Direkt zum Inhalt
16.10.2026 | Nurdin

Am 13. Oktober 2026 veröffentlichte Nau.ch einen Artikel mit dem Titel «Neue Studie zeigt: Vegane Kost stresst die Leber von Mäusen»1. Auch der Schweizer Bauer2 und einige Westschweizer Medien3 titeln ähnlich. Dadurch wird der Eindruck vermittelt, dass vegane Ernährung für Mäuse gefährlich sei und dies vielleicht auch für Menschen so sein könnte. Doch dieser Eindruck basiert auf einem falschen Verständnis der Studie. Wir haben uns angeschaut, was der Tierversuch der Universität Genf wirklich aufzeigt und wo die Medien falsch liegen.

Worum ging es bei der Studie?

Die kürzlich erschienene Studie der Universität Genf4 hat sich zum primären Ziel gesetzt, herauszufinden, wie die Leber auf eine plötzliche Umstellung der Diät von vegetarisch zu vegan reagiert. Spezifisch wurde untersucht, wie der Zuckerstoffwechsel (Gluconeogenese) der Leber und ihre Fähigkeit, Giftstoffe (z.B. Ammoniak) abzubauen, auf die Umstellung reagieren.

Wie gingen die Forschenden vor?

Im Alter von 8 Wochen wurden Mäusen Pellets mit dem Medikament Tamoxifen implantiert (mehr dazu später). Ab der 12. Woche wurden zwei Gruppen gebildet, eine «vegetarische» und eine «vegane». Diese wurden daraufhin für 4 Tage entsprechend ernährt. Alle Mäuse wurden für die Untersuchung ihres Lebergewebes getötet, wobei einige zuerst noch eine 6-stündige Fastenperiode, während derer unter anderem ihr Blutzuckerspiegel geprüft wurde, durchliefen. Die Mäuse durften sich während ihres kurzen Lebens frei bewegen und Futter und Wasser war bis zur Fastenperiode jederzeit verfügbar.

Was waren die Resultate der Untersuchung?

Bei den genannten Untersuchungen stellten die Forschenden deutliche Unterschiede zwischen der vegetarischen und der veganen Gruppe fest. Die vegan ernährten Mäuse hatten einen weniger effizienten Zuckerstoffwechsel; sie konnten also weniger gut in der Fastenperiode Proteine in verwertbare Zucker umwandeln. Ausserdem zeigten sie ein vermindertes Bewegungsverhalten und hatten stark erhöhte Ammoniakwerte im Blutserum; die Leber der vegan ernährten Mäuse konnte also auch deutlich schlechter Giftstoffe abbauen. Die Forschenden schlussfolgern daraus aber gerade nicht, dass vegane Ernährung die Leber schädigt, sondern nur sehr allgemein, dass sich rasche Stoffwechselveränderungen in der Leber feststellen lassen, wenn die Ernährung abrupt verändert wird. – Warum sie gerade nicht zu der Schlussfolgerung kamen, die von diversen Zeitungsartikeln suggeriert wird, hat mit dem Eingriff vor Beginn des Experiments zu tun.

Wieso ist diese Studie problematisch?

Aus früherer Forschung war bereits bekannt, dass für die Umwandlung von Proteinen in verwertbare Zucker während des Fastens (Gluconeogenese) sowie für den Abbau von Giftstoffen, die dabei entstehen (z.B. Ammoniak) in der Leber das Enzym «Glutamat-Dehydrogenase» (GDH) eine zentrale Rolle spielt. Dies ist der Grund für das Implantieren der Tamoxifen-Pellets, bevor es mit dem Experiment losging – denn Tamoxifen deaktiviert in Mäusen genau dieses Enzym.

Desweiteren sind Proteine mit verzweigtkettigen Aminosäuren (Valin, Leucin und Isoleucin) offenbar wichtig für die Gluconeogenese und den Abbau von Giftstoffen in der Leber. Diese sind aber nicht in allen Nahrungsmitteln enthalten – tierische Proteine, Nüsse und Hülsenfrüchte enthalten viele verzweigtkettige Aminosäuren, Getreideproteine hingegen deutlich weniger. Dass die «veganen» Mäuse spezifisch mit Getreideprotein ernährt wurden, während die «vegetarischen» Mäuse eine vielfältigere Proteinzufuhr (und übrigens auch Schweineschmalz – so viel zu «vegetarisch»)5 erhielten, hat also bestimmt auch zum beobachteten Ergebnis beigetragen. Passend dazu empfehlen die Forschenden dann auch vegan lebenden Personen, genug Hülsenfrüchte und Nüsse zu essen – eine sehr unkontroverse Empfehlung, schliesslich gehören Nüsse und Hülsenfrüchte zu einer gesunden veganen Ernährung meistens dazu.

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass in dieser Studie bei den «veganen» Mäusen durch die Deaktivierung des essenziellen Leberenzyms GDH und eine möglicherweise mangelhafte Ernährung ein Effekt hervorgerufen wurde, der bei gesund ernährten Mäusen mit normal funktionierendem GDH-Enzym wohl nicht eingetreten wäre. Daraus lässt sich zwar manches über die Funktion von GDH und die Wichtigkeit einer abwechslungsreichen Ernährung aussagen, aber ganz sicher nichts über die Leberschädlichkeit der veganen Ernährungsweise an sich.

Dass dafür Mäuse sterben mussten – die Studie gibt nicht eindeutig an, wie viele es waren – ist tragisch. Denn einerseits lassen sich Tierversuche generell oftmals nicht oder nur sehr bedingt auf den Menschen übertragen. Bei dieser Studie ist eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen definitiv nicht möglich, da sich das Enzym GDH beim Menschen und bei der Maus stark unterscheidet.

 Die «Frankfurter Rundschau» schrieb am 17.10.2026:

«Obwohl die Ergebnisse bemerkenswert sind, sehen Fachleute darin keinen Anlass zur Sorge. Dr. Neal Barnard, Medizinprofessor an der medizinischen Fakultät der George Washington University, sagte gegenüber Newsweek, diese Studie lasse sich nicht ‹auf die menschliche Ernährung beziehen›, da das untersuchte Enzym GDH ‹zwischen den Arten völlig unterschiedlich› sei. Barnard erklärte außerdem, zahlreiche Studien hätten positive Zusammenhänge zwischen rein pflanzlicher Ernährung und der menschlichen Gesundheit festgestellt, etwa eine bessere Blutzuckerkontrolle und Lebergesundheit.»

Und auch andererseits ist gerade dieser Versuch aus tierethischer Sicht nur schwer zu rechtfertigen, da er ein Experiment unter Bedingungen vollzieht, die bei vegan lebenden Personen überhaupt nicht standardmässig der Fall sind, hierfür unschuldige Tiere misshandelt und tötet, und da die dadurch gewonnenen Erkenntnisse auch nicht dem Kampf gegen schlimme Erkrankungen wie bspw. Krebs dienen.

Bei gesunden veganen Menschen funktioniert das Leberenzym GDH einwandfrei. Und wer das Medikament Tamoxifen verschrieben bekommt, wird zuvor über alle relevanten Nebenwirkungen informiert.6

Wie berichteten die Medien darüber?

Dass es nun in diversen Medien so dargestellt wird, als müssten sich vegan lebende Personen plötzlich um ihre Lebergesundheit sorgen, ist enttäuschend und trägt vor allem zur allgemeinen Desinformation und zur weiteren Stigmatisierung vegan lebender Personen bei. Es wäre zudem schon längst bekannt, wenn die vegane Ernährungsweise zu Leberschäden führen würde. So hätte man beispielsweise erhöhte Ammoniakwerte bei Veganern festgestellt oder Unterschiede in ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit bemerkt. Stattdessen zeigt der wissenschaftliche Konsens in die Richtung, dass eine gut geplante vegane Ernährung gesund und in jeder Lebensphase, inklusive Schwangerschaft und Stillzeit, problemlos möglich ist. Und auch von den bekanntesten Spitzensportlern leben ja einige vegan.7

Fazit

Es ging bei dieser Studie überhaupt nicht um die Frage, ob die Leber mit einer langfristigen veganen Ernährung klarkommt und ihre Ergebnisse lassen sich auch nicht auf vegan lebende Menschen übertragen. Es wurde bei «veganen» Mäusen durch die Deaktivierung des essenziellen Leberenzyms GDH und eine möglicherweise mangelhafte Ernährung ein Effekt hervorgerufen, der bei gesund vegan ernährten Mäusen mit normal funktionierendem GDH-Enzym wohl nicht eingetreten wäre. Die Studie so darzustellen, als ob sie die Leberschädlichkeit veganer Ernährungsweisen nahelegt, trägt zur Stigmatisierung von Veganern und zur allgemeinen Desinformation bezüglich veganer Ernährung bei und ist deshalb ganz schön problematisch.

 

4   Yan Zhou, Angela M. Ramos-Lobo, Tingting Fu, Hector Gallart-Ayala, Julijana Ivanisevic, Pierre Maechler: «Transition to dietary plant-based proteins requires functional liver GDH for proper control of ammonia and energy homeostasis, Molecular Metabolism», Volume 113, 2026, doi:10.1016/j.molmet.2026.102435.

6   Tatsächlich ist Tamoxifen in der Schweiz zur Behandlung von Brustkrebs zugelassen und es sind mögliche Nebenwirkungen, die die Leber betreffen, bekannt (https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Tamoxifen). Dies bestärkt die Annahme, dass die Implantierung der Tamoxifen-Pellets ab Woche 8 des Experiments die eigentliche relevante Ursache für die beobachteten Wirkungen war.

Weitere Infos
Ihnen gefällt, was Sie sehen?

Jetzt unterstützen

Spenden
Mitglied werden
Jetzt den Tierschutz unterstützen