschaft heute ausgesetzt ist. Das Problem scheint also wesentlich grösser zu sein, als man bisher angenommen hat.

Schweineanhänger im SchlachthofDie Untersuchung aus Grossbritannien ergab alarmierende Erkenntnisse:
Mehr als die Hälfte (56 %) der Tierhalter fühlen sich bei ihrer Arbeit moralisch «extrem» bis «mässig» betroffen und 45 % gaben an, dass sie Gefühle des Mitgefühls gegenüber ihren Tieren unterdrücken. 35 % haben sich durch einige Aspekte ihrer Arbeit mit Tieren traumatisiert. Diese Folgen unterdrückter Gefühle sind nicht überraschend.2 Noch problematischer ist es dadurch, dass fast die Hälfte (48 %) angegeben haben manchmal nicht über diesen schwierigsten Teil ihrer Arbeit mit Freunden oder der Familie sprechen zu können.

Um nicht direkt mit dem Töten ihrer Tiere konfrontiert zu werden, übergeben die meisten Landwirte diese Aufgabe anderen. Eine Person beschreibt dies so: «In der Vergangenheit haben wir unsere eigenen Hühner, Truthähne und Gänse gegessen. Ich habe sie selbst getötet und fühlte mich dabei immer schrecklich. Wenn ich sie selbst töten, ausnehmen und zubereiten musste, fiel es mir schwer, sie zu essen, und deshalb lasse ich die Schafe von jemand anderem schlachten.»

Die moralischen Bedenken, sind weltweit verbreitet und scheinen zuzunehmen. Jedoch wagt kaum jemand darüber zu sprechen. Deutlich wird dies aus diesem Statement einer betroffenen Person: 

«Immer mehr Landwirte sind moralisch betroffen über das, was sie tun, indem sie sich um Tiere kümmern, die dann getötet werden. Das ist neu und weltweit, und jeder weiss es, aber man kann es als Landwirt nicht sagen, es ist Hochverrat.»3

Dreiviertel aller befragten Landwirte glauben, dass (auch) andere Landwirte mit ihrem Gewissen zu kämpfen haben, wenn es darum geht Tiere zum Schlachten zu bringen. Und rund die Hälfte glaubt, dass dieser Aspekt unterschätzt wird.

Offen für Veränderung

Fast Zweidrittel der Befragten (63 %) wäre offen für eine Verringerung ihres Tierbestands, und 49 % würden eine völlige Einstellung der Tierhaltung in Betracht ziehen, wenn es finanziell tragfähige Alternativen gäbe. 70 % der Landwirte würden es begrüssen, wenn die Regierung sie bei der Umstellung auf eine tierfreie Landwirtschaft finanziell unterstützen würde. Und 74 % der Landwirte würde es begrüssen, wenn die Regierung eine Umschulung der Landwirte auf eine tierfreie Landwirtschaft unterstützen würde.

Es ist somit offensichtlich, dass hauptsächlich finanzielle Probleme die Tierhalter davon abhalten von der Tierhaltung weg zu kommen. In der Schweiz werden leider weiterhin rund 82 % aller Landwirtschaftssubventionen im Zusammenhang mit der Tierhaltung ausbezahlt. Dies erschwert eine Umstellung auf einen Betrieb ohne Tierhaltung, weil dadurch viele Subventionsansprüche wegfallen.

Vom Staat kann man auch in der Schweiz kaum Hilfe für eine Umstellung erwarten. Aber immerhin gibt es eine private Organisation, welche Beratung für eine Umstellung auf eine tierleidfreie Landwirtschaft anbietet: Transfarmation.

Wichtig wäre in der Schweiz auch, dass die Möglichkeit einer bioveganen Landwirtschaft bekannter wird. Derzeit lernen angehende Landwirte in der Schweiz nicht, wie man eine Landwirtschaft ohne Fäkaliendüngung oder Kunstdünger betreibt.

 

Einige weitere Aussagen zu dieser Problematik von Schweizer Landwirten:

Ich begann die Konsumenten zu verachten, weil sie keine Ahnung hatten, was für ein Leid hinter jedem Liter Milch steckt. Doch ich richtete die Wut vor allem gegen mich selbst und konnte letztendlich nur noch mit Pillen weitermachen. 
(Urs, 55, Landwirt Kanton LU)

«Ein Mann heult nicht» das lernte ich früh, doch blieb es mein Geheimnis das ich mit den Kühen meiner Kindheit teilte. Doch weil ich keinen Ausweg wusste, habe ich mich mehr und mehr dem Alkohol zugewendet. 
(Thomas, 35, Landwirt Kanton ZH)

Wenn du die Tiere in ihrem Wesen einmal wahrnimmst, ein einziges Mal richtig wahr nimmst, dann wirst du fortan nur noch mit extremen innerlichen Konflikten ihre Bedürfnisse übergehen. 
(Peter, 50, Landwirt Kanton BE)

Jedes Mal wenn ich den Schweinen in die Augen schaute, sah ich ihren Wunsch zu vertrauen. Bis zu den Punkt, dass ich lieber mich selber umbringen wollte, statt dieser unschuldigen Wesen. 
(Martin, 40, Landwirt Kanton BE)

Irgendwann weisst du nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Alles dreht sich im Kopf. Dein inneres Wertesystem schaut auf dich hinunter und du lachst es an wie eine Fratze. Manchmal dachte ich sogar, ich sei in einer Art Truman Show, weisst du, dieser Film, in dem ein Mann in einer Art Show ist. 
(Jörg, 53, Landwirt Kanton ZH)

Die obigen Zitate der Schweizer Bauern wurden von TransFARMation zur Verfügung gestellt. Besten Dank.

  1. Flores, C., Knowles, R., Bryant, C. et al. ‘Death by a thousand cuts’: The Role of Moral Distress and Moral Injury in Farmer Mental Ill-Health.  Journal of Agricultural and Environmental Ethics 38, 18 (2025). https://doi.org/10.1007/s10806-025-09955-3 
  2. Emotion suppression and mortality risk over a 12-year follow-up, Journal of Psychosomatic Research, Volume 75, Issue 4, 2013, Pages 381-385, ISSN 0022-3999, https://doi.org/10.1016/j.jpsychores.2013.07.014 
  3. Bryant, C. J., & van der Weele, C. (2021). The farmers’ dilemma: Meat, means, and morality (Vol. 167, p. 105605). Appetite. https://doi.org/10.1016/j.appet.2021.105605 
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