Versteppung

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Eurasian Steppe von Michaila Vnuk

Die Fehleinschätzung: In weniger fruchtbaren und beackerbaren Gegenden wie den Steppen und Prärien Afrikas und Nordamerikas lässt sich mittels Tierhaltung auch dort noch Nahrung produzieren, wo Ackerbau nicht oder kaum möglich ist: Das Vieh frisst das Gras, das sonst der menschlichen Ernährung nicht dienlich wäre. Mit einer rein vegetarischen Ernährung könnten diese Gebiete also nicht mehr besiedelt werden. Sind Steppengebiete also ideal für die «Fleischproduktion»? 

Im Gegenteil: Die Fleischproduktion in Steppengebieten verschlimmert die Situation und ist alles andere als nachhaltig. Auf den ersten Blick scheint die Annahme zwar logisch: In einer Steppe Gemüse anzupflanzen, wird nicht sehr erfolgreich sein. Bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise stellt sich die Situation aber ganz anders dar: Wie kommt es zu der stetigen Ausbreitung der Steppengebiete? Eine Steppe entsteht, wenn der Grundwasserspiegel immer mehr absinkt und die grössere pflanzliche Vegetation immer mehr verschwindet. 

Ein Hauptgrund dafür ist die Fleischproduktion, da diese sehr viel Wasser benötigt und Wälder bzw. einzelne Bäume und Büsche, welche für den Wasserhaushalt jeder Region wichtig sind, zurückdrängt. 
Ein Beispiel: Zur Produktion von einem Kilogramm Getreide werden etwa 100 Liter Wasser benötigt; für ein Kilogramm Rindfleisch etwa 5000 Liter (je nach Produktionsmethode kann der Wasserverbrauch sogar ein Mehrfaches davon betragen). Allein dieses Verhältnis von 1:50 zeigt auf, dass Fleischproduktion gerade in trockenen Gebieten sicher kein guter Umgang mit dem Land sein kann. Aufforstung mit (Obst-)Bäumen ist zwar eine langwierige Angelegenheit, bringt aber langfristig das ökologische Gleichgewicht wieder in Ordnung und erlaubt dann auch wieder eine gesunde vegetarische Ernährung. Einige Entwicklungshilfe-Organisationen haben dies bereits erkannt. 
Anstatt immer tiefere Brunnen für das Trinkwasser der so genannten «Schlachttiere» zu graben ist es sinnvoller, durch einen schonenderen Umgang mit der Umwelt dafür zu sorgen, dass das Grundwasser nicht immer weiter absinkt. Gras und Weideland können nur sehr wenig Wasser speichern und lassen dadurch den Boden viel schneller austrocknen als Büsche und Bäume. Steppe: Was tun?Fleischproduktion in Steppengebieten verschlimmert somit die Situation und ist alles andere als nachhaltig. 

Fruchtbares Land durch vegetarische Ernährung

Glücklicherweise kann mit einer pflanzenbasierten Kost nicht nur fruchtbarer Boden bewahrt, sondern auch aus kaum mehr fruchtbaren, trockenen Steppenböden wieder fruchtbares, grünes Land gemacht werden. Dazu braucht es ein grosses Durchhaltevermögen, da dies nicht von einem Tag auf den anderen geht (allerdings wurden auch die Steppen erst nach vielen Jahren zu dem, was sie heute sind). Dass es aber möglich ist, zeigt folgendes Beispiel:

Nach 10 Jahren: 
Mango- und Nussbäume statt trockene Steppenlandschaft.


Die Peoples-Clinic

In diesem von Schweizern initiierten Projekt in einer ärmeren Region in Südindien (in Arai des Chitoor Districts von Andhra-Pradesh) war es zu Beginn kaum vorstellbar, dass dort jemals eine blühende, grüne Landschaft entstehen könnte. Die karge, trockene, steinige Landschaft wurde höchstens für einige Ziegen genutzt. Um für die Ziegen genug Futter zu bekommen, schnitt man Äste von den Bäumen, damit die Ziegen an die Blätter herankommen konnten. Die spärlichen letzten Bäume wurden wegen ihres Holzes gefällt, um dieses in der Stadt verkaufen zu können. Dadurch wurde nicht nur das Land immer ärmer, sondern auch die Bewohner in der ganzen Gegend. Die Trockenheit konnte sich immer mehr ausbreiten. 

Nach über zehn Jahren findet man jedoch in dieser ehemals unwirtlichen Gegend eine Vegetation, welche nicht nur das lokale Klima positiv beeinflusst, sondern auch vielen frei lebenden Tieren wieder erlaubte, sich in der Gegend niederzulassen. Dieses «Wunder» wurde durch die Umstellung auf eine vegetarische Nutzung der Gegend vollbracht. Es wurden Bäume gepflanzt, die nicht nur Schatten spendeten und das Klima positiv beeinflussten, sondern auch durch ihre Früchte (vor allem Mangos und Cashewnüsse) für die Gegend neue wirtschaftliche Einnahmemöglichkeiten eröffneten. Mit den Bäumen konnte das ökologische Gleichgewicht wieder hergestellt werden. 
Die Bilder zeigen deutlich, wie die Natur sich wieder erholen kann, wenn man auf eine nachhaltige, pflanzenbasierte, vegetarische Kost setzt. 

Steppe in Indien vor der Baumpflanzung: Weideland

Was geht mich das an? 

Indien ist weit weg und Wasser gibt es in der Schweiz genügend. Dennoch hat unser Ernährungsverhalten in der Schweiz einen Zusammenhang mit der Ausbreitung der Steppen im Ausland. Der eine Zusammenhang besteht darin, dass die reichen Industrienationen eine Vorbildwirkung auf ärmere Länder haben. Heute ist es so, dass die meisten Menschen, die kein Fleisch essen, dies aus wirtschaftlichen Gründen nicht tun können (nebst der religiös begründeten vegetarischen Ernährung). Sobald diese Menschen genügend Geld haben, werden sie jedoch versuchen, sich auch das anzueignen, was zuvor den reicheren Bevölkerungsschichten vorbehalten war. Wenn die Schweizer Bevölkerung, welche im Ausland als sehr wohlhabend bekannt ist, weitestgehend auf den Fleischkonsum verzichten würde, obwohl sie ihn sich leisten könnte, wäre dies ein Zeichen dafür, dass Wohlstand und Fleischkonsum nicht zwingend zusammengehören. Das Fleisch würde in seinem Ruf als Statussymbol angegriffen werden. Ein hoher Fleischkonsum wäre demnach nicht mehr so sehr erstrebenswert für Menschen, die es sich (noch) nicht oder nur selten leisten können. 

Mit gutem Beispiel vorangehen

In der heutigen Situation mit dem höchsten Fleischkonsum in den Industriestaaten ist es völlig unglaubwürdig, wenn den ärmeren Ländern gesagt wird, dass ein hoher Fleischkonsum nicht erstrebenswert sei. Dies ist ein grosses, weltweites Problem: Falls eines Tages alle Chinesen sich so fleischreich ernähren würden wie heute die Industrieländer, würde die gesamte weltweite Getreideernte nicht ausreichen, um all die Tiere zu füttern, die dazu nötig wären, China mit genügend Fleisch zu versorgen. Es ist also dringend nötig, sofort diesen Trend zu stoppen, solange noch nicht alle Regenwälder und andere Gebiete für die Fleisch- oder Futtermittelproduktion zu Steppen umgewandelt wurden. Und mehr als alle Argumente zählt das eigene Vorbild. 

Der zweite Zusammenhang besteht darin, dass der Schweizer Fleischkonsum auch direkt durch die Fleischproduktion negative ökologische Auswirkungen im Ausland hat: 

Indien: Blühende Landschaft

Internationale Verflechtung der Fleischproduktion 

Im Jahre 2002 wurden 9,5 Millionen Geflügeltiere importiert.1 Diese werden praktisch ausschliesslich mit Kraftfutter (Getreide/Hülsenfrüchte) gefüttert. Über 140'000 Tonnen Fleisch importierte die Schweiz im Jahr 2002. 
Doch auch bei dem Fleisch, das in der Schweiz «produziert» wird, besteht der indirekte Zusammenhang mit dem Futtermittelanbau im Ausland. Die Schweizer Fleischproduktion wäre im heutigen Ausmass unmöglich, wenn nicht aus dem Ausland Futter importiert würde. 
Diesen Schwachpunkt hat auch die Fleischindustrie vor einigen Jahren bemerkt. Deshalb wird heute vermehrt Tierfutter in der Schweiz produziert. Wie stark sich diese Lobby durchsetzen konnte, zeigt, dass bereits 1994 einseitig die Subventionen für Brotgetreide aufgehoben wurden, während die Subventionen für Futtermittelanbau weiterhin bestehen blieben. Die Folge: Noch mehr Brotgetreide und andere pflanzliche Nahrungsmittel müssen in die Schweiz importiert werden, da der Landwirtschaftsboden nun vermehrt für den Futtermittelanbau genutzt wird.

Nach der Baumpflanzung

Die Schweiz importierte 2002 rund 700'000 Tonnen Futtermittel.
Tendenz steigend: Im Jahr 2012 waren es schon über 1 Million Tonnen!


Im Jahr 2002 wurden deshalb 300'000 Tonnen Weizen in die Schweiz importiert, da das einheimische Landwirtschaftsland zu einem Grossteil für den Futtermittelanbau besetzt ist. Hinzu kommen dennoch nochmals rund 700'000 Tonnen an Futtermitteln aus dem Ausland. 

All dies muss zuerst einmal auf irgendeinem Boden wachsen. Um dieses Importfutter in der Schweiz produzieren zu können, wären über 100'000 ha zusätzliches Ackerland nötig (heute hat die Schweiz ca. 250'000 ha Ackerfläche). Deshalb ist die Schweiz durch den Fleischkonsum unmittelbar mit dem Ausland verbunden.

Reicht der Fleischverzicht?

Nebst dem Fleischverzicht kann man sich anhand dieser Tatsachen natürlich auch jeweils überlegen, ob eine Organisation eine nachhaltige Entwicklungshilfe leistet oder kurzsichtig unsere Viehwirtschaft zu exportieren versucht.2 Denken Sie daran, bevor Sie das nächste Mal eine Organisation unterstützen!

Renato Pichler

Fussnoten:
  1. Statistische Zahlen gemäss Schweizerischer Aussenhandelsstatistik, publiziert unter: www.bauernverband.ch
  2. Heks fördert die Versteppung mit seiner Aktion «Gib e Geiss»
Weitere Infos: