Am 27. September 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die «Initiative für eine sichere Ernährung» ab. Keine der grösseren Parteien unterstützt die Initiative. Das Parlament und der Bundesrat lehnen sie einstimmig ab. Swissveg unterstützt die Initiative dennoch. Deshalb ist es interessant sich anzusehen, welche Gegenargumente vorgebracht werden.
Die Initiative setzt zur Stärkung der Ernährungssicherheit auf drei Hauptpunkte:
- Inländische Produktion nachhaltig stärken
- Eine Selbstversorgung von 70% anstreben, dafür pflanzliche Lebensmittel fördern
- Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und sauberes Trinkwasser sicherstellen
Die Gegner der Initiative versuchen der Stimmbevölkerung einzureden, dass sie mit Annahme der Initiative keine tierischen Produkte mehr essen dürften. Der Zürcher Bauernverband hat für diese Botschaft bereits über 50 Videos auf Instagram gepostet. Sie kämpfen dabei vor allem um ihre Privilegien als Fleisch- und Milchproduzenten, die derzeit Hauptnutzniesser der Landwirtschaftspolitik des Bundes sind. Deshalb haben sich bei den Gegnern vor allem die verschiedensten Vertreter der Fleischbranche zusammen getan, damit sie weiterhin von den Milliarden des Bundes profitieren können. Da es um enorm viel Geld geht, ist ihnen jedes Mittel recht. Die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Deshalb hier eine Einordnung der Aussagen der Fleischlobbyisten:
«Vegan-Zwang»-Initiative
Die Gegner der Initiative1 versuchen sie als Ernährungsvorschrift zu diffamieren. Dabei kommen im Initiativtext keinerlei Verbote vor. Auch mit Annahme der Initiative dürfen alle weiter das essen, was sie möchten. Was sich aber ändern würde: Der Bund würde nicht mehr 6 Millionen Franken Steuergelder in Fleischwerbung investieren. Die Landwirtschaftssubventionen würden nicht mehr sehr einseitig die Tierhaltung fördern. Die Bevölkerung würde nicht mehr zum Fleischkonsum gedrängt. Das hat nichts mit einem «Vegan-Zwang» zu tun.
Heute fördern 78% der 3,6 Milliarden Agrarsubventionen die Tierproduktion.2
«60 bis 70 % der landwirtschaftlichen Fläche ist Grasland und kann nur für Fleisch- und Milchproduktion genutzt werden»
Die Prozentzahl stammt vom Schweizer Bauernverband und wurde vom Bundesamt für Statistik ungeprüft übernommen. Wenn auf einer Fläche eine Kuh steht, gilt die Fläche als «Grasland», völlig unabhängig von der Bodenqualität. An vielen Orten, wo heute Kühe weiden, könnte auch Ackerbau betrieben werden. Und an den Orten, wo dies nicht möglich ist, könnte auch mit der Initiative eine standortangepasste Lebensmittelproduktion betrieben werden. Daran ändert die Initiative nichts. Sie würde aber verändern, dass heute auf mehr als der Hälfte der fruchtbaren Ackerflächen Tierfutter produziert wird. Wegen dieser enormen Verschwendung müssen zurzeit noch rund zwei Drittel der in der Schweiz konsumierten pflanzlichen Lebensmittel importiert werden.3
Total werden 29,2 Millionen Tonnen Futtermittel an die Schweizer Nutztiere verfüttert (2024). 22,5 Millionen Tonnen davon sind Gras, Heu etc. – also nicht sehr energiereiche Futtermittel. Insgesamt wurden 2024 rund 1,45 Millionen Tonnen Futter (hauptsächlich Kraftfutter) aus dem Ausland importiert. Tendenz steigend: Innert 20 Jahren hat sich der Import praktisch verdoppelt. Ohne diese energiereichen Importfuttermittel könnte nur halb so viel Fleisch in der Schweiz erzeugt werden.
Das Graslandargument gilt nur für einen sehr kleinen Teil der tierischen Produkte, die in der Schweiz produziert werden (und dieser Teil wird durch die Initiative nicht beeinträchtigt). Weder Schweine noch Hühner leben vom Grasland. Diese beiden Tierarten machen aber bereits rund drei Viertel des Schweizer Fleischkonsums aus.

