Am 27. September 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die «Initiative für eine sichere Ernährung» ab. Keine der grösseren Parteien unterstützt die Initiative. Das Parlament und der Bundesrat lehnen sie einstimmig ab. Swissveg unterstützt die Initiative dennoch. Darum ist es interessant sich anzusehen, welche Gegenargumente vorgebracht werden.
Die Initiative setzt zur Stärkung der Ernährungssicherheit auf drei Hauptpunkte:
- Inländische Produktion nachhaltig stärken
- Eine Selbstversorgung von 70% anstreben, dafür pflanzliche Lebensmittel fördern
- Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und sauberes Trinkwasser sicherstellen
«In der Schweiz vergisst man, dass wir bei einem Problem an den Grenzen jeden zweiten Tag nichts zu essen haben, weil wir importieren.» Bundesrat Guy Parmelin
Die Gegner der Initiative versuchen der Stimmbevölkerung einzureden, dass sie mit Annahme der Initiative keine tierischen Produkte mehr essen dürften. Der Zürcher Bauernverband hat für diese Botschaft bereits über 50 Videos auf Instagram gepostet. Sie kämpfen dabei vor allem um ihre Privilegien als Fleisch- und Milchproduzenten, die derzeit Hauptnutzniesser der Landwirtschaftspolitik des Bundes sind. Deshalb haben sich bei den Gegnern vor allem die verschiedensten Vertreter der Fleischbranche zusammen getan, damit sie weiterhin von den Milliarden des Bundes profitieren können. Da es um enorm viel Geld geht, ist ihnen jedes Mittel recht. Die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Deshalb hier eine Einordnung der Aussagen der Fleischlobbyisten:
«Vegan-Zwang»-Initiative
Die Gegner der Initiative1 versuchen sie als Ernährungsvorschrift zu diffamieren. Sie haben sogar einen «Tag des letzten Cervelats» lanciert, um Angst vor den Folgen der Initiative zu verbreiten. Dabei kommen im Initiativtext keinerlei Verbote vor. Auch mit Annahme der Initiative dürfen alle weiter das essen, was sie möchten. Was sich aber ändern würde: Der Bund würde nicht mehr 6 Millionen Franken Steuergelder in Fleischwerbung investieren. Die Landwirtschaftssubventionen würden nicht mehr sehr einseitig die Tierhaltung fördern. Die Bevölkerung würde nicht mehr zum Fleischkonsum gedrängt. Falls man diese Verlagerung als «Vegan-Zwang» ansieht, wäre die heutige Situation ein «Fleisch-Zwang».
Der heutige «Fleisch-Zwang» durch den Bund:
- Finanzierung von Fleischwerbung (rund 6 Millionen)
- Finanzierung der Rinderzuchtverbände (24 Millionen)
- Agrarsubventionen für den Tierhaltungsbereich (78 % der 3,6 Milliarden)
- Intensives Dauergrünland (Weideflächen): 600 Franken pro Hektare (mehrere hundert Millionen pro Jahr als «Versorgungssicherheitsbeiträge»)
- In der Kochausbildung, werden alle gezwungen Fleisch zuzubereiten
Da heute gemäss Bund in der Schweiz rund dreimal mehr Fleisch konsumiert wird, als gesund wäre, ist eine Verlagerung von der Fleischwerbung hin zur Bewerbung pflanzlicher Lebensmittel überfällig. Dadurch könnte mit der Umstellung der Landwirtschaft auch indirekt auf die Nachfrage Einfluss genommen werden. Doch selbst, wenn das Ernährungsverhalten sich kurzfristig nicht stark ändern würde, liesse sich zumindest der Import von pflanzlichen Lebensmitteln und den Futtermitteln stark verringern.
Gemessen an der Planetary Health Diet wird in der Schweiz 8,5 Mal soviel Fleisch konsumiert, wie empfohlen. Und 3,5 Mal soviel Milchprodukte, als gut wären. Hingegen wird rund zwanzig Mal weniger Gemüse konsumiert, als gut für die Gesundheit und den Planeten wäre. Auch unter diesem Gesichtspunkt wäre es gut, wenn der Bund seine finanzielle Bevorzugung der Produktion tierischer Nahrungsmittel beendet. Es braucht definitiv keine vom Bund bezahlte Fleischwerbung.
Heute fördern 78% der 3,6 Milliarden Agrarsubventionen die Tierproduktion.2
«60 bis 70 % der landwirtschaftlichen Fläche ist Grasland und kann nur für Fleisch- und Milchproduktion genutzt werden»
Die Prozentzahl stammt vom Schweizer Bauernverband und wurde vom Bundesamt für Statistik ungeprüft übernommen. Wenn auf einer Fläche eine Kuh steht, gilt die Fläche als «Grasland», völlig unabhängig von der Bodenqualität. An vielen Orten, wo heute Kühe weiden, könnte auch Ackerbau betrieben werden. Und an den Orten, wo dies nicht möglich ist, könnte auch mit der Initiative eine standortangepasste Lebensmittelproduktion betrieben werden. Daran ändert die Initiative nichts. Sie würde aber verändern, dass heute auf mehr als der Hälfte der fruchtbaren Ackerflächen Tierfutter produziert wird. Wegen dieser enormen Verschwendung müssen zurzeit noch rund zwei Drittel der in der Schweiz konsumierten pflanzlichen Lebensmittel importiert werden.3
Im Jahr 2024 wurden 29,2 Millionen Tonnen Futtermittel an die Schweizer Nutztiere verfüttert (neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar). 22,5 Millionen Tonnen davon sind Gras, Heu etc. – also nicht sehr energiereiche Futtermittel. Insgesamt wurden 2024 rund 1,45 Millionen Tonnen Futter (hauptsächlich Kraftfutter) aus dem Ausland importiert, Tendenz steigend: Innert 20 Jahren hat sich der Import praktisch verdoppelt. Ohne diese energiereichen Importfuttermittel könnte nur halb so viel Fleisch in der Schweiz erzeugt werden.4
Das Graslandargument gilt nur für einen sehr kleinen Teil der tierischen Produkte, die in der Schweiz produziert werden (und dieser Teil wird durch die Initiative nicht beeinträchtigt). Weder Schweine noch Hühner leben vom Grasland. Diese beiden Tierarten machen aber bereits rund drei Viertel des Schweizer Fleischkonsums aus.

Auf 60% unserer Ackerflächen werden Futtermittel angebaut statt pflanzliche Lebensmittel für uns Menschen.
«Der Boden muss zur Fruchtbarkeit auch ab und zu als Weide genutzt werden»
Die Düngung mit Fäkalien (Mist und Gülle) ist in der Schweiz weit verbreitet. Dies liegt vor allem daran, dass es in der Schweiz einen Überschuss an Fäkalien gibt. Leider gehen sogar viele «Experten» davon aus, dass für die Bodenfruchtbarkeit nur zwei Varianten bestehen: Düngung mit Fäkalien oder mit Kunstdünger. Der dritte Weg ist allerdings für den Boden wesentlich besser: Bio-vegane Landwirtschaft. Diese arbeitet mit der Natur und kann so die Bodenfruchtbarkeit langfristig verbessern. Im Gegensatz zu den Fäkalien werden dabei keine Schädlinge angezogen. Und E-Coli-Bakterien oder Salmonellen werden ebenso wenig auf die Felder ausgebracht, wie Antibiotikarückstände aus der Behandlung der sogenannten "Nutztiere".
Dass es auch auf Ackerflächen eine Fruchtfolge mit Kunstwiesen braucht, ist nicht ganz korrekt. Um die bio-vegane Landwirtschaft zu fördern, gibt es seit 2025 das V-Label für vegane Landwirtschaft. Auf der Homepage der Biocyclic Vegan Agriculture gibt es weitere Informationen zu dieser nachhaltigen Landwirtschaftsart ganz ohne Fäkalien und Weideflächen.
Dabei integriert man durchaus auch Leguminosen wie z.B. Kleegras oder Luzerne in die Fruchtfolge. Die Pflanzen können dann aber auch als Biomasse, Mulch oder Kompost verwendet werden. Daraus Tierfutter herzustellen ist nicht notwendig.
Wenn man sich die Argumente der Gegner der Initiative ansieht, ist es gut, dass die Initiative auch Investitionen in Ausbildung und Beratung der Landwirte beinhaltet, damit diese lernen, wie man mit weniger Fäkalien und ohne Wiesen auf Ackerflächen nachhaltige Landwirtschaft betreiben kann.
«Pflanzenproduktion ist zu unsicher: Ein Unwetter kann schnell alles zerstören.»
Ende August gab es ein Unwetter mit Hagel. Dieser verursachte grosse Zerstörungen in landwirtschaftlichen Kulturen und wurde von den Gegnern der Initiative genutzt, um die pflanzliche Lebensmittelproduktion als unsicher darzustellen. Dabei gehen jedoch mehrere Tatsachen vergessen:
Viele der landwirtschaftlichen Kulturen dienen der Futtermittelproduktion. Auch diese werden durch Unwetter geschädigt und sind genauso gefährdet. Die Produktion von Gemüse und Obst braucht jedoch wesentlich weniger Fläche. Deshalb kann sie einfacher gegen Unwetter geschützt werden (z.B. mit Hagelschutznetzen oder Gewächshäusern). Dies ist bei den riesigen Futtermittelfeldern kaum möglich. Kleinere Gemüsefelder kann man auch eher bewässern. Die Dürre von diesem Jahr hat deshalb eher negative Auswirkungen auf die Futtermittelproduktion gehabt. Durch die Dürre musste sogar Heu aus Kanada importiert werden. Zudem musste der Bundesrat Futter aus dem Pflichtlager freigeben, da Niedrigwasser im Rhein den Futterimport reduzierte und die Trockenheit im Inland das Futterangebot zusätzlich verminderte. Schlechtes Wetter ist für die Tierhaltung in mehrfacher Hinsicht problematischer.
«Die Schweizer Landwirtschaft produziert, was die Konsumenten nachfragen. Der Bund soll da keine Vorschriften machen.»
Da die Schweizer Landwirte kaum noch von ihren Produkten leben können, steuert der Bund über die Subventionen, was wirtschaftlich sinnvoll produziert werden kann. Der defizitärste Bereich ist die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Am meisten Subventionen werden für die Fleisch-, Milch-, und Zuckerproduktion ausbezahlt. Wobei die Zuckerindustrie aus den Zuckerrüben etwa gleichviel Futtermittel herstellt, wie Zucker und somit auch einen Teil der Tierwirtschaft darstellt.
Die Schweizer Landwirte produzieren also nicht was der Markt verlangt, sondern was der Bund subventioniert. Dies gilt insbesondere für den konventionellen Tierhaltungsbereich.
Doch auch auf den Nachfragebereich der Konsumenten nimmt der Bund heute grossen Einfluss: Er subventioniert jedes Jahr die Fleischwerbung mit rund 6 Millionen Franken. Und durch die Subventionen im Produktionsbereich ermöglicht er Fleisch zu Dumpingpreisen im Laden. Würden diese beiden Punkte wegfallen, dürfte der Fleischkonsum stark sinken, da dann pflanzliche Produkte konkurrenzfähiger sind und rund die Hälfte der Plakate mit Fleischwerbung wegfallen.
Heute müssen zwei Drittel der pflanzlichen Lebensmittel importiert werden. In diesem Bereich könnte der Selbstversorgungsgrad stark erhöht werden, wenn die Ackerflächen wieder für die Lebensmittelproduktion freigegeben würden.
Was, wenn die Fleischnachfrage weniger (schnell) sinkt, als die Fleischproduktion? Heute wird die defizitäre Fleischproduktion künstlich mit Steuergeldern am Leben erhalten. Wenn diese staatliche Förderung zumindest zum Teil zu pflanzlichen Produkten verlagert wird, können viele Landwirte vermehrt pflanzliche Lebensmittel anbauen und somit auf ihren Äckern mehr Lebensmittel produzieren. Eine mögliche Produktionslücke im Fleischbereich kann durch vorübergehende Importe ausgeglichen werden. Die Importe würden sich also von pflanzlichen zu tierischen Produkten verlagern. Mengenmässig dürften sie aber auf jeden Fall deutlich geringer als heute ausfallen.
Die Gegner der Initiative warnen vor Importen, welche unsere Umweltstandards nicht einhalten. Gleichzeitig lehnen sie aber auch den Teil der Initiative ab, der für mehr Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sauberes Trinkwasser im Inland sorgt.

«Der Bund soll nicht vorschreiben, was wir essen dürfen»
Die Initiative enthält keinerlei Vorschriften zur Ernährungsweise. Sie würde aber die heute einseitig auf Fleisch- und Milchkonsum ausgerichtete Subventionspolitik des Bundes beenden. Die einseitige Subventionierung der Fleischwerbung mit jährlich rund 6 Millionen Franken würde aufhören.
