Drupal blog posts https://www.swissveg.ch/en en Ernährungsinitiative: Die Gegenargumente https://www.swissveg.ch/de/initiative-Ernaehrungssicherheit-gegenargumente <span>Ernährungsinitiative: Die Gegenargumente</span> <span><span lang="" about="/en/user/2566" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Renato</span></span> <span>Fri, 08/14/2026 - 07:40</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 27. September 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die «<a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch" target="_blank">Initiative für eine sichere Ernährung</a>» ab. Keine der grösseren Parteien unterstützt die Initiative. Das Parlament und der Bundesrat lehnen sie einstimmig ab. Swissveg unterstützt die Initiative dennoch. Darum ist es interessant sich anzusehen, welche Gegenargumente vorgebracht werden.</p><p>Die Initiative setzt zur Stärkung der Ernährungssicherheit auf drei Hauptpunkte:</p><ul><li>Inländische Produktion nachhaltig stärken</li><li>Eine Selbstversorgung von 70% anstreben, dafür pflanzliche Lebensmittel fördern</li><li>Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und sauberes Trinkwasser sicherstellen</li></ul><p class="zitat">«In der Schweiz vergisst man, dass wir bei einem Problem an den Grenzen <a href="https://www.youtube.com/live/6iQU-ebAIQY?si=NTxpZYUnoSf1gApd&amp;t=776" target="_blank">jeden zweiten Tag nichts zu essen</a> haben, weil wir importieren.» Bundesrat Guy Parmelin</p><p>Die Gegner der Initiative versuchen der Stimmbevölkerung einzureden, dass sie mit Annahme der Initiative keine tierischen Produkte mehr essen dürften. Der <a href="https://www.instagram.com/bauernverband_zuerich/" target="_blank">Zürcher Bauernverband</a> hat für diese Botschaft bereits über 50 Videos auf Instagram gepostet. Sie kämpfen dabei vor allem um ihre Privilegien als Fleisch- und Milchproduzenten, die derzeit Hauptnutzniesser der Landwirtschaftspolitik des Bundes sind. Deshalb haben sich bei den Gegnern vor allem die verschiedensten Vertreter der <a href="https://www.ernaehrungsinitiative-nein.ch/ueber-uns/allianz.html" target="_blank">Fleischbranche</a> zusammen getan, damit sie weiterhin von den Milliarden des Bundes profitieren können. Da es um enorm viel Geld geht, ist ihnen jedes Mittel recht. Die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Deshalb hier eine Einordnung der Aussagen der Fleischlobbyisten:</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>«Vegan-Zwang»-Initiative</h3><p>Die Gegner der <a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch/" target="_blank">Initiative</a><span class="fussnotenlink">1</span> versuchen sie als Ernährungsvorschrift zu diffamieren. Sie haben sogar einen «<a href="https://www.ernaehrungsinitiative-nein.ch/unterstuetzung/tag-des-letzten-cervelats.html" target="_blank">Tag des letzten Cervelats</a>» lanciert, um Angst vor den Folgen der Initiative zu verbreiten. Dabei kommen im Initiativtext keinerlei Verbote vor. Auch mit Annahme der Initiative dürfen alle weiter das essen, was sie möchten. Was sich aber ändern würde: Der Bund würde nicht mehr 6 Millionen Franken Steuergelder in Fleischwerbung investieren. Die Landwirtschaftssubventionen würden nicht mehr sehr einseitig die Tierhaltung fördern. Die Bevölkerung würde nicht mehr zum Fleischkonsum gedrängt. Falls man diese Verlagerung als «Vegan-Zwang» ansieht, wäre die heutige Situation ein «Fleisch-Zwang».</p><p>Da heute gemäss Bund in der Schweiz rund <a href="https://www.blv.admin.ch/de/menuch-ergebnisse" target="_blank">dreimal mehr Fleisch konsumiert</a> wird, als gesund wäre, ist eine Verlagerung von der Fleischwerbung hin zur Bewerbung pflanzlicher Lebensmittel überfällig. Dadurch könnte mit der Umstellung der Landwirtschaft auch indirekt auf die Nachfrage Einfluss genommen werden. Doch selbst, wenn das Ernährungsverhalten sich kurzfristig nicht stark ändern würde, liesse sich zumindest der Import von pflanzlichen Lebensmitteln und den Futtermitteln stark verringern.</p><p>Gemessen an der <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s44263-026-00306-6" target="_blank">Planetary Health Diet</a> wird in der Schweiz 8,5 Mal soviel Fleisch konsumiert, wie empfohlen. Und 3,5 Mal soviel Milchprodukte, als gut wären. Hingegen wird rund zwanzig Mal weniger Gemüse konsumiert, als gut für die Gesundheit und den Planeten wäre. Auch unter diesem Gesichtspunkt wäre es gut, wenn der Bund seine finanzielle Bevorzugung der Produktion tierischer Nahrungsmittel beendet. Es braucht definitiv keine vom Bund bezahlte Fleischwerbung.</p><p class="zitat">Heute fördern 78% der 3,6 Milliarden Agrarsubventionen die Tierproduktion.<span class="fussnotenlink">2</span> </p><h3>«60 bis 70 % der landwirtschaftlichen Fläche ist Grasland und kann nur für Fleisch- und Milchproduktion genutzt werden»</h3><p>Die Prozentzahl stammt vom Schweizer Bauernverband und wurde vom Bundesamt für Statistik ungeprüft übernommen. Wenn auf einer Fläche eine Kuh steht, gilt die Fläche als «<a href="/grasland-schweiz">Grasland</a>», völlig unabhängig von der Bodenqualität. An vielen Orten, wo heute Kühe weiden, könnte auch Ackerbau betrieben werden. Und an den Orten, wo dies nicht möglich ist, könnte auch mit der Initiative eine standortangepasste Lebensmittelproduktion betrieben werden. Daran ändert die Initiative nichts. Sie würde aber verändern, dass heute auf mehr als der Hälfte der fruchtbaren Ackerflächen Tierfutter produziert wird. Wegen dieser enormen Verschwendung müssen zurzeit noch rund zwei Drittel der in der Schweiz konsumierten pflanzlichen Lebensmittel importiert werden.<span class="fussnotenlink">3</span> <br />Im Jahr 2024 wurden 29,2 Millionen Tonnen Futtermittel an die Schweizer Nutztiere verfüttert (neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar). 22,5 Millionen Tonnen davon sind Gras, Heu etc. – also nicht sehr energiereiche Futtermittel. Insgesamt wurden 2024 rund 1,45 Millionen Tonnen Futter (hauptsächlich Kraftfutter) aus dem Ausland importiert, Tendenz steigend: Innert 20 Jahren hat sich der Import praktisch verdoppelt. <strong>Ohne diese energiereichen Importfuttermittel könnte nur halb so viel Fleisch in der Schweiz erzeugt werden.</strong><span class="fussnotenlink"><strong>4</strong> </span><br />Das Graslandargument gilt nur für einen sehr kleinen Teil der tierischen Produkte, die in der Schweiz produziert werden (und dieser Teil wird durch die Initiative nicht beeinträchtigt). Weder Schweine noch Hühner leben vom Grasland. Diese beiden Tierarten machen aber bereits rund <a href="/grasland-schweiz">drei Viertel</a> des Schweizer Fleischkonsums aus.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/Diagramme/Futtermittelimporte.webp" alt="Jährliche Futttermittelimporte steigen" /><p class="zitat">Auf 60% unserer Ackerflächen werden Futtermittel angebaut statt pflanzliche Lebensmittel für uns Menschen.</p><h3>«Der Boden muss zur Fruchtbarkeit auch ab und zu als Weide genutzt werden»</h3><p>Die Düngung mit Fäkalien (Mist und Gülle) ist in der Schweiz weit verbreitet. Dies liegt vor allem daran, dass es in der Schweiz einen <a href="https://www.nzz.ch/gesellschaft/schweizer-bauern-spritzen-zu-viel-guelle-auf-ihre-felder-ld.1790031" target="_blank">Überschuss an Fäkalien</a> gibt. Leider gehen sogar viele «Experten» davon aus, dass für die Bodenfruchtbarkeit nur zwei Varianten bestehen: Düngung mit Fäkalien oder mit Kunstdünger. Der dritte Weg ist allerdings für den Boden wesentlich besser: Bio-vegane Landwirtschaft. Diese arbeitet mit der Natur und kann so die Bodenfruchtbarkeit langfristig verbessern. Im Gegensatz zu den Fäkalien werden dabei keine Schädlinge angezogen. Und E-Coli-Bakterien oder Salmonellen werden ebenso wenig auf die Felder ausgebracht, wie Antibiotikarückstände aus der Behandlung der sogenannten "Nutztiere". <br />Dass es auch auf Ackerflächen eine Fruchtfolge mit Kunstwiesen braucht, ist nicht korrekt. Um die bio-vegane Landwirtschaft zu fördern, gibt es seit 2025 das <a href="/V-Label-Vegan-Agriculture">V-Label für vegane Landwirtschaft</a>. Auf der Homepage der <a href="https://www.biocyclic-vegan.org" target="_blank">Biocyclic Vegan Agriculture</a> gibt es weitere Informationen zu dieser nachhaltigen Landwirtschaftsart ganz ohne Fäkalien und Weideflächen.