Auf 60% unserer Ackerflächen werden Futtermittel angebaut statt pflanzliche Lebensmittel für uns Menschen.
«Der Boden muss zur Fruchtbarkeit auch ab und zu als Weide genutzt werden»
Die Düngung mit Fäkalien (Mist und Gülle) ist in der Schweiz weit verbreitet. Dies liegt vor allem daran, dass es in der Schweiz einen Überschuss an Fäkalien gibt. Leider gehen sogar viele «Experten» davon aus, dass für die Bodenfruchtbarkeit nur zwei Varianten bestehen: Düngung mit Fäkalien oder mit Kunstdünger. Der dritte Weg ist allerdings für den Boden wesentlich besser: Bio-vegane Landwirtschaft. Diese arbeitet mit der Natur und kann so die Bodenfruchtbarkeit langfristig verbessern. Im Gegensatz zu den Fäkalien werden dabei keine Schädlinge angezogen. Und E-Coli-Bakterien oder Salmonellen werden ebenso wenig auf die Felder ausgebracht, wie Antibiotikarückstände aus der Behandlung der sogenannten Nutztiere.
Dass es auch auf Ackerflächen eine Fruchtfolge mit Kunstwiesen braucht, ist nicht korrekt. Um die bio-vegane Landwirtschaft zu fördern, gibt es seit 2025 das V-Label für vegane Landwirtschaft. Auf der Homepage der Biocyclic Vegan Agriculture gibt es weitere Informationen zu dieser nachhaltigen Landwirtschaftsart ganz ohne Fäkalien und Weideflächen.
Wenn man sich die Argumente der Gegner der Initiative ansieht, ist es gut, dass die Initiative auch Investitionen in Ausbildung und Beratung der Landwirte beinhaltet, damit diese lernen, wie man mit weniger Fäkalien und ohne Wiesen auf Ackerflächen nachhaltige Landwirtschaft betreiben kann.
«Die Schweizer Landwirtschaft produziert, was die Konsumenten nachfragen. Der Bund soll da keine Vorschriften machen.»
Da die Schweizer Landwirte kaum noch von ihren Produkten leben können, steuert der Bund über die Subventionen, was wirtschaftlich sinnvoll produziert werden kann. Der defizitärste Bereich ist die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Am meisten Subventionen werden für die Fleisch-, Milch-, und Zuckerproduktion ausbezahlt. Wobei die Zuckerindustrie aus den Zuckerrüben etwa gleichviel Futtermittel herstellt wie Zucker und somit auch einen Teil der Tierwirtschaft darstellt.
Die Schweizer Landwirte produzieren also nicht was der Markt verlangt, sondern was der Bund subventioniert. Dies gilt insbesondere für den konventionellen Tierhaltungsbereich.
Doch auch auf den Nachfragebereich der Konsumenten nimmt der Bund heute grossen Einfluss: Er subventioniert jedes Jahr die Fleischwerbung mit rund 6 Millionen Franken. Und durch die Subventionen im Produktionsbereich ermöglicht er Fleisch zu Dumpingpreise im Laden. Würden diese beiden Punkte wegfallen, dürfte der Fleischkonsum stark sinken, da dann pflanzliche Produkte konkurrenzfähiger sind und rund die Hälfte der Plakate mit Fleischwerbung wegfallen.
Heute müssen zwei Drittel der pflanzlichen Lebensmittel importiert werden. In diesem Bereich könnte der Selbstversorgungsgrad stark erhöht werden, wenn die Ackerflächen wieder für die Lebensmittelproduktion freigegeben würden.
Was, wenn die Fleischnachfrage weniger (schnell) sinkt, als die Produktion? Heute wird die defizitäre Fleischproduktion künstlich mit Steuergeldern am Leben erhalten. Wenn diese staatliche Förderung zumindest zum Teil zu pflanzlichen Produkten verlagert wird, können viele Landwirte vermehrt pflanzliche Lebensmittel anbauen und somit auf ihren Äckern mehr Lebensmittel produzieren. Eine mögliche Produktionslücke im Fleischbereich kann durch Importe ausgeglichen werden. Die Importe würden sich also von pflanzlichen zu tierischen Produkten verlagern. Gemäss dem bestehenden Ernährungssicherheitsartikel (Art. 104a Abschnitt d) müssen diese Importe nachhaltig sein. Mengenmässig dürften sie aber auf jeden Fall deutlich geringer als heute ausfallen.