Derzeit erhalten alleine die Rinderzuchtverbände, welche die Leistung der krankheitsanfälligen Hochleistungsrinder noch weiter steigern, 24 Millionen Franken Steuergelder pro Jahr. Für die Pflanzenzucht gibt der Staat nur rund 7 Millionen jährlich aus. Damit werden die Schweizer Rinder noch mehr von (importiertem) Kraftfutter abhängig. Auch diese einseitige Bevorzugung tierischer Produkte würde die Initiative korrigieren.
Selbst die angestrebten 70 % Selbstversorgungsgrad liessen sich ohne drastische Ernährungsveränderungen seitens der Bevölkerung erreichen, wie mehrere Berechnungen belegen.5 Würden auf den fruchtbaren Ackerflächen weniger Futtermittel und mehr pflanzliche Lebensmittel angebaut, ginge der Import von pflanzlichen Lebensmittel stark zurück, während der Import von Fleisch nicht so stark ansteigen würde. Dies liegt daran, dass von derselben Ackerfläche viel mehr Nahrungskalorien erzeugt werden können, wenn man direkt für die menschliche Ernährung produziert (Verkürzung der Nahrungskette). Das importierte Fleisch würde den Import von Futtermitteln stark reduzieren, da für ein Kilogramm Fleisch ein Vielfaches an Futtermitteln benötigt werden.
Aus Saldo 13/2026 vom 26.8.2026:

Infosperber, 26.7.2026:

Natürlich kann man den Selbstversorgungsgrad noch deutlich mehr steigern und die Importe reduzieren, wenn der Konsum tierischer Produkte spürbar gesenkt wird, aber für die 70 % ist es nicht zwingend nötig, wenn alle anderen Massnahmen umgesetzt werden. Langfristig würde der Fleischkonsum durch die Massnahmen jedoch sinken – ganz ohne jeden Zwang, durch weniger Fleischwerbung, Aufklärung über die Notwendigkeit einer vermehrt pflanzlichen Ernährung und weniger einseitige (finanzieller) Bevorzugung der Fleischproduktion. Der leicht erhöhte Fleischimport wäre also nur kurzfristig in der Übergangsphase notwendig – falls überhaupt. Langfristig könnte sich der Fleischimport sogar auf tieferem Niveau einpendeln, als heute.
«Die Initiative führt zu mehr Fleischimporten»
Wie oben aufgezeigt, kann die Initiative umgesetzt werden, ohne dass sich das Konsumverhalten in der Schweiz ändert: Durch vermehrten Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln statt Futtermitteln auf den fruchtbaren Äckern wird der Import von pflanzlichen Lebensmitteln stark reduziert. Derzeit müssen zwei Drittel unserer pflanzlichen Nahrungsmittel (Gemüse, Früchte, Getreide, Hülsenfrüchte...) importiert werden.
Theoretisch stimmt es, dass dies auch dazu führen würde, dass bei gleichbleibendem Fleischkonsum der Import von Fleisch leicht erhöht werden muss, da die Initiative keinerlei Ernährungsvorschriften für die Bevölkerung enthält. Allerdings bewirkt die Initiative eine freiwillige Reduktion des heutigen Fleischkonsums, indem der Bund keine Steuergelder mehr für Fleischwerbung ausgibt. Diese Gelder können durch die Initiative zur Bewerbung von gesunden pflanzlichen Lebensmitteln hin verlagert werden.
Zudem würde die Förderung des Bundes von pflanzlichen Lebensmitteln die Preisdifferenz zwischen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln zugunsten gesunder, pflanzlicher Lebensmittel verändern.
Diese beiden Massnahmen (Werbung und Preis) würden den Fleischkonsum zugunsten pflanzlicher Lebensmittel reduzieren, ohne dass irgend jemand zu etwas gezwungen wird. Langfristig kann es also durchaus sein, dass der Fleischimport gegenüber heute durch die Initiative sinken wird.

«Selbstversorgungsgrad steigern ist gut, aber nicht so»
Der mit Abstand grösste Hebel zur Steigerung des Selbstversorgungsgrades ist die Verkürzung der Nahrungskette. Keine andere Massnahme kann so viele Kalorien einsparen, wie diese einfache Umstellung. Dadurch kann man auf derselben Fläche ein Vielfaches an Nahrungskalorien produzieren. Wenn man diese wichtigste Massnahme ablehnt, lehnt man auch die Erhöhung des Selbstversorgungsgrades ab und hält die Schweiz weiterhin von Importen abhängig. Es erstaunt, dass gerade diejenigen Kreise, welche Abhängigkeiten vom Ausland ablehnen, bei der Ernährung alles dafür tun, dass diese Abhängigkeit aufrechterhalten bleibt.