<br />Wenn man sich die Argumente der Gegner der Initiative ansieht, ist es gut, dass die Initiative auch Investitionen in Ausbildung und Beratung der Landwirte beinhaltet, damit diese lernen, wie man mit weniger Fäkalien und ohne Wiesen auf Ackerflächen nachhaltige Landwirtschaft betreiben kann. </p><h3>«Die Schweizer Landwirtschaft produziert, was die Konsumenten nachfragen. Der Bund soll da keine Vorschriften machen.»</h3><p>Da die Schweizer Landwirte kaum noch von ihren Produkten leben können, steuert der Bund über die Subventionen, was wirtschaftlich sinnvoll produziert werden kann. Der defizitärste Bereich ist die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Am meisten Subventionen werden für die Fleisch-, Milch-, und Zuckerproduktion ausbezahlt. Wobei die Zuckerindustrie aus den Zuckerrüben etwa gleichviel <a href="https://www.zucker.ch/futtermittel" target="_blank">Futtermittel</a> herstellt, wie Zucker und somit auch einen Teil der Tierwirtschaft darstellt.<br />Die Schweizer Landwirte produzieren also nicht was der Markt verlangt, sondern was der Bund subventioniert. Dies gilt insbesondere für den konventionellen Tierhaltungsbereich. <br />Doch auch auf den Nachfragebereich der Konsumenten nimmt der Bund heute grossen Einfluss: Er subventioniert jedes Jahr die Fleischwerbung mit rund 6 Millionen Franken. Und durch die Subventionen im Produktionsbereich ermöglicht er Fleisch zu Dumpingpreisen im Laden. Würden diese beiden Punkte wegfallen, dürfte der Fleischkonsum stark sinken, da dann pflanzliche Produkte konkurrenzfähiger sind und rund die Hälfte der Plakate mit Fleischwerbung wegfallen.<br />Heute müssen <a href="https://www.sbv-usp.ch/de/services/agristat-statistik-der-schweizer-landwirtschaft/grafiken#prettyPhoto[gal18204]-7" target="_blank">zwei Drittel der pflanzlichen Lebensmittel importiert</a> werden. In diesem Bereich könnte der Selbstversorgungsgrad stark erhöht werden, wenn die Ackerflächen wieder für die Lebensmittelproduktion freigegeben würden.<br />Was, wenn die Fleischnachfrage weniger (schnell) sinkt, als die Fleischproduktion? Heute wird die defizitäre Fleischproduktion künstlich mit Steuergeldern am Leben erhalten. Wenn diese staatliche Förderung zumindest zum Teil zu pflanzlichen Produkten verlagert wird, können viele Landwirte vermehrt pflanzliche Lebensmittel anbauen und somit auf ihren Äckern <a href="/land" target="_blank">mehr Lebensmittel</a> produzieren. Eine mögliche Produktionslücke im Fleischbereich kann durch vorübergehende Importe ausgeglichen werden. Die Importe würden sich also von pflanzlichen zu tierischen Produkten verlagern. Mengenmässig dürften sie aber auf jeden Fall deutlich geringer als heute ausfallen.<br />Die Gegner der Initiative warnen vor Importen, welche unsere Umweltstandards nicht einhalten. Gleichzeitig lehnen sie aber auch den Teil der Initiative ab, der für mehr Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sauberes Trinkwasser im Inland sorgt.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/Diagramme/landverbrauch.jpg" alt="Landverbrauch pro kg Nahrungsmittel" class="align-center" /><h3>«Der Bund soll nicht vorschreiben, was wir essen dürfen»</h3><p>Die Initiative enthält keinerlei Vorschriften zur Ernährungsweise. Sie würde aber die heute einseitig auf Fleisch- und Milchkonsum ausgerichtete Subventionspolitik des Bundes beenden. Die einseitige Subventionierung der Fleischwerbung mit jährlich rund 6 Millionen Franken würde aufhören.</p><p>Selbst die angestrebten 70 % Selbstversorgungsgrad liessen sich ohne drastische Ernährungsveränderungen seitens der Bevölkerung erreichen, wie mehrere Berechnungen belegen.<span class="fussnotenlink">5</span> Würden auf den fruchtbaren Ackerflächen weniger Futtermittel und mehr pflanzliche Lebensmittel angebaut, ginge der Import von pflanzlichen Lebensmittel stark zurück, während der Import von Fleisch nicht so stark ansteigen würde. Dies liegt daran, dass von derselben Ackerfläche viel mehr Nahrungskalorien erzeugt werden können, wenn man direkt für die menschliche Ernährung produziert (Verkürzung der Nahrungskette). Das importierte Fleisch würde den Import von Futtermitteln stark reduzieren, da für ein Kilogramm Fleisch ein Vielfaches an Futtermitteln benötigt werden.</p><p>Aus Saldo 13/2026 vom 26.8.2026:</p><a href="https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/schweizer-bauern-setzen-zu-sehr-auf-tierhaltung"><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/saldo_tierhaltung.webp" alt="salso-Artikel Screenshot" /></a><p> </p><p>Infosperber, 26.7.2026: </p><a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/"><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/infosperber_fleischkonsum_initiative.webp" alt="Screenshot des Artikels im Infosperber" /></a><p> </p><p>Natürlich kann man den Selbstversorgungsgrad noch deutlich mehr steigern und die Importe reduzieren, wenn der Konsum tierischer Produkte spürbar gesenkt wird, aber für die 70 % ist es nicht zwingend nötig, wenn alle anderen Massnahmen umgesetzt werden.</p><h3>«Selbstversorgungsgrad steigern ist gut, aber nicht so»</h3><p>Der mit Abstand grösste Hebel zur Steigerung des Selbstversorgungsgrades ist die Verkürzung der Nahrungskette. Keine andere Massnahme kann so viele Kalorien einsparen, wie diese einfache Umstellung. Dadurch kann man auf derselben Fläche ein Vielfaches an Nahrungskalorien produzieren. Wenn man diese wichtigste Massnahme ablehnt, lehnt man auch die Erhöhung des Selbstversorgungsgrades ab und hält die Schweiz weiterhin von Importen abhängig. Es erstaunt, dass gerade diejenigen Kreise, welche Abhängigkeiten vom Ausland ablehnen, bei der Ernährung alles dafür tun, dass diese Abhängigkeit aufrechterhalten bleibt.<br />Dass die Ernährung der grösste Hebel für einen besseren Selbstversorgungsgrad ist, wissen auch die Gegner der Initiative. Sie behaupten sogar, dass <a href="https://www.baizer.ch/aktuell?artID=10061&amp;lvl=2" target="_blank">70 % Selbstversorgungsgrad nur mit rein pflanzlicher Ernährung erreicht werden kann</a>. Die naheliegendste Lösung für das Problem der Auslandabhängigkeit wird damit zugegeben, doch die Ablehnung der pflanzlicheren Ernährung ist so stark, dass sie im Krisenfall lieber hungern, als der Initiative eine Chance zu geben.</p><p>Der Bund hat schon jetzt einen Verfassungsauftrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung (<a href="https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de#art_104" target="_blank">Bundesverfassungsartikel 104</a>). Mit einem Selbstversorgungsgrad von weniger als 50 % kommt er diesem Auftrag aber nicht nach. Die Initiative würde diesem Auftrag Nachdruck verleihen indem mit ihrer Annahme ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 % zumindest angestrebt würde.</p><p>Den Politikern ist durchaus klar, dass die heutige starke Abhängigkeit von Importen eine Gefahr für Krisenzeiten darstellt. Doch statt das Problem an der Wurzel zu entschärfen, <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/bireweich-oder-bitternoetig-der-bund-ruft-die-bevoelkerung-auf-einen-notvorrat-anzulegen" target="_blank">empfehlen sie der Bevölkerung einen Notvorrat</a> anzulegen und lehnen die Ernährungsinitiative als Teil der Lösung ab.