Direkt zum Inhalt

Mangel bei Fleischkonsum

Vorsicht vor Mangelerscheinungen bei gemischter Kost

Fast jeder Artikel, der sich mit der vegetarischen oder veganen Ernährung befasst (und nicht ausschliesslich Ethik, Tierschutz oder Ökologie behandelt), betont, dass man darauf achten sollte, keine Mangelerscheinungen durch eine pflanzenbasierte Ernährung zu erhalten. Ist diese «obligatorische» Warnung gerechtfertigt? Und weshalb hört man selten eine solche Warnung bei der Ernährung mit Fleisch?

«Worauf müssen VeganerInnen achten, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen?» Dies ist wohl die beliebteste Fragestellung vieler AutorInnen, wenn es um diese Lebensweise geht. Dieselben AutorInnen würden nie zum Thema «Worauf müssen FleischesserInnen achten, um keine Mangelerscheinungen zu bekommen?» schreiben. 
Die Logik hinter der üblichen Argumentation ist: Fleisch enthält viele verschiedene Inhaltsstoffe. Da der Mensch auch aus Fleisch besteht, ist im tierischen Fleisch alles enthalten, was der menschliche Körper zu seinem Aufbau benötigt. Deshalb werde es schwieriger, ohne Fleisch alle nötigen Stoffe zu sich zu nehmen.
Die Tatsachen sind allerdings nicht so eindeutig. Keine sich vegan oder vegetarisch ernährende Person lässt einfach Fleisch und andere tierische Produkte weg, sondern ersetzt sie meist durch gesunde pflanzliche Produkte (Getreide, Reis, Hülsenfrüchte, Früchte, Gemüse). Schliesslich ist eine vegetarische oder vegane Ernährung keine Diät, bei der man seine Ernährung einfach reduziert, sondern man stellt sie nur anders zusammen.
Deshalb hier einmal die Sicht auf mögliche Mangelerscheinungen von FleischesserInnen. Diese Seiten werden kaum je als positive Aspekte der pflanzenbasierten Ernährung in den Medien berücksichtigt.

Folsäure

FleischesserInnen leiden so häufig unter einem Mangel am B-Vitamin Folsäure (=Folat), dass das Bundesamt für Gesundheit darüber nachdenkt, Grundnahrungsmittel mit diesem Vitamin anzureichern. In der Schweiz wird rund 300 Nahrungsmitteln bereits Folsäure zugesetzt. Da gute Folsäurelieferanten vor allem Nahrungsmittel sind, die mehr von VegetarierInnen konsumiert werden (Salat, Gemüse, Vollkornprodukte), und Fleisch nur sehr wenig davon enthält, ist bei fleischreicher Nahrung besonders auf genügend Folsäurezufuhr zu achten. Bei fleischessenden Frauen mit Kinderwunsch sollte eine Nahrungsergänzung mit Folsäuretabletten in Betracht gezogen werden, um eine Missbildung des ungeborenen Kindes in den ersten Schwangerschaftswochen zu vermeiden.
Ein Folsäuremangel kann auch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, wie zum Beispiel die Arteriosklerose, fördern.

Folsäuregehalt einiger Nahrungsmittel in Mikrogramm pro 100 g: 

Vitamin C

Das lebenswichtige Vitamin kommt hauptsächlich in Früchten und Gemüse vor. Fleisch und andere tierische Produkte enthalten praktisch kein Vitamin C. Darum sollten vor allem FleischesserInnen darauf achten, genügend Vitamin C aufzunehmen, und deshalb mindestens 5 Portionen Früchte bzw. Gemüse pro Tag konsumieren.

Nahrungsfasern

Tierische Produkte enthalten praktisch keine Nahrungsfasern. Deshalb sollten vor allem Nicht-VeganerInnen bzw. -VegetarierInnen darauf achten, genügend der wichtigen Nahrungsfasern zu sich zu nehmen. Die heute weitverbreiteten chronischen Verstopfungen sind eine Folge des zu geringen Konsums faserreicher pflanzlicher Nahrungsmittel.

Nahrungsfasergehalt (g/100 g):
Fleisch
0
Fische
0
Eier
0
Milch
0
Käse
0
Tomate
1.2
Reis, poliert
1.4
Kopfsalat
1.6
Banane
2.0
Brokkoli
3.0
Vollkornreis
3.0
Weissbrot
3.6
Vollkornbrot
6.6
Mandeln
15.0


Zu viel statt zu wenig

FleischesserInnen sollten bei ihrer Ernährung darauf achten, nicht zu viel Fett (inkl. Cholesterin), Purinsäure, konzentrierte Umweltgifte und Medikamentenrückstände aufzunehmen. Diese Substanzen, welche in tierischen Produkten gegenüber den pflanzlichen Produkten in konzentrierterer Form vorkommen, können gravierende gesundheitliche Nachteile mit sich bringen, da der menschliche Körper kaum Möglichkeiten hat, diese Stoffe in grösseren Mengen zu verarbeiten oder auszuscheiden.
Bekommt der Körper von einem Nährstoff zu wenig, kann man den Nährstoff einfach ergänzen. Wird der Körper aber mit ungesunden Stoffen belastet, ist es schwer, diese wieder aus dem Körper zu entfernen.

Neutralität

Ist es angebracht angesichts dieser Tatsachen, bei jedem Artikel über die vegane oder vegetarische Ernährung auf mögliche Mangelerscheinungen hinzuweisen? Wohl kaum. Jede einseitige Ernährung ist problematisch, ob mit oder ohne Fleisch. Besonders lächerlich wird es, wenn VegetarierInnen dazu geraten wird, genügend Früchte und Gemüse zu konsumieren (was häufig vorkommt).

Natürlich kann man auch bei sehr einseitiger veganer oder vegetarischer Ernährung mangelernährt sein, ebenso wie bei einer einseitigen fleischorientierten Ernährung. Wenn jedoch eine Veganerin bzw. ein Veganer sich falsch ernährt, wird dies als Beweis angesehen, dass die vegane Ernährung grundsätzlich problematisch sei.  Wenn eine Fleischesserin bzw. ein Fleischesser Mangelerscheinungen erhält, wird dies als persönliches Problem der entsprechenden Person bewertet. Dies erweckt bei den KonsumentInnen der Medien die Vorstellung, dass die vegane Ernährung eher zu Mangelerscheinungen führt.

Renato Pichler

Weitere Infos
Ihnen gefällt, was Sie sehen?

Jetzt unterstützen

Spenden
Mitglied werden