Dass die Ernährung der grösste Hebel für einen besseren Selbstversorgungsgrad ist, wissen auch die Gegner der Initiative. Sie behaupten sogar, dass 70 % Selbstversorgungsgrad nur mit rein pflanzlicher Ernährung erreicht werden kann. Die naheliegendste Lösung für das Problem der Auslandabhängigkeit wird damit zugegeben, doch die Ablehnung der pflanzlicheren Ernährung ist so stark, dass sie im Krisenfall lieber hungern, als der Initiative eine Chance zu geben.
Der Bund hat schon jetzt einen Verfassungsauftrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung (Bundesverfassungsartikel 104). Mit einem Selbstversorgungsgrad von weniger als 50 % kommt er diesem Auftrag aber nicht nach. Die Initiative würde diesem Auftrag Nachdruck verleihen indem mit ihrer Annahme ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 % zumindest angestrebt würde.
Den Politikern ist durchaus klar, dass die heutige starke Abhängigkeit von Importen eine Gefahr für Krisenzeiten darstellt. Doch statt das Problem an der Wurzel zu entschärfen, empfehlen sie der Bevölkerung einen Notvorrat anzulegen und lehnen die Ernährungsinitiative als Teil der Lösung ab.
«Die Initiative richtet sich gegen die Bauern»
Heute leben die Schweizer Bauern, welche Milch oder Fleisch produzieren, grossteils von Staatsgeldern. Sie haben dennoch ein geringes Einkommen und die Überproduktion drückt weiter auf die Preise. Die Suizidrate ist unter Landwirten sehr hoch. Es muss sich – auch für die Bauern – etwas ändern. Die Initiative bietet hier eine echte Hilfe. Sie fördert die Landwirtschaft durch Unterstützung in der Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion. Derzeit müssen z.B. Hersteller von Fleischalternativen wie The Green Mountain und Planted ihr Erbsenprotein vollständig aus dem Ausland importieren, da in der Schweiz das Land für Fleisch- und Milchproduktion verwendet wird. Die Initiative würde die Schweizer Landwirtschaft bei der Neuausrichtung mit Forschung, Beratung und Ausbildung unterstützen.
Die Bestände an Milchkühen und Schweinen nehmen seit Jahren ab. Eine Veränderung kommt deshalb auf jeden Fall auf die Schweizer Landwirtschaft zu. Ohne die Initiative gibt es hierfür jedoch keinerlei Unterstützung vom Bund, der dann weiterhin auf Fleisch- und Milchproduktion fokussiert bleibt, obwohl sich der Markt in eine andere Richtung bewegt.
Die Initiative bietet deshalb eine grosse Chance für alle in der Landwirtschaft Tätigen, sich auf die neuen Marktverhältnisse anzupassen.
«70 % Selbstversorgung in nur 10 Jahren ist unmöglich»
Es stimmt, dass die Initiative das 70-Prozent-Ziel anstrebt und dafür den zeitlichen Rahmen von 10 Jahren vorgibt. Ein bestimmtes Ziel innerhalb einer bestimmten Zeit anzustreben ist aber nicht das Gleiche, wie es zwingend bis dann erreicht haben zu müssen. Die Initiative versucht lediglich, eine klare Richtung mit einem zwar ambitionierten, aber durchaus erreichbaren Ziel vorzugeben. Das Parlament weiss, dass es bei der Umsetzung von Initiativen einen Spielraum hat. Diesen hat es z.B. auch bei der Masseneinwanderungsinitiative und bei der Ausschaffungsinitiative genutzt. Wobei mit der Ernährungsinitiative, die Initianten selbst klar vorgeben, dass die 70 % zwar angestrebt werden sollen, es aber nicht innerhalb 10 Jahren um jeden Preis umgesetzt werden muss. Da das heutige Parlament dafür verantwortlich ist, dass die Fleischindustrie massiv gegenüber dem Pflanzenanbau bevorzugt wird, ist ein gewisser Druck von der Initiative notwendig, damit überhaupt eine Veränderung angestossen werden kann.
In den vergangenen 20 Jahren hat der Selbstversorgungsgrad von 57 % auf 42 % abgenommen. Die Politik ist offenbar unfähig oder nicht gewillt, diesen Trend zu ändern. Deshalb braucht es diese Volksinitiative. Die Lebensmittel-Abhängigkeit vom Ausland darf nicht immer mehr zunehmen.