</p><h3>«Die Initiative richtet sich gegen die Bauern»</h3><p>Heute leben die Schweizer Bauern, welche Milch oder Fleisch produzieren, grossteils von <a href="https://www.iwp.swiss/publikationen/landwirtschaftssubventionen-ein-entscheid-gegen-den-markt" target="_blank">Staatsgeldern</a>. Sie haben dennoch ein geringes Einkommen und die Überproduktion drückt weiter auf die Preise. Die <a href="/traumatisierte-tierhalter">Suizidrate ist unter Landwirten</a> sehr hoch. Es muss sich – auch für die Bauern – etwas ändern. Die Initiative bietet hier eine echte Hilfe für alle Landwirte. Sie fördert die Landwirtschaft durch Unterstützung in der Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion. Derzeit müssen z.B. Hersteller von Fleischalternativen wie <a href="https://thegreenmountain.ch/" target="_blank">The Green Mountain</a> und <a href="https://eatplanted.com/" target="_blank">Planted</a> ihr Erbsenprotein vollständig aus dem Ausland importieren, da in der Schweiz das Land für Fleisch- und Milchproduktion verwendet wird. Die Initiative würde die Schweizer Landwirtschaft bei der Neuausrichtung mit Forschung, Beratung und Ausbildung unterstützen.<br />Die Bestände an Milchkühen und Schweinen nehmen seit Jahren ab. Eine Veränderung kommt deshalb auf jeden Fall auf die Schweizer Landwirtschaft zu. Ohne die Initiative gibt es hierfür jedoch keinerlei Unterstützung vom Bund, der dann weiterhin auf Fleisch- und Milchproduktion fokussiert bleibt, obwohl sich der Markt in eine andere Richtung bewegt.<br />Die Initiative bietet deshalb eine grosse Chance für alle in der Landwirtschaft Tätigen, sich auf die neuen Marktverhältnisse anzupassen.</p><h3>«70 % Selbstversorgung in nur 10 Jahren ist unmöglich»</h3><p>Es stimmt, dass die Initiative das 70-Prozent-Ziel anstrebt und dafür den zeitlichen Rahmen von 10 Jahren vorgibt. Ein bestimmtes Ziel innerhalb einer bestimmten Zeit anzustreben ist aber nicht das Gleiche, wie es zwingend bis dann erreicht haben zu müssen. Die Initiative versucht lediglich, eine klare Richtung mit einem zwar ambitionierten, aber durchaus erreichbaren Ziel vorzugeben. Solche Argumente gegen die Machbarkeit der Initiative sind deshalb entweder unehrlich oder uninformiert. Das Parlament weiss, dass es bei der Umsetzung von Initiativen einen Spielraum hat. Diesen hat es z.B. auch bei der <a href="https://www.srf.ch/news/begrenzungsinitiative/begrenzungsinitiative-es-begann-mit-dem-ja-zur-masseneinwanderungsinitiative" target="_blank">Masseneinwanderungsinitiative</a> und bei der Ausschaffungsinitiative genutzt. Wobei mit der Ernährungsinitiative, die <a href="https://mailchi.mp/initiative-sichere-ernaehrung/medienmitteilung-juli-2026-aufsichtsbeschwerde" target="_blank">Initianten selbst klar vorgeben</a>, dass die 70 % zwar angestrebt werden sollen, es aber nicht innerhalb 10 Jahren um jeden Preis umgesetzt werden muss. Da das heutige Parlament dafür verantwortlich ist, dass die Fleischindustrie massiv gegenüber dem Pflanzenanbau bevorzugt wird, ist ein gewisser Druck von der Initiative notwendig, damit überhaupt eine Veränderung angestossen werden kann.<br /><br />Gemäss einer <a href="https://www.agrarforschungschweiz.ch/2025/12/wege-zu-einer-markanten-erhoehung-des-selbstversorgungsgrades-bei-weniger-umweltbelastung/" target="_blank">Studie von 2025 der ETH Zürich mit dem FiBL</a> wäre sogar ein Selbstversorgungsgrad von über 100 % zu erreichen, wenn man die nötigen Massnahmen konsequent umsetzt. Dazu gehören vor allem: Vermeidung von Food-Waste und die Nutzung der Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion statt Futtermittelherstellung (Feed-no-Food-Strategie). Gleichzeitig würde die Umweltbelastung durch die Nahrungsmittelproduktion stark gesenkt. </p></div><h3>Fazit</h3><p>Die heutige einseitige Bevorzugung der Fleisch- und Milchproduktion auf Kosten der Umwelt und Gesundheit würde durch die Initiative beendet werden. Der Bund würde die Fleischwerbung nicht mehr finanziell unterstützen. Im Gegensatz zu heute würde statt der Fleischproduktion vermehrt die pflanzliche Lebensmittelproduktion gefördert. Landwirte, die von der defizitären Tierproduktion auf die Produktion pflanzlicher Lebensmittel umsteigen wollen, würden durch die Initiative vom Bund Unterstützung erhalten. <br />Weder Landwirte noch Konsumenten würden jedoch zu irgend etwas gezwungen. </p><p>In der heutigen unsicheren Zeit reicht es nicht einen <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/bireweich-oder-bitternoetig-der-bund-ruft-die-bevoelkerung-auf-einen-notvorrat-anzulegen" target="_blank">Notvorrat</a> anzulegen, wie es der Bund empfiehlt. Man muss auch etwas zur Ernährungssicherheit im Inland tun. Diese Initiative bietet die Gelegenheit dazu.</p><p>Im Parlament hat im <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=71146" target="_blank">Nationalrat</a> und im <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=71128" target="_blank">Ständerat</a> keine einzige Person für die Initiative gestimmt. Auch der <a href="https://www.admin.ch/de/nsb?id=103125" target="_blank">Bundesrat</a> lehnt die Initiative ab. Die SP, Grüne und GLP wollten in einem <a href="https://www.parlament.ch/de/services/news/Seiten/2025/20251217154127212194158159026_bsd120.aspx" target="_blank">Gegenvorschlag</a> die Förderung der pflanzlichen Ernährung ganz herausstreichen, kamen damit aber nicht durch. Wenn es um die Förderung einer pflanzlicheren Ernährung geht, kann man von keiner Seite mit politischer Unterstützung rechnen. Diese Initiative ermöglicht es aber der Bevölkerung den einseitigen Weg der Fleischförderung zu beenden und einen nachhaltigeren Weg einzuschlagen.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li><a href="https://drive.google.com/file/d/1Zv7whlEy0UOCpu1_Fgv9cs8Jipe6Nle0/view" target="_blank">Initiativtext</a></li><li>Stellungnahme des Bundesrates, dass 78 % der Landwirtschaftssubventionen der Tierhaltung zufliessen: <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20243793" target="_blank">Interpellation: Absatzförderung im Einklang mit einer standortangepassten, nachhaltigen Produktion</a></li><li>Agristat: <a href="https://www.sbv-usp.ch/de/services/agristat-statistik-der-schweizer-landwirtschaft/grafiken#prettyPhoto[gal18204]-7 " target="_blank">Selbstversorgungsgrad nach Nahrungsmittel</a></li><li>Greenpeace Schweiz: «<a href="https://www.greenpeace.ch/de/publikation/63781/der-futtermittel-schwindel/" target="_blank">Der Futtermittel-Schwindel</a>», 2.2.2021</li><li>Saldo: <a href="https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/schweizer-bauern-setzen-zu-sehr-auf-tierhaltung" target="_blank">Schweizer Bauern setzen zu sehr auf Tierhaltung</a>, 26.8.2026; Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/" target="_blank">Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!</a>, 26.7.2026; Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/ernaehrungsinitiative-niemand-muss-weniger-fleisch-essen/" target="_blank">Ernährungsinitiative: Niemand muss weniger Fleisch essen!</a>, 28.8.2026</li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="/unterstuetzung-ernaehrungssicherheit">Swissveg unterstützt die kommende Initiative für mehr Ernährungssicherheit</a>, 26.2.2023</li><li><a href="https://doi.org/10.34776/afs16-212" target="_blank">Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung.</a> Agrarforschung Schweiz, 16, 212–224. <a href="https://doi.org/10.34776/afs16-212">https://doi.org/10.34776/afs16-212</a></li><li><a href="https://biozyklisch-vegan.org/faq/" target="_blank">Bio-vegane Landwirtschaft</a></li><li>Transfarmation: <a href="https://www.transfarmation.ch" target="_blank">Beratung für Landwirtschafts­betriebe für eine zukunfts­fähige Land­wirtschaft</a> (noch nicht staatlich gefördert)</li><li>Homepage der Initiative: <a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch/" target="_blank">Initiative für eine sichere Ernährung</a></li><li>Das <a href="/V-Label-Vegan-Agriculture">V-Label für (bio-)vegane Landwirtschaft</a>.