Die Gegner der Initiative warnen vor Importen, welche unsere Umweltstandards nicht einhalten. Gleichzeitig lehnen sie aber auch den Teil der Initiative ab, der für mehr Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sauberes Trinkwasser sorgt.

«Der Bund soll nicht vorschreiben, was wir essen dürfen»
Die Initiative enthält keinerlei Vorschriften zur Ernährung. Sie würde aber die heute einseitig auf Fleisch- und Milchkonsum ausgerichtete Subventionspolitik des Bundes beenden. Die einseitige Subventionierung der Fleischwerbung mit jährlich rund 6 Millionen Franken würde beendet werden.
«Selbstversorgungsgrad steigern ist gut, aber nicht so»
Der mit Abstand grösste Hebel zur Steigerung des Selbstversorgungsgrades ist die Verkürzung der Nahrungskette. Keine andere Massnahme kann so viele Kalorien einsparen, wie diese einfache Umstellung. Dadurch kann man auf derselben Fläche ein Vielfaches an Nahrungskalorien produzieren. Wenn man diese wichtigste Massnahme ablehnt, lehnt man auch die Erhöhung des Selbstversorgungsgrades ab und hält die Schweiz weiterhin von Importen abhängig. Es erstaunt, dass gerade die Kreise, welche Abhängigkeiten vom Ausland ablehnen, bei der Ernährung alles dafür tun, dass diese Abhängigkeit aufrechterhalten bleibt.
Dass die Ernährung der grösste Hebel für einen besseren Selbstversorgungsgrad ist, wissen auch die Gegner der Initiative. Sie behaupten sogar, dass 70 % Selbstversorgungsgrad nur mit rein pflanzlicher Ernährung erreicht werden kann. Die naheliegendste Lösung für das Problem der Auslandabhängigkeit wird damit zugegeben, doch die Ablehnung der pflanzlicheren Ernährung ist so stark, dass sie im Krisenfall lieber hungern, als der Initiative eine Chance zu geben.
Der Bund hat schon jetzt einen Verfassungsauftrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung (Bundesverfassung Artikel 104). Mit einem Selbstversorgungsgrad von weniger als 50 % kommt er diesem Auftrag aber nicht nach. Die Initiative würde diesem Auftrag Nachdruck verleihen indem mit ihrer Annahme ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 % zumindest angestrebt würde.
«Die Initiative richtet sich gegen die Bauern»
Heute leben die Schweizer Bauern, welche Milch oder Fleisch produzieren, grossteils von Staatsgeldern. Sie haben dennoch ein geringes Einkommen und die Überproduktion drückt weiter auf die Preise. Die Suizidrate ist unter Landwirten sehr hoch. Es muss sich – auch für die Bauern – etwas ändern. Die Initiative bietet auch hier eine echte Hilfe für alle Landwirte. Sie fördert die Landwirtschaft durch Unterstützung in der Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion. Derzeit müssen z.B. Hersteller von Fleischalternativen wie The Green Mountain und Planted ihr Erbsenprotein vollständig aus dem Ausland importieren, da in der Schweiz das Land für Fleisch- und Milchproduktion verwendet wird. Die Initiative würde die Schweizer Landwirtschaft bei der Neuausrichtung mit Forschung, Beratung und Ausbildung unterstützen.
Die Bestände an Milchkühen und Schweinen nehmen seit Jahren ab. Eine Veränderung kommt deshalb auf jeden Fall auf die Schweizer Landwirtschaft zu. Ohne die Initiative gibt es hierfür jedoch keinerlei Unterstützung vom Bund, der dann weiterhin auf Fleisch- und Milchproduktion fokussiert bleibt, obwohl sich der Markt in eine andere Richtung bewegt.
Die Initiative bietet deshalb eine grosse Chance für alle in der Landwirtschaft Tätigen, sich auf die neuen Marktverhältnisse anzupassen.
«70 % Selbstversorgung in nur 10 Jahren ist unmöglich»
Es stimmt, dass die Initiative das 70-Prozent-Ziel anstrebt und dafür den zeitlichen Rahmen von 10 Jahren vorgibt. Ein bestimmtes Ziel innerhalb einer bestimmten Zeit anzustreben ist aber nicht das Gleiche, wie es zwingend bis dann erreicht haben zu müssen. Die Initiative versucht lediglich, eine klare Richtung mit einem zwar ambitionierten, aber durchaus auch erreichbaren, Ziel vorzugeben. Solche Argumente gegen die Machbarkeit der Initiative sind deshalb entweder unehrlich oder uninformiert.
Gemäss einer Studie von 2025 der ETH Zürich mit dem FiBL wäre sogar ein Selbstversorgungsgrad von über 100 % zu erreichen, wenn man die nötigen Massnahmen konsequent umsetzt. Dazu gehören vor allem: Vermeidung von Food-Waste und die Nutzung der Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion statt Futtermittelherstellung (Feed-no-Food-Strategie). Gleichzeitig würde die Umweltbelastung durch die Nahrungsmittelproduktion stark gesenkt. Da heute gemäss Bund in der Schweiz rund dreimal mehr Fleisch konsumiert wird, als gesund wäre, ist eine Verlagerung von der Fleischwerbung hin zur Bewerbung pflanzlicher Lebensmittel überfällig. Dadurch könnte mit der Umstellung der Landwirtschaft auch indirekt auf die Nachfrage Einfluss genommen werden. Doch selbst, wenn das Ernährungsverhalten sich kurzfristig nicht stark ändern würde, liesse sich zumindest der Import von pflanzlichen Lebensmitteln stark verringern.
Fazit
Die heutige einseitige Bevorzugung der Fleisch- und Milchproduktion auf Kosten der Umwelt und Gesundheit würde durch die Initiative beendet werden. Der Bund würde die Fleischwerbung nicht mehr finanziell unterstützen. Im Gegensatz zu heute, würde statt der Fleischproduktion vermehrt die pflanzliche Lebensmittelproduktion gefördert. Landwirte, die von der defizitären Tierproduktion auf die Produktion pflanzlicher Lebensmittel umsteigen wollen, würden durch die Initiative vom Bund Unterstützung erhalten.
Weder Landwirte noch Konsumenten würden jedoch zu irgend etwas gezwungen.
Im Parlament hat im Nationalrat und im Ständerat keine einzige Person für die Initiative gestimmt. Auch der Bundesrat lehnt die Initiative ab. Die SP, Grüne und GLP wollten in einem Gegenvorschlag die Förderung der pflanzlichen Ernährung ganz herausstreichen, kamen damit aber nicht durch. Wenn es um die Förderung einer pflanzlicheren Ernährung geht, kann man von keiner Seite mit politischer Unterstützung rechnen. Diese Initiative ermöglicht es aber der Bevölkerung den einseitigen Weg der Fleischförderung zu beenden und einen nachhaltigeren Weg einzuschlagen.
- Initiativtext
- Stellungnahme des Bundesrates, dass 78 % der Landwirtschaftssubventionen der Tierhaltung zufliessen: Interpellation: Absatzförderung im Einklang mit einer standortangepassten, nachhaltigen Produktion
- Agristat: Selbstversorgungsgrad nach Nahrungsmittel
- Swissveg unterstützt die kommende Initiative für mehr Ernährungssicherheit, 26.2.2023
- Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung. Agrarforschung Schweiz, 16, 212–224. https://doi.org/10.34776/afs16-212
- Bio-vegane Landwirtschaft
- Transfarmation: Beratung für Landwirtschaftsbetriebe für eine zukunftsfähige Landwirtschaft (noch nicht staatlich gefördert)
- Homepage der Initiative: Initiative für eine sichere Ernährung
- Das V-Label für (bio-)vegane Landwirtschaft.
- Infosperber: Ernährungsinitiative: Bundesrat verheddert sich in Widersprüche, 23.7.2026

