Als VEG in Ostberlin

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Ostberlin

Ein Besuch im Veganer-Himmel

Psychedelische Klänge und Bohnen

Desertfest Berlin: Bärte, schwarze Kleidung, lange Haare wirbeln zum Takt der wälzenden Gitarrenriffs durch die Luft. Das Astra-Areal ist für einmal in den Fängen der harten Kerle und des Stoner Rocks. Und ich genauso. Oft haben die Festivals in den Stilbereichen des Metals ein gutes veganes Angebot. Am Desertfest suche ich leider vergebens. Glücklicherweise steht auf dem selben Areal das Emma Pea: eine gemütliche Mischung zwischen Restaurant und Imbiss. Zwei Mal verschlägt es mich während dem Festival dahin. Einmal zu einem Teller mit Curry und Reis – bestialisch scharf – und zum zweiten Mal zu einem hinreissend leckeren Rastafari-Eintopf. Das Emma Pea ist ein vegetarisches Lokal mit einem sehr brauchbaren veganen Angebot. Bestellt wird an der Theke bei tätowierten, gutaussehenden Hipsters, gegessen drinnen an grossen oder draussen an kleinen Tischen. Die Preise waren für meinen Geschmack eher hoch, aus Berliner Perspektive, doch der gute Eintopf rechtfertigte sie.

Auf der Suche nach dem späten Frühstück

Ein Brunchangebot war eher schwierig zu finden, vor allem da meine Truppe grösstenteils omnivor war und nicht gewohnt, zu einem Restaurant extra ein wenig hinzureisen. Zum ersten Frühstück gingen wir in ein beliebiges Restaurant, welches nicht genau wusste, was vegan sei. Mit einem Salat in den Tag zu starten war für mich zwar ungewohnt, doch tat mir sehr gut. Nach einer ausgiebigen Internet-Recherche fand ich in nächster Nähe ein Restaurant mit einem exquisiten, orientalisch angehauchten Frühstücksteller. Leckere Früchte, Hummus, Taboule, Erdnussbutter und Konfitüre taten meinem etwas verkaterten Bauch sehr gut. Bei den üblichen Verdächtigen Happycow und berlinvegan war das Café Casero nicht zu finden, erst Google spukte die Speisekarte mit der veganen Option aus.
Das Festival führte uns zu einem sehr gemütlichen Rhythmus, weshalb ich das Frühstück ungefähr um 13 Uhr und das Mittagessen erst während dem Festival ass – und mir auf dem Rückweg ins Hostel jeweils einen Falafel für zwei Euro leistete. Neben dem Desertfest reichte die Zeit nicht, die Grosstadt auf der üblichen veganen Abenteuerreise zu erkunden.

Fulminante Zugabe

Dementsprechend hängte ich an das Festival noch zwei Tage Berlin an und besuchte unter anderem die beiden Veganz, Goodies und Avesu, sowie den Kleiderladen Dear Goods. Die Preise waren selbstbewusst, doch dementsprechend auch das Angebot unschlagbar. DA war also das Veganerparadies, wo es sich nach Herzenslust einkaufen lässt, ohne nach den Inhaltsstoffen fragen zu müssen. Im Goodies griff ich zu bei Smoothie, Kuchen, Cappuchino, Sandwiches, Müsli etc. und konnte es kaum glauben, dass ich da jetzt wirklich nicht nachfragen muss. Natürlich las ich - wo deklariert - trotzdem bei den Inhaltsstoffen nach, eine schon natürliche Gewohnheit, und war erfreut, wie pflanzlich, aber auch gesund sich das anhörte. 

In den Veganz ging ich extra mit nur wenig Euros – weshalb ich dann vor dem Bezahlen noch einmal zu einem Bancomaten rennen musste. Ich freue mich darauf, wird der vegane Markt grösser und die Konkurrenz härter. Dann entschuldigt wohl nur noch die faire Produktion die hohen Preise und lässt sie mich gerne bezahlen. Dennoch ist der Veganz mit seinem angehängten Goodies ein Schlaraffenland.

Auch das lang ersehnte «Leder»portmonee und ein -rucksack aus dem Dear Goods von MATT & NATT sind nun in meinem Besitz, täuschend echt und echt robust. Nur bei den Schuhen war für meinen Geschmack nichts dabei, entweder fehlte die richtige Grösse oder der Schuh war untragbar unbequem. Ich gebe zu, meine Füsse sind nicht die schmalsten, doch habe ich normalerweise keine Probleme, Schuhe zu finden. Wenn der Trend so weiterläuft wird aber sicherlich bald ein veganer Schuhshop öffnen, der meinen Geschmack mit tragbaren Schuhen trifft.

Burger und Punks

Zwei Mal ging ich noch auswärts essen, einmal einen Burger mit Fritten und einmal Käsespätzle.
Die Burgerbude Schiller Burger hatte neu eröffnet und neben den üblichen, stinkenden und von Fett triefenden Mörderhäufchen zwei vegane Burger im Angebot. Leider war der pflanzliche Käse alle und ich kam nicht zum erhofften Cheeseburger. Doch auch in den normalen Burger hätte ich mich reinlegen können. Die selbstgemachten, dicken Fritten aus Süss- und Kartoffeln waren Decke und Kissen in meinem veganen Himmelbett. Die Käsespätzle dagegen waren etwas fad und lieblos hingeworfen, doch es waren Spätzle! Mit Käse! In einem Imbiss! Ganz selbstverständlich! Das typische Weizenbier dazu gab mir das Gefühl, nun esskulturell echt urdeutsch zu sein, im Rasta/Punk/was auch immer-Schuppen yoyo Foodworld, beim Schreiben von lustigen Karten an meine Familie, auf einem Städtetrip an einem gesellschaftlich fast schon zu Heimat-Schweiz-ähnlichen Ort.

Und dann setzte ich mich einfach in einen Zug und war schon wieder zu Hause.

Lili Vanilly

Letzte Aktualisierung: 15.06.2015