</li><li>Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/ernaehrungsinitiative-bundesrat-verheddert-sich-in-widersprueche/" target="_blank">Ernährungsinitiative: Bundesrat verheddert sich in Widersprüche</a>, 23.7.2026</li><li>Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/" target="_blank">Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!</a>, 26.7.2026.<br>&nbsp;</li></ul></div> Fri, 14 Aug 2026 05:40:43 +0000 Renato 4230 at https://www.swissveg.ch Ernährungsinitiative: Die Gegenargumente https://www.swissveg.ch/de/initiative-Ernaehrungssicherheit-gegenargumente <span>Ernährungsinitiative: Die Gegenargumente</span> <span><span lang="" about="/en/user/2566" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Renato</span></span> <span>Fri, 08/14/2026 - 07:40</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 27. September 2026 stimmt die Schweizer Bevölkerung über die «<a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch" target="_blank">Initiative für eine sichere Ernährung</a>» ab. Keine der grösseren Parteien unterstützt die Initiative. Das Parlament und der Bundesrat lehnen sie einstimmig ab. Swissveg unterstützt die Initiative dennoch. Darum ist es interessant sich anzusehen, welche Gegenargumente vorgebracht werden.</p><p>Die Initiative setzt zur Stärkung der Ernährungssicherheit auf drei Hauptpunkte:</p><ul><li>Inländische Produktion nachhaltig stärken</li><li>Eine Selbstversorgung von 70% anstreben, dafür pflanzliche Lebensmittel fördern</li><li>Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und sauberes Trinkwasser sicherstellen</li></ul><p class="zitat">«In der Schweiz vergisst man, dass wir bei einem Problem an den Grenzen <a href="https://www.youtube.com/live/6iQU-ebAIQY?si=NTxpZYUnoSf1gApd&amp;t=776" target="_blank">jeden zweiten Tag nichts zu essen</a> haben, weil wir importieren.» Bundesrat Guy Parmelin</p><p>Die Gegner der Initiative versuchen der Stimmbevölkerung einzureden, dass sie mit Annahme der Initiative keine tierischen Produkte mehr essen dürften. Der <a href="https://www.instagram.com/bauernverband_zuerich/" target="_blank">Zürcher Bauernverband</a> hat für diese Botschaft bereits über 50 Videos auf Instagram gepostet. Sie kämpfen dabei vor allem um ihre Privilegien als Fleisch- und Milchproduzenten, die derzeit Hauptnutzniesser der Landwirtschaftspolitik des Bundes sind. Deshalb haben sich bei den Gegnern vor allem die verschiedensten Vertreter der <a href="https://www.ernaehrungsinitiative-nein.ch/ueber-uns/allianz.html" target="_blank">Fleischbranche</a> zusammen getan, damit sie weiterhin von den Milliarden des Bundes profitieren können. Da es um enorm viel Geld geht, ist ihnen jedes Mittel recht. Die Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Deshalb hier eine Einordnung der Aussagen der Fleischlobbyisten:</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>«Vegan-Zwang»-Initiative</h3><p>Die Gegner der <a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch/" target="_blank">Initiative</a><span class="fussnotenlink">1</span> versuchen sie als Ernährungsvorschrift zu diffamieren. Sie haben sogar einen «<a href="https://www.ernaehrungsinitiative-nein.ch/unterstuetzung/tag-des-letzten-cervelats.html" target="_blank">Tag des letzten Cervelats</a>» lanciert, um Angst vor den Folgen der Initiative zu verbreiten. Dabei kommen im Initiativtext keinerlei Verbote vor. Auch mit Annahme der Initiative dürfen alle weiter das essen, was sie möchten. Was sich aber ändern würde: Der Bund würde nicht mehr 6 Millionen Franken Steuergelder in Fleischwerbung investieren. Die Landwirtschaftssubventionen würden nicht mehr sehr einseitig die Tierhaltung fördern. Die Bevölkerung würde nicht mehr zum Fleischkonsum gedrängt. Falls man diese Verlagerung als «Vegan-Zwang» ansieht, wäre die heutige Situation ein «Fleisch-Zwang».</p><p>Da heute gemäss Bund in der Schweiz rund <a href="https://www.blv.admin.ch/de/menuch-ergebnisse" target="_blank">dreimal mehr Fleisch konsumiert</a> wird, als gesund wäre, ist eine Verlagerung von der Fleischwerbung hin zur Bewerbung pflanzlicher Lebensmittel überfällig. Dadurch könnte mit der Umstellung der Landwirtschaft auch indirekt auf die Nachfrage Einfluss genommen werden. Doch selbst, wenn das Ernährungsverhalten sich kurzfristig nicht stark ändern würde, liesse sich zumindest der Import von pflanzlichen Lebensmitteln und den Futtermitteln stark verringern.</p><p>Gemessen an der <a href="https://link.springer.com/article/10.1186/s44263-026-00306-6" target="_blank">Planetary Health Diet</a> wird in der Schweiz 8,5 Mal soviel Fleisch konsumiert, wie empfohlen. Und 3,5 Mal soviel Milchprodukte, als gut wären. Hingegen wird rund zwanzig Mal weniger Gemüse konsumiert, als gut für die Gesundheit und den Planeten wäre. Auch unter diesem Gesichtspunkt wäre es gut, wenn der Bund seine finanzielle Bevorzugung der Produktion tierischer Nahrungsmittel beendet. Es braucht definitiv keine vom Bund bezahlte Fleischwerbung.</p><p class="zitat">Heute fördern 78% der 3,6 Milliarden Agrarsubventionen die Tierproduktion.<span class="fussnotenlink">2</span> </p><h3>«60 bis 70 % der landwirtschaftlichen Fläche ist Grasland und kann nur für Fleisch- und Milchproduktion genutzt werden»</h3><p>Die Prozentzahl stammt vom Schweizer Bauernverband und wurde vom Bundesamt für Statistik ungeprüft übernommen. Wenn auf einer Fläche eine Kuh steht, gilt die Fläche als «<a href="/grasland-schweiz">Grasland</a>», völlig unabhängig von der Bodenqualität. An vielen Orten, wo heute Kühe weiden, könnte auch Ackerbau betrieben werden. Und an den Orten, wo dies nicht möglich ist, könnte auch mit der Initiative eine standortangepasste Lebensmittelproduktion betrieben werden. Daran ändert die Initiative nichts. Sie würde aber verändern, dass heute auf mehr als der Hälfte der fruchtbaren Ackerflächen Tierfutter produziert wird. Wegen dieser enormen Verschwendung müssen zurzeit noch rund zwei Drittel der in der Schweiz konsumierten pflanzlichen Lebensmittel importiert werden.<span class="fussnotenlink">3</span> <br />Im Jahr 2024 wurden 29,2 Millionen Tonnen Futtermittel an die Schweizer Nutztiere verfüttert (neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar). 22,5 Millionen Tonnen davon sind Gras, Heu etc. – also nicht sehr energiereiche Futtermittel. Insgesamt wurden 2024 rund 1,45 Millionen Tonnen Futter (hauptsächlich Kraftfutter) aus dem Ausland importiert, Tendenz steigend: Innert 20 Jahren hat sich der Import praktisch verdoppelt. <strong>Ohne diese energiereichen Importfuttermittel könnte nur halb so viel Fleisch in der Schweiz erzeugt werden.</strong><span class="fussnotenlink"><strong>4</strong> </span><br />Das Graslandargument gilt nur für einen sehr kleinen Teil der tierischen Produkte, die in der Schweiz produziert werden (und dieser Teil wird durch die Initiative nicht beeinträchtigt). Weder Schweine noch Hühner leben vom Grasland. Diese beiden Tierarten machen aber bereits rund <a href="/grasland-schweiz">drei Viertel</a> des Schweizer Fleischkonsums aus.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/Diagramme/Futtermittelimporte.webp" alt="Jährliche Futttermittelimporte steigen" /><p class="zitat">Auf 60% unserer Ackerflächen werden Futtermittel angebaut statt pflanzliche Lebensmittel für uns Menschen.</p><h3>«Der Boden muss zur Fruchtbarkeit auch ab und zu als Weide genutzt werden»</h3><p>Die Düngung mit Fäkalien (Mist und Gülle) ist in der Schweiz weit verbreitet. Dies liegt vor allem daran, dass es in der Schweiz einen <a href="https://www.nzz.ch/gesellschaft/schweizer-bauern-spritzen-zu-viel-guelle-auf-ihre-felder-ld.1790031" target="_blank">Überschuss an Fäkalien</a> gibt. Leider gehen sogar viele «Experten» davon aus, dass für die Bodenfruchtbarkeit nur zwei Varianten bestehen: Düngung mit Fäkalien oder mit Kunstdünger. Der dritte Weg ist allerdings für den Boden wesentlich besser: Bio-vegane Landwirtschaft. Diese arbeitet mit der Natur und kann so die Bodenfruchtbarkeit langfristig verbessern. Im Gegensatz zu den Fäkalien werden dabei keine Schädlinge angezogen. Und E-Coli-Bakterien oder Salmonellen werden ebenso wenig auf die Felder ausgebracht, wie Antibiotikarückstände aus der Behandlung der sogenannten "Nutztiere". <br />Dass es auch auf Ackerflächen eine Fruchtfolge mit Kunstwiesen braucht, ist nicht korrekt. Um die bio-vegane Landwirtschaft zu fördern, gibt es seit 2025 das <a href="/V-Label-Vegan-Agriculture">V-Label für vegane Landwirtschaft</a>. Auf der Homepage der <a href="https://www.biocyclic-vegan.org" target="_blank">Biocyclic Vegan Agriculture</a> gibt es weitere Informationen zu dieser nachhaltigen Landwirtschaftsart ganz ohne Fäkalien und Weideflächen.<br />Wenn man sich die Argumente der Gegner der Initiative ansieht, ist es gut, dass die Initiative auch Investitionen in Ausbildung und Beratung der Landwirte beinhaltet, damit diese lernen, wie man mit weniger Fäkalien und ohne Wiesen auf Ackerflächen nachhaltige Landwirtschaft betreiben kann. </p><h3>«Die Schweizer Landwirtschaft produziert, was die Konsumenten nachfragen. Der Bund soll da keine Vorschriften machen.»</h3><p>Da die Schweizer Landwirte kaum noch von ihren Produkten leben können, steuert der Bund über die Subventionen, was wirtschaftlich sinnvoll produziert werden kann. Der defizitärste Bereich ist die Produktion tierischer Nahrungsmittel. Am meisten Subventionen werden für die Fleisch-, Milch-, und Zuckerproduktion ausbezahlt. Wobei die Zuckerindustrie aus den Zuckerrüben etwa gleichviel <a href="https://www.zucker.ch/futtermittel" target="_blank">Futtermittel</a> herstellt, wie Zucker und somit auch einen Teil der Tierwirtschaft darstellt.<br />Die Schweizer Landwirte produzieren also nicht was der Markt verlangt, sondern was der Bund subventioniert. Dies gilt insbesondere für den konventionellen Tierhaltungsbereich. <br />Doch auch auf den Nachfragebereich der Konsumenten nimmt der Bund heute grossen Einfluss: Er subventioniert jedes Jahr die Fleischwerbung mit rund 6 Millionen Franken. Und durch die Subventionen im Produktionsbereich ermöglicht er Fleisch zu Dumpingpreisen im Laden. Würden diese beiden Punkte wegfallen, dürfte der Fleischkonsum stark sinken, da dann pflanzliche Produkte konkurrenzfähiger sind und rund die Hälfte der Plakate mit Fleischwerbung wegfallen.<br />Heute müssen <a href="https://www.sbv-usp.ch/de/services/agristat-statistik-der-schweizer-landwirtschaft/grafiken#prettyPhoto[gal18204]-7" target="_blank">zwei Drittel der pflanzlichen Lebensmittel importiert</a> werden. In diesem Bereich könnte der Selbstversorgungsgrad stark erhöht werden, wenn die Ackerflächen wieder für die Lebensmittelproduktion freigegeben würden.<br />Was, wenn die Fleischnachfrage weniger (schnell) sinkt, als die Fleischproduktion? Heute wird die defizitäre Fleischproduktion künstlich mit Steuergeldern am Leben erhalten. Wenn diese staatliche Förderung zumindest zum Teil zu pflanzlichen Produkten verlagert wird, können viele Landwirte vermehrt pflanzliche Lebensmittel anbauen und somit auf ihren Äckern <a href="/land" target="_blank">mehr Lebensmittel</a> produzieren. Eine mögliche Produktionslücke im Fleischbereich kann durch vorübergehende Importe ausgeglichen werden. Die Importe würden sich also von pflanzlichen zu tierischen Produkten verlagern. Mengenmässig dürften sie aber auf jeden Fall deutlich geringer als heute ausfallen.<br />Die Gegner der Initiative warnen vor Importen, welche unsere Umweltstandards nicht einhalten. Gleichzeitig lehnen sie aber auch den Teil der Initiative ab, der für mehr Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und sauberes Trinkwasser im Inland sorgt.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/Diagramme/landverbrauch.jpg" alt="Landverbrauch pro kg Nahrungsmittel" class="align-center" /><h3>«Der Bund soll nicht vorschreiben, was wir essen dürfen»</h3><p>Die Initiative enthält keinerlei Vorschriften zur Ernährungsweise. Sie würde aber die heute einseitig auf Fleisch- und Milchkonsum ausgerichtete Subventionspolitik des Bundes beenden. Die einseitige Subventionierung der Fleischwerbung mit jährlich rund 6 Millionen Franken würde aufhören.</p><p>Selbst die angestrebten 70 % Selbstversorgungsgrad liessen sich ohne drastische Ernährungsveränderungen seitens der Bevölkerung erreichen, wie mehrere Berechnungen belegen.<span class="fussnotenlink">5</span> Würden auf den fruchtbaren Ackerflächen weniger Futtermittel und mehr pflanzliche Lebensmittel angebaut, ginge der Import von pflanzlichen Lebensmittel stark zurück, während der Import von Fleisch nicht so stark ansteigen würde. Dies liegt daran, dass von derselben Ackerfläche viel mehr Nahrungskalorien erzeugt werden können, wenn man direkt für die menschliche Ernährung produziert (Verkürzung der Nahrungskette). Das importierte Fleisch würde den Import von Futtermitteln stark reduzieren, da für ein Kilogramm Fleisch ein Vielfaches an Futtermitteln benötigt werden.</p><p>Aus Saldo 13/2026 vom 26.8.2026:</p><a href="https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/schweizer-bauern-setzen-zu-sehr-auf-tierhaltung"><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/saldo_tierhaltung.webp" alt="salso-Artikel Screenshot" /></a><p> </p><p>Infosperber, 26.7.2026: </p><a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/"><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/infosperber_fleischkonsum_initiative.webp" alt="Screenshot des Artikels im Infosperber" /></a><p> </p><p>Natürlich kann man den Selbstversorgungsgrad noch deutlich mehr steigern und die Importe reduzieren, wenn der Konsum tierischer Produkte spürbar gesenkt wird, aber für die 70 % ist es nicht zwingend nötig, wenn alle anderen Massnahmen umgesetzt werden.</p><h3>«Selbstversorgungsgrad steigern ist gut, aber nicht so»</h3><p>Der mit Abstand grösste Hebel zur Steigerung des Selbstversorgungsgrades ist die Verkürzung der Nahrungskette. Keine andere Massnahme kann so viele Kalorien einsparen, wie diese einfache Umstellung. Dadurch kann man auf derselben Fläche ein Vielfaches an Nahrungskalorien produzieren. Wenn man diese wichtigste Massnahme ablehnt, lehnt man auch die Erhöhung des Selbstversorgungsgrades ab und hält die Schweiz weiterhin von Importen abhängig. Es erstaunt, dass gerade diejenigen Kreise, welche Abhängigkeiten vom Ausland ablehnen, bei der Ernährung alles dafür tun, dass diese Abhängigkeit aufrechterhalten bleibt.<br />Dass die Ernährung der grösste Hebel für einen besseren Selbstversorgungsgrad ist, wissen auch die Gegner der Initiative. Sie behaupten sogar, dass <a href="https://www.baizer.ch/aktuell?artID=10061&amp;lvl=2" target="_blank">70 % Selbstversorgungsgrad nur mit rein pflanzlicher Ernährung erreicht werden kann</a>. Die naheliegendste Lösung für das Problem der Auslandabhängigkeit wird damit zugegeben, doch die Ablehnung der pflanzlicheren Ernährung ist so stark, dass sie im Krisenfall lieber hungern, als der Initiative eine Chance zu geben.</p><p>Der Bund hat schon jetzt einen Verfassungsauftrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung (<a href="https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de#art_104" target="_blank">Bundesverfassungsartikel 104</a>). Mit einem Selbstversorgungsgrad von weniger als 50 % kommt er diesem Auftrag aber nicht nach. Die Initiative würde diesem Auftrag Nachdruck verleihen indem mit ihrer Annahme ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 % zumindest angestrebt würde.</p><p>Den Politikern ist durchaus klar, dass die heutige starke Abhängigkeit von Importen eine Gefahr für Krisenzeiten darstellt. Doch statt das Problem an der Wurzel zu entschärfen, <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/bireweich-oder-bitternoetig-der-bund-ruft-die-bevoelkerung-auf-einen-notvorrat-anzulegen" target="_blank">empfehlen sie der Bevölkerung einen Notvorrat</a> anzulegen und lehnen die Ernährungsinitiative als Teil der Lösung ab.</p><h3>«Die Initiative richtet sich gegen die Bauern»</h3><p>Heute leben die Schweizer Bauern, welche Milch oder Fleisch produzieren, grossteils von <a href="https://www.iwp.swiss/publikationen/landwirtschaftssubventionen-ein-entscheid-gegen-den-markt" target="_blank">Staatsgeldern</a>. Sie haben dennoch ein geringes Einkommen und die Überproduktion drückt weiter auf die Preise. Die <a href="/traumatisierte-tierhalter">Suizidrate ist unter Landwirten</a> sehr hoch. Es muss sich – auch für die Bauern – etwas ändern. Die Initiative bietet hier eine echte Hilfe für alle Landwirte. Sie fördert die Landwirtschaft durch Unterstützung in der Umstellung auf eine nachhaltigere Produktion. Derzeit müssen z.B. Hersteller von Fleischalternativen wie <a href="https://thegreenmountain.ch/" target="_blank">The Green Mountain</a> und <a href="https://eatplanted.com/" target="_blank">Planted</a> ihr Erbsenprotein vollständig aus dem Ausland importieren, da in der Schweiz das Land für Fleisch- und Milchproduktion verwendet wird. Die Initiative würde die Schweizer Landwirtschaft bei der Neuausrichtung mit Forschung, Beratung und Ausbildung unterstützen.<br />Die Bestände an Milchkühen und Schweinen nehmen seit Jahren ab. Eine Veränderung kommt deshalb auf jeden Fall auf die Schweizer Landwirtschaft zu. Ohne die Initiative gibt es hierfür jedoch keinerlei Unterstützung vom Bund, der dann weiterhin auf Fleisch- und Milchproduktion fokussiert bleibt, obwohl sich der Markt in eine andere Richtung bewegt.<br />Die Initiative bietet deshalb eine grosse Chance für alle in der Landwirtschaft Tätigen, sich auf die neuen Marktverhältnisse anzupassen.</p><h3>«70 % Selbstversorgung in nur 10 Jahren ist unmöglich»</h3><p>Es stimmt, dass die Initiative das 70-Prozent-Ziel anstrebt und dafür den zeitlichen Rahmen von 10 Jahren vorgibt. Ein bestimmtes Ziel innerhalb einer bestimmten Zeit anzustreben ist aber nicht das Gleiche, wie es zwingend bis dann erreicht haben zu müssen. Die Initiative versucht lediglich, eine klare Richtung mit einem zwar ambitionierten, aber durchaus erreichbaren Ziel vorzugeben. Solche Argumente gegen die Machbarkeit der Initiative sind deshalb entweder unehrlich oder uninformiert. Das Parlament weiss, dass es bei der Umsetzung von Initiativen einen Spielraum hat. Diesen hat es z.B. auch bei der <a href="https://www.srf.ch/news/begrenzungsinitiative/begrenzungsinitiative-es-begann-mit-dem-ja-zur-masseneinwanderungsinitiative" target="_blank">Masseneinwanderungsinitiative</a> und bei der Ausschaffungsinitiative genutzt. Wobei mit der Ernährungsinitiative, die <a href="https://mailchi.mp/initiative-sichere-ernaehrung/medienmitteilung-juli-2026-aufsichtsbeschwerde" target="_blank">Initianten selbst klar vorgeben</a>, dass die 70 % zwar angestrebt werden sollen, es aber nicht innerhalb 10 Jahren um jeden Preis umgesetzt werden muss. Da das heutige Parlament dafür verantwortlich ist, dass die Fleischindustrie massiv gegenüber dem Pflanzenanbau bevorzugt wird, ist ein gewisser Druck von der Initiative notwendig, damit überhaupt eine Veränderung angestossen werden kann.<br /><br />Gemäss einer <a href="https://www.agrarforschungschweiz.ch/2025/12/wege-zu-einer-markanten-erhoehung-des-selbstversorgungsgrades-bei-weniger-umweltbelastung/" target="_blank">Studie von 2025 der ETH Zürich mit dem FiBL</a> wäre sogar ein Selbstversorgungsgrad von über 100 % zu erreichen, wenn man die nötigen Massnahmen konsequent umsetzt. Dazu gehören vor allem: Vermeidung von Food-Waste und die Nutzung der Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion statt Futtermittelherstellung (Feed-no-Food-Strategie). Gleichzeitig würde die Umweltbelastung durch die Nahrungsmittelproduktion stark gesenkt. </p></div><h3>Fazit</h3><p>Die heutige einseitige Bevorzugung der Fleisch- und Milchproduktion auf Kosten der Umwelt und Gesundheit würde durch die Initiative beendet werden. Der Bund würde die Fleischwerbung nicht mehr finanziell unterstützen. Im Gegensatz zu heute würde statt der Fleischproduktion vermehrt die pflanzliche Lebensmittelproduktion gefördert. Landwirte, die von der defizitären Tierproduktion auf die Produktion pflanzlicher Lebensmittel umsteigen wollen, würden durch die Initiative vom Bund Unterstützung erhalten. <br />Weder Landwirte noch Konsumenten würden jedoch zu irgend etwas gezwungen. </p><p>In der heutigen unsicheren Zeit reicht es nicht einen <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/bireweich-oder-bitternoetig-der-bund-ruft-die-bevoelkerung-auf-einen-notvorrat-anzulegen" target="_blank">Notvorrat</a> anzulegen, wie es der Bund empfiehlt. Man muss auch etwas zur Ernährungssicherheit im Inland tun. Diese Initiative bietet die Gelegenheit dazu.</p><p>Im Parlament hat im <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=71146" target="_blank">Nationalrat</a> und im <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/amtliches-bulletin/amtliches-bulletin-die-verhandlungen?SubjectId=71128" target="_blank">Ständerat</a> keine einzige Person für die Initiative gestimmt. Auch der <a href="https://www.admin.ch/de/nsb?id=103125" target="_blank">Bundesrat</a> lehnt die Initiative ab. Die SP, Grüne und GLP wollten in einem <a href="https://www.parlament.ch/de/services/news/Seiten/2025/20251217154127212194158159026_bsd120.aspx" target="_blank">Gegenvorschlag</a> die Förderung der pflanzlichen Ernährung ganz herausstreichen, kamen damit aber nicht durch. Wenn es um die Förderung einer pflanzlicheren Ernährung geht, kann man von keiner Seite mit politischer Unterstützung rechnen. Diese Initiative ermöglicht es aber der Bevölkerung den einseitigen Weg der Fleischförderung zu beenden und einen nachhaltigeren Weg einzuschlagen.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li><a href="https://drive.google.com/file/d/1Zv7whlEy0UOCpu1_Fgv9cs8Jipe6Nle0/view" target="_blank">Initiativtext</a></li><li>Stellungnahme des Bundesrates, dass 78 % der Landwirtschaftssubventionen der Tierhaltung zufliessen: <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20243793" target="_blank">Interpellation: Absatzförderung im Einklang mit einer standortangepassten, nachhaltigen Produktion</a></li><li>Agristat: <a href="https://www.sbv-usp.ch/de/services/agristat-statistik-der-schweizer-landwirtschaft/grafiken#prettyPhoto[gal18204]-7 " target="_blank">Selbstversorgungsgrad nach Nahrungsmittel</a></li><li>Greenpeace Schweiz: «<a href="https://www.greenpeace.ch/de/publikation/63781/der-futtermittel-schwindel/" target="_blank">Der Futtermittel-Schwindel</a>», 2.2.2021</li><li>Saldo: <a href="https://www.saldo.ch/artikel/artikeldetail/schweizer-bauern-setzen-zu-sehr-auf-tierhaltung" target="_blank">Schweizer Bauern setzen zu sehr auf Tierhaltung</a>, 26.8.2026; Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/" target="_blank">Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!</a>, 26.7.2026; Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/ernaehrungsinitiative-niemand-muss-weniger-fleisch-essen/" target="_blank">Ernährungsinitiative: Niemand muss weniger Fleisch essen!</a>, 28.8.2026</li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="/unterstuetzung-ernaehrungssicherheit">Swissveg unterstützt die kommende Initiative für mehr Ernährungssicherheit</a>, 26.2.2023</li><li><a href="https://doi.org/10.34776/afs16-212" target="_blank">Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung.</a> Agrarforschung Schweiz, 16, 212–224. <a href="https://doi.org/10.34776/afs16-212">https://doi.org/10.34776/afs16-212</a></li><li><a href="https://biozyklisch-vegan.org/faq/" target="_blank">Bio-vegane Landwirtschaft</a></li><li>Transfarmation: <a href="https://www.transfarmation.ch" target="_blank">Beratung für Landwirtschafts­betriebe für eine zukunfts­fähige Land­wirtschaft</a> (noch nicht staatlich gefördert)</li><li>Homepage der Initiative: <a href="https://www.initiative-fuer-eine-sichere-ernaehrung.ch/" target="_blank">Initiative für eine sichere Ernährung</a></li><li>Das <a href="/V-Label-Vegan-Agriculture">V-Label für (bio-)vegane Landwirtschaft</a>.</li><li>Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/ernaehrungsinitiative-bundesrat-verheddert-sich-in-widersprueche/" target="_blank">Ernährungsinitiative: Bundesrat verheddert sich in Widersprüche</a>, 23.7.2026</li><li>Infosperber: <a href="https://www.infosperber.ch/wirtschaft/landwirtschaft/der-konsum-von-fleisch-muesste-stark-reduziert-werden-falsch/" target="_blank">Der Konsum von Fleisch müsste «stark reduziert» werden: falsch!</a>, 26.7.2026.<br>&nbsp;</li></ul></div> Fri, 14 Aug 2026 05:40:43 +0000 Renato 4230 at https://www.swissveg.ch EGMR urteilt: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht https://www.swissveg.ch/de/EGMR-vegan-Menschenrecht <span>EGMR urteilt: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht</span> <span><span lang="" about="/en/user/3032" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Nurdin</span></span> <span>Fri, 07/17/2026 - 17:52</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 16. Juli anerkennt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die vegane Ernährungsweise als ein Menschenrecht. Dieses wegweisende Urteil hat weitreichende Folgen für Spitäler, Gefängnisse und andere Institutionen. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Schweiz?</p><h2>Keine durchgehend tierfreie Kost in Schweizer Einrichtungen</h2><p>Es beginnt vor einigen Jahren in der Westschweiz. Die zwei vegan lebenden Geschwister und aktiven <a href="https://www.swissveg.ch/de/node/155">Antispeziesisten</a> G.K. und A.S. engagieren sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren. Im November 2018 landet G.K. in einem Gefängnis im Kanton Genf in Untersuchungshaft und ist dort mit einem Speiseplan konfrontiert, der nur vegetarische und omnivore Kost vorsieht. Es gibt zwar Versuche des Entgegenkommens seitens des Gefängnisses, aber ein Recht auf durchgehend vegane Kost wird G.K. im Laufe des folgenden Jahres trotzdem wiederholt verwehrt. Dies ist besonders brisant, da G.K. gerade aufgrund des besagten Engagements gegen die Ausbeutung von Tieren überhaupt erst dort gelandet war. Auch der zweite Fall lief nicht viel besser: A.S. erhält während eines unfreiwilligen Aufenthalts von Februar bis April 2021 in einer psychiatrischen Einrichtung im Kanton Waadt ebenfalls keine durchgehend vegane Kost.</p><h2>Ein langer Weg: vom Kantonsgericht bis nach Strassburg</h2><p>Sowohl G.K. als auch A.S. beschweren sich wiederholt, da sie sich in ihrer Gewissensfreiheit verletzt fühlen – Gewissensfreiheit ist ein Menschenrecht gemäss Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Art 9. EMRK) – doch sie erhalten keine rechtlich verbindlichen Antworten, gegen die sie weitere Schritte ergreifen könnten. Zuletzt gehen sie bis vors Bundesgericht, welches ihre Klage aufgrund des Fehlens dieser rechtsverbindlicher Entscheide, auf welche sich ihre Klage hätte beziehen müssen, ablehnt. Zudem bezieht sich eines der Urteile auch auf die vorherige Anmerkung eines Kantonsgerichts, dass es zu aufwändig gewesen wäre, eine durchgehend vegane Kost zur Verfügung zu stellen und dass eine nur vegetarische Kost für vegan lebende Menschen ausreiche. Vegan lebende Menschen wissen, dass das so natürlich nicht stimmt: vegan zu kochen ist nicht nennenswert aufwändiger, als vegetarisch oder omnivor.</p><p>So bleibt G.K. und A.S. nur noch eines übrig: sie ziehen das Verfahren weiter bis nach Strassburg. Dort haben sie endlich Erfolg – sie erreichen, dass die <strong>vegane Ernährung erstmals durch Menschenrechte geschützt</strong> wird – und schaffen damit ganz nebenbei einen wegweisenden Präzedenzfall für die Zukunft.</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>Die wichtigsten Punkte des Urteils</h3><p>Am Donnerstag 16.7.2026 <a href="https://hudoc.echr.coe.int/eng#%7B%22display%22:%5B%220%22%5D,%22languageisocode%22:%5B%22ENG%22%5D,%22appno%22:%5B%2255299/20%22,%2231515/22%22%5D,%22documentcollectionid2%22:%5B%22CLIN%22%5D,%22itemid%22:%5B%22002-14630%22%5D%7D" target="_blank">urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)</a> dass G.K. und A.S. in ihrer durch Art. 9 EMRK geschützten Gedanken- und Gewissensfreiheit verletzt worden waren, da sie im unfreiwilligen Gewahrsam jeweils nicht durchgehend eine an ihre ethischen Werthaltungen angepasste Kost erhalten hatten. Ihre vegane Lebensweise sei Gegenstand von Artikel 9, da sie «die notwendige Überzeugungsstärke, Ernsthaftigkeit, Kohäsion und Wichtigkeit» aufweise. Desweiteren verstösst es gegen Art. 13 EMRK (Recht auf wirksame Beschwerde), dass es G.K. und A.S. faktisch verunmöglicht wurde, rechtlich gegen die Einrichtungen vorzugehen, da es sich bei deren Antworten jeweils um keine rechtlich verbindlichen Entscheidungen gehandelt habe und den Klägern vom Bundesgericht kein hinreichendes Interesse an der Sache zugestanden worden war. G.K. und A.S. wurde jeweils eine finanzielle Genugtuung zugesprochen.</p></div><h2>Ein Urteil von grosser Bedeutung</h2><p>Gewiss ist es für G.K. und A.S. bedeutungsvoll, in dieser Sache von der höchsten gerichtlichen Instanz nun endlich Recht erhalten zu haben. Doch auch für die vegane Bewegung als Ganzes ist das Urteil von enormer Bedeutung. Denn es ist nun offiziell anerkannt, dass vegane Ernährung, wenn sie auf einer nachweisbaren ethischen Überzeugung basiert, ein Menschenrecht ist. Art. 9 EMRK, der nebst Gedanken- und Gewissensfreiheit auch die Religionsfreiheit miteinbezieht, war noch nie zuvor auf eine nicht-religiös motivierte Ernährungsweise angewendet worden. Das heisst, während Gefängnisse, Spitäler und andere öffentliche Einrichtungen bereits in religionsbedingten Fällen ihre Speisepläne anpassten (und etwa halal oder koscher kochten), waren sie bisher noch nicht dazu verpflichtet, auf Veganer Rücksicht zu nehmen.</p><h2>EGMR bestätigt: Vegan zu leben ist eine Gewissensfrage</h2><p>Doch genauso wie eine religiös-fundierte Grundüberzeugung für eine Person in unterschiedlichen Lebensbereichen handlungsanleitend ist und in diesem Sinne zu einer Gewissensfrage werden kann, haben auch dem Veganismus zugrundeliegende Motive wie Ablehnung des Speziesismus, Respekt vor der Tierwürde oder Mitleid mit dem Leid der Tiere diese handlungsanleitende Funktion und lassen das Verhalten des Menschen gegenüber Tieren in verschiedenen Situationen wiederholt zur Gewissensfrage werden.</p><h2>Das Urteil aus Strassburg ist für alle Mitgliedstaaten rechtlich bindend</h2><p>Dass der EGMR dies nun anerkannt hat, legt den Grundstein für den angemessenen Respekt seitens der Institutionen und mehr Toleranz seitens der Bevölkerung gegenüber Veganern und ihrer Ernährungsweise. Denn das Urteil ist für die Schweiz und alle 45 weiteren Mitgliedsstaaten des Europarates, welche die Europäischen Menschenrechtskonvention unterzeichnet haben, rechtlich bindend und gilt ohne Einschränkung per sofort.</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>Menschenrechte stehen über Bundesgesetz</h3><p>In der Schweiz hat die EMRK Vorrang vor den Bundesgesetzen (<a href="http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-II-417%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document" target="_blank">BGE 125 II 417</a>&nbsp;E. 4d) und der Bundesverfassung (<a href="http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-I-16%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document" target="_blank">BGE 139 I 16</a>&nbsp;E. 5.1). Deswegen sind Bund und Kantone nun verpflichtet, ihre Gesetze insofern anzupassen, dass nebst religiös-motivierten Ernährungsweisen auch nicht-religiöse Ernährungsweisen wie Vegetarismus und Veganismus im Sinne der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit rechtlich geschützt und eine Diskriminierung vegan lebender Personen auf gleiche Weise wie eine Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Glaubens behandelt und in gleicher Weise strafbar wird. Mit dem Urteil des EGMR rückt diese inklusivere Zukunft nun einen Schritt näher.<br></div></p><h2>Wie geht es nun weiter?</h2><p>Auch wenn Art. 9 EMRK, wenn es um die Ernährung geht, bisher vor allem im Sinne der Religionsfreiheit Anwendung fand, heisst das natürlich nicht, dass Veganismus eine «quasi-Religion» ist, wie manche Medien nun schreiben. Und Veganismus ist auch mehr als «nur ein Lifestyle» oder eine «Modeerscheinung», sondern ein legitimer, <a href="https://www.swissveg.ch/de/node/155">ethisch fundierter</a> und von der Menschenrechtskonvention nun als geschützt anerkannter Einsatz für mehr Gerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren.</p><p>Es bleibt nun abzuwarten, welche Gesetze Bund und Kantone schaffen werden, um diesen neuen rechtlichen Sachverhalt abzubilden. Ein Beispiel können sie sich hierbei an <a href="https://www.vegansociety.com/news/blog/new-prison-food-rules-what-revised-prison-food-policy-means-imprisoned-vegans" target="_blank">England und Wales</a> nehmen, welche bereits Anfang 2026 erkannt haben, dass die zur Verfügung gestellte Kost in Gefängnissen bedeutsame Auswirkungen auf die Würde und das Wohlergehen der Insassen hat, weshalb nun für alle auch ein veganes Menu angeboten wird.</p><p>Bis die Schweiz ebenfalls so weit ist, können Veganer nun immerhin auf das Urteil des EGMR und dessen rechtliche Geltungskraft hindeuten, wenn sie von Diskriminierung durch Institutionen (oder auch am Arbeitsplatz, im Militärdienst etc.) aufgrund ihrer Ernährungsweise betroffen sind.</p><p>&nbsp;Ein erfreulicher und zukunftsweisender Moment!</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ul><li>Das vollständige <a href="https://hudoc.echr.coe.int/eng#%7B%22display%22:%5B%220%22%5D,%22languageisocode%22:%5B%22ENG%22%5D,%22appno%22:%5B%2255299/20%22,%2231515/22%22%5D,%22documentcollectionid2%22:%5B%22CLIN%22%5D,%22itemid%22:%5B%22002-14630%22%5D%7D" target="_blank">Urteil des EGMR vom 16.7.2026</a></li><li>Die beiden Urteile des Schweizer Bundesgerichtes:<ul><li><a href="https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/fr/php/aza/http/index.php?lang=fr&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=1B_608%2F2019++&amp;rank=1&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F11-06-2020-1B_608-2019" target="_blank">Urteil vom 11. Juni 2020</a></li><li><a href="https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/fr/php/aza/http/index.php?lang=fr&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=%222C_495%2F2021%22&amp;rank=1&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F09-02-2022-2C_495-2021" target="_blank">Urteil vom 9. Februar 2022</a></li></ul></li></ul></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li>Swissveg-Pressemitteilung: <a href="https://newsletter.swissveg.ch/newsletter.php?data=aWQ9Njg5Jmxhbmc9RA" target="_blank">EGMR bestätigt erstmals: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht</a>, 16.7.2026</li><li>SRF: <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/verpflegung-hinter-gittern-egmr-veganismus-zaehlt-als-quasi-religioese-ueberzeugung" target="_blank">EGMR: Recht auf veganes Essen im Gefängnis</a>, 16.7.2026</li><li>Vegconomist: <a href="https://vegconomist.de/politik-gesellschaft/egmr-schuetzt-ethischen-veganismus-erstmals-als-gewissensfreiheit/" target="_blank">EGMR schützt ethischen Veganismus erstmals als Gewissensfreiheit</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/vegane_lebensweise">Alles rund um die vegane Lebensweise</a></li></ul></div> Fri, 17 Jul 2026 15:52:10 +0000 Nurdin 4217 at https://www.swissveg.ch Über die Postkarte hinaus: Die Schattenseite der Milchindustrie https://www.swissveg.ch/de/schattenseite-milchindustrie <span>Über die Postkarte hinaus: Die Schattenseite der Milchindustrie</span> <span><span lang="" about="/en/user/2634" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Amandine</span></span> <span>Mon, 07/20/2026 - 12:11</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Die Interessenverbände der Agrar- und Lebensmittelindustrie stellen Milch gerne als gesundes, natürliches und umweltfreundliches Lebensmittel dar. Insbesondere in der Schweiz ist die Milchwirtschaft ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes und des touristischen Images des Landes. Früher ermöglichte die Verarbeitung von Milch zu Käse den Alpenregionen, verderbliche Lebensmittel für den Winter zu konservieren. Aber ist diese Tradition heute noch relevant?</p><h5>Milchprodukte – alles andere als natürlich</h5><p>Die Milchindustrie präsentiert gerne Bilder von Kühen mit Hörnern, die friedlich auf Alpwiesen grasen. Hinter dieser Darstellung verbirgt sich jedoch eine ganz andere Realität. Von der Zucht der Tiere bis zum Käse im Kühlregal basiert die moderne Milchproduktion auf technischen Eingriffen und internationalen Lieferketten, die mit einer «natürlichen» Landwirtschaft kaum noch etwas zu tun haben.</p><p>Die Zucht von Milchvieh ist schon lange kein Zufall mehr. In modernen Betrieben ist die <strong>künstliche Befruchtung</strong> zur Norm geworden und ermöglicht es, die genetischen Merkmale der als leistungsstärksten geltenden Stieren an Hunderttausende von Kühen weiterzugeben. In der Schweiz veranschaulicht Swissgenetics diese Entwicklung perfekt. Die Genossenschaft gibt an, zwischen 2020 und 2024 mehr als eine Million Dosen Brown Swiss-Samen von über 300 Bullen in 48 Länder auf fünf Kontinenten verkauft zu haben.<span class="fussnotenlink">1</span> Die Auswahlkriterien beziehen sich hauptsächlich auf die Milchleistung, den Körperbau der Tiere, die Eutergesundheit, die Fruchtbarkeit sowie die Langlebigkeit. Milchrinder sind somit das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver genetischer Selektion, die darauf abzielt, die wirtschaftliche Leistung der Herden zu maximieren. Diese genetische Vereinheitlichung steht in starkem Kontrast zum Bild von Herden, die im Rhythmus der Natur leben. Die Tiere werden nicht mehr nur gezüchtet: Sie werden nach vom Menschen definierten Leistungszielen ausgewählt und vermehrt.</p><p>Auch das Bild eines Käses, der ausschliesslich aus lokalen Rohstoffen hergestellt wird, ist irreführend. Für die Herstellung von Schweizer AOP-Käsen wie Gruyère, Emmentaler, Vacherin Fribourgeois oder Raclette aus dem Wallis wird Lab benötigt, ein Enzym, das aus dem vierten Magen junger Kälber gewonnen wird. <strong>Dieses Lab wird jedoch in fast allen Fällen importiert</strong>. Die Schweiz produziert so gut wie kein eigenes Lab und ist auf ausländische Lieferanten angewiesen. Ein Teil dieses Labs stammt aus Ländern, in denen die Methoden der Kälberaufzucht sich von den in der Schweiz zugelassenen oder praktizierten unterscheiden.<span class="fussnotenlink">2</span> Mit anderen Worten: Selbst die symbolträchtigsten Käsesorten des kulinarischen Erbes der Schweiz benötigen einen Rohstoff, der aus einer globalisierten Lieferkette stammt.</p><p>&nbsp;</p><h5>Haben Kühe in den Bergen wirklich ihren Platz?</h5><p>Die mageren Bergwiesen sind ein wichtiger Lebensraum für eine grosse Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten. Sie sind