«Bitte essen Sie nicht gesund! Ihre Nahrungsmittel-Industrie»

DruckversionPDF version
Sezierplan

Im Wissenschaftsmagazin «Scientific American» wurde ein Gastbeitrag unter folgendem Titel veröffentlicht: «Lieber amerikanischer Konsument: Bitte beginne nicht, dich gesund zu ernähren. Mit freundlichen Grüssen – die Nahrungsmittel-Industrie.»1 Was war der Hintergrund?

Eine Arbeitsgruppe des US-Amerikanischen Kongresses hat 2011 Richtlinien für die Werbung von Nahrungsmitteln aufgestellt. Nach deren Definition wären von den 100 meistkonsumierten Nahrungsmitteln in den USA 88 «ungesund». Gemäss dem Gesetz hätte die Nahrungsmittelindustrie also nur noch für 12 dieser beliebtesten Nahrungsmittel werben dürfen. Das bedeutet: Für fast 90% der Produkte wäre Werbung verboten geworden. Die Nahrungsmittelindustrie hat daraufhin ihre Wirtschaftsmacht ausgespielt und das Gesetz zu Fall gebracht.

Wäre dies in der Schweiz auch möglich?

Nein, ein solches Vorgehen der Nahrungsmittelindustrie wäre in der Schweiz kaum denkbar. Allerdings nicht, weil sie zu sehr um unsere Gesundheit besorgt ist, sondern weil bei unserem politischen System die Nahrungsmittelindustrie bereits vor Einführung eines solchen Gesetzes befragt würde, ob sie es akzeptieren würde. Die Gesetze, welche von wirtschaftlich zu starken Organisationen abgelehnt werden, würden so gar nicht erst durchkommen. Diese Vernehmlassungen2 haben durchaus ihren Sinn: Würde es diese nicht geben, gäbe es viele zusätzliche Referenden gegen neue Gesetze, welche die ganze Politik blockieren könnten und immense Steuergelder verbrauchen würden. Natürlich wird das Argument bei einer Gesetzes-Vernehmlassung nicht lauten, dass man der Bevölkerung weiterhin ungesunde Nahrung verkaufen will, um damit Profite zu erwirtschaften, sondern es wird argumentiert, dass man nicht per Gesetz vorschreiben solle, was verkauft/konsumiert werden dürfe oder dass eine Definition von «gesund» unmöglich sei. Jeder Konsument solle selbst entscheiden, wie er sich ernähren möchte. Dieses Argument hat jedoch zwei Haken: 1. Es geht hier nur um das Bewerben, es wird keine Wahlfreiheit eingeschränkt, und 2. wird die freie Wahl schon jetzt durch die finanzstarken Werbekampagnen von Grosskonzernen stark beeinflusst.
Übrigens: Wann haben Sie das letzte Mal im TV eine Werbung für Äpfel, Karotten oder andere natürliche, gesunde Produkte gesehen? An solch unverarbeiteten, natürlichen Produkten wird zu wenig verdient. Deshalb wird dafür kaum geworben.

Lebensmittelkonzerne agieren wie Tabakindustrie

Die Anschuldigungen sind hart: Mehrere Wissenschaftler haben in der angesehenen Fachzeitschrift «The Lancet»3 behauptet, dass die Lebensmittelkonzerne heute dieselben Methoden anwenden wie früher die Tabakindustrie. Sie manipulieren die Wissenschaft mit Sponsorings von Studien und Wissenschaftlern, nehmen Einfluss auf die Gesetzgebungen, unterwandern die angeblich unabhängigen Kontrollbehörden und andere einflussreiche Personengruppen (Ernährungsberater, Ärzte etc.). Ausserdem beeinflussen sie die Öffentlichkeit, damit diese in ihrem Sinne abstimmt. Dies geschieht unter anderem mit scheinbar neutralen Konsumentenschutzgruppen, die zu diesem Zweck gegründet wurden.

Die Kernaussagen der Wissenschaftler lauten:

  • Die Produzenten von alkoholischen Getränken und stark verarbeiteten Nahrungsmitteln und Getränken benutzen ähnliche Strategien wie die Tabakindustrie, um die effektiven Gesundheitsprogramme der öffentlichen Hand zu unterwandern.
  • Entgegen dem allgemeinen Vertrauen in eine selbst regulierende Wirtschaft und in öffentlich-private Partnerschaften zur Verbesserung der allgemeinen Gesundheit gibt es keine Beweise, welche dieses Vertrauen rechtfertigen würden – ganz im Gegenteil

Die Autoren fordern deshalb eine starke gesetzliche Regulierung der transnationalen Lebensmittelkonzerne. Immerhin geht es dabei um über 30 Millionen Menschen, die durch ihren ungesunden Lebensstil jedes Jahr sterben. Und das krankhafte Übergewicht, das durch die Fehlernährung (und mangelnde Bewegung) epidemieartige Ausmasse angenommen hat.

Renato Pichler

Letzte Aktualisierung: 30.06.2015
Fussnoten:
  1. blogs.scientificamerican.com/ guest-blog/2013/05/19/dear- american-consumers-please-dont- start-eating-healthfully-sincerely- the-food-industry/?WT_mc_id= SA_CAT_ENGYSUS_20130523
  2. Alle aktuellen Vernehmlassungen können hier von allen eingesehen werden: www.admin.ch/bundesrecht/pc/ 
  3. Nicolai Kwasniewski: «Lancet»-Studie: Lebensmittelkonzerne übernehmen Me­thoden der Tabaklobby, www.spiegel.de/wirtschaft/service/ studie-a-882971.html
    Rob Moodie, David Stuckler, Carlos Monteiro, Nick Sheron, Bruce Neal, Thaksaphon Thamarangsi, Paul Lincoln, Sally Casswell im Namen der «Non-Communicable Diseases» Aktionsgruppe von The Lancet: «Profits and pandemics: prevention of harmful effects of tobacco, alcohol, and ultra-processed food and drink industries», online veröffentlicht: 12. Februar 2013