Gemäss einer Studie von 2025 der ETH Zürich mit dem FiBL wäre sogar ein Selbstversorgungsgrad von über 100 % zu erreichen, wenn man die nötigen Massnahmen konsequent umsetzt. Dazu gehören vor allem: Vermeidung von Food-Waste und die Nutzung der Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion statt Futtermittelherstellung (Feed-no-Food-Strategie). Gleichzeitig würde die Umweltbelastung durch die Nahrungsmittelproduktion stark gesenkt.
Im Parlament haben die Gegner der Initiative vorgebracht, dass man zuletzt einen Selbstversorgungsgrad von über 70 % im Zweiten Weltkrieg hatten und man eine solche «Anbauschlacht» wie damals nicht nochmals wolle. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass sich die Landwirtschaft in den letzten 100 Jahren weiterentwickelt hat. Die Bauern pflügen die Äcker nicht mehr mit Ochsen und die heutigen Nutzpflanzen sind deutlich ertragreicher. Deshalb ist ein Vergleich mit der Landwirtschaft vor rund 100 Jahren nicht sinnvoll. Wie die oben zitierte ETH-Studie aufzeigt, ist mit den heutigen Mitteln ein Selbstversorgungsgrad von weit über 70 % problemlos möglich, nur ist dies offensichtlich von den Politikern nicht gewollt.
Fazit
Die heutige einseitige Bevorzugung der Fleisch- und Milchproduktion auf Kosten der Umwelt und Gesundheit würde durch die Initiative beendet werden. Der Bund würde die Fleischwerbung nicht mehr finanziell unterstützen. Im Gegensatz zu heute würde statt der Fleischproduktion vermehrt die pflanzliche Lebensmittelproduktion gefördert. Landwirte, die von der defizitären Tierproduktion auf die Produktion pflanzlicher Lebensmittel umsteigen wollen, würden durch die Initiative vom Bund Unterstützung erhalten.
Weder Landwirte noch Konsumenten würden jedoch zu irgend etwas gezwungen.
In der heutigen unsicheren Zeit reicht es nicht einen Notvorrat anzulegen, wie es der Bund empfiehlt. Man muss auch etwas zur Ernährungssicherheit im Inland tun. Diese Initiative bietet die Gelegenheit dazu.
Im Parlament hat im Nationalrat und im Ständerat keine einzige Person für die Initiative gestimmt. Auch der Bundesrat lehnt die Initiative ab. Die SP, Grüne und GLP wollten in einem Gegenvorschlag die Förderung der pflanzlichen Ernährung ganz herausstreichen, kamen damit aber nicht durch. Wenn es um die Förderung einer pflanzlicheren Ernährung geht, kann man von keiner Seite mit politischer Unterstützung rechnen. Diese Initiative ermöglicht es aber der Bevölkerung den einseitigen Weg der Fleischförderung zu beenden und einen nachhaltigeren Weg einzuschlagen.
- Initiativtext
- Stellungnahme des Bundesrates, dass 78 % der Landwirtschaftssubventionen der Tierhaltung zufliessen: Interpellation: Absatzförderung im Einklang mit einer standortangepassten, nachhaltigen Produktion
- Agristat: Selbstversorgungsgrad nach Nahrungsmittel
- Greenpeace Schweiz: «Der Futtermittel-Schwindel», 2.2.2021
- Saldo: Schweizer Bauern setzen zu sehr auf Tierhaltung, 26.8.2026; Infosperber: Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!, 26.7.2026; Infosperber: Ernährungsinitiative: Niemand muss weniger Fleisch essen!, 28.8.2026
- Swissveg unterstützt die kommende Initiative für mehr Ernährungssicherheit, 26.2.2023
- Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung. Agrarforschung Schweiz, 16, 212–224. https://doi.org/10.34776/afs16-212
- Bio-vegane Landwirtschaft
- Transfarmation: Beratung für Landwirtschaftsbetriebe für eine zukunftsfähige Landwirtschaft (noch nicht staatlich gefördert)
- Homepage der Initiative: Initiative für eine sichere Ernährung
- Das V-Label für (bio-)vegane Landwirtschaft.
- Infosperber: Ernährungsinitiative: Bundesrat verheddert sich in Widersprüche, 23.7.2026
- Infosperber: Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!, 26.7.2026.

