Prinz Max von Sachsen

DruckversionPDF version
Sachsen

Ein Reformpionier: Prinz Max von Sachsen


Priester und Professor

Als er am 17. November 1870 zu Dresden geboren wurde, war sein Grossvater König von Sachsen, sein Vater war Kronprinz und stand im Deutsch-Französischen Krieg, der einige Wochen später zur Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches führen sollte.
Max aber wollte nicht Regent werden. Nachdem er 1892 das Studium der Rechte mit dem Doktortitel abgeschlossen hatte, bezog er das Priesterseminar zu Eichstätt. Damals ist er mit lebensreformerischen Bestrebungen in Berührung gekommen. Nach einer schweren Brustfellentzündung gestand er: «Zum Teil waren, glaub ich, einige Kneippversuche, Barfussgehen auf kaltem Boden, daran schuld.» Ob er Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897), der damals noch in Bad Wörishofen segensreich wirkte, persönlich gekannt hat, ist nicht überliefert.
1896 wurde er zum Priester geweiht und bestand dann das theologische Doktorexamen. Eine Karriere als Kirchenfürst schien vorgezeichnet, doch nach seelsorgerischer Tätigkeit in London und Nürnberg wurde er 1900 Theologieprofessor an der noch jungen Universität Freiburg (Schweiz). Ein Kammerdiener trug ihm die Mappe, auch die Köchin wurde vom Königshaus Sachsen besoldet, denn die Universität Freiburg bezahlte Hungerlöhnchen. Daneben wirkte er in der Seelsorge (namentlich bei den Gefangenen), predigte zu Stadt und Land und spendete ohne Ansehen allen, die ihn anbettelten. Er verfasste auch einen «Versuch einer Theologie des Vegetarismus», doch wurde ihm die kirchliche Druckerlaubnis verweigert.
Weil er geschrieben hatte, die römische Kirche könnte christlicher mit den Ostkirchen umgehen, wurde er nach Rom zitiert und 1912 seiner Professur enthoben. Im Ersten Weltkrieg war er als Armeeseelsorger tätig. Weil er offen Kaiser Wilhelm II. zurechtgewiesen und erklärt hatte: «Wenn es einen gerechten Gott im Himmel gibt, müssen wir den Krieg verlieren wegen der Greuel, die wir in Belgien verübt haben», wurde er schliesslich auf einem Schloss interniert. 1918 verzichtete sein Bruder, König Friedrich August III., auf den Thron.
Im folgenden Jahr kehrte Prinz Max nach Freiburg zurück und erhielt – da Rom ihn von der Theologie fern hielt – einen Lehrstuhl für orientalische Kultur und Literatur. Er las in jeder Sprache, welche die spärlichen Zuhörer wünschten. Besonderen Einsatz widmete er dem vertriebenen armenischen Volk. Wegen der Entwertung der Reichsmark ohne Einkünfte – was er hatte, verschenkte er –, musste er die Freiburger Regierung um eine bescheidene Entlöhnung bitten. Auf Makkaronikisten kritzelte er schliesslich seine Werke heute kaum entzifferbar auf leere Papiertüten.

Lebensreformer

Schon in seiner ersten Freiburger Zeit wurde er Abstinent, 1913 Vegetarier. 1917 hielt er in Berlin und Mannheim Vorträge über die Behandlung der Tiere als Prüfstein der Kulturhöhe eines Volkes. Nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich noch eingehender mit Lebensreform-, Tierschutz- und Friedensfragen. 1921 trat er dem «Bund deutscher Tabakgegner» bei. 1931 sprach er am internationalen Kongress der Vivisektionsgegner zu Locarno auf Englisch und Französisch über Christentum und Vivisektion. Nach 1935 trat er in Nazi-Deutschland nicht mehr auf, umso eifriger benutzte er in freien Ländern die Möglichkeiten, für seine Ideen einzutreten, auch auf der Kanzel. Er ging oft barfuss, bei passender Gelegenheit stürzte er sich hüllenlos in ein Gewässer.
Bald verzichtete er auch auf Eier (ausser man hätte sie ihm unbemerkt aus missgeleiteter Barmherzigkeit ins Essen gemischt) und Leder. So habe ich ihn in meiner Kindheit erlebt, Sommer und Winter in Turnschuhen, die gewichtigen Bücher auf beiden Armen den langen Weg in die Stadt tragend. Er verstand sich als eine Art Bettelmönch und wirkte aus lauter Bescheidenheit äusserlich ungepflegt.
Seine letzten 13 Jahre lebte er unter der Obhut der von ihm einst äusserst kräftig unterstützten Kanisiusschwestern auf der Josephshöhe oberhalb von Freiburg. Ein belgischer Schäferhund wurde sein ständiger Begleiter. Gegen die Hundeflöhe verlangte Prinz Max in der Apotheke ein Mittel: «Aber nur betäuben, nicht töten!» Als der Hund während seiner Abwesenheit überfahren wurde, liess er ihn bei sich im Garten beerdigen und ein Täfelchen aufs Grab setzen:

«DR. MAX, HERZOG ZU SACHSEN,
SEINEM TREUEN HUNDE NETTI,
REINSTER TREUE REINSTES BILD»
.

Einmal erzählte er in der Vorlesung: «Heute Morgen fiel eine Fliege in mein Waschbecken und zappelte darin. Ich holte die Fliege heraus und legte sie auf den Tisch. Und siehe da: Die Fliege erholte sich und flog davon. Und ich danke Gott, dass ich einem Mitwesen das Leben gerettet habe.»
Prinz Max starb am 12. Januar 1951 nach kurzer Krankheit, betrauert von Tausenden, und ruht seither auf dem Friedhof der Kanisiusschwestern oberhalb seines einstigen Wohnsitzes. Im hundertsten Jahr seiner Geburt filmte das französische Fernsehen das Hundetäfelchen, das immer noch in meinem Garten steht.

Peter F. Kopp

Biographie:
Iso Baumer: Max von Sachsen. Prinz und Prophet, Priester und Professor, 3. Bde. Freiburg (Schweiz) 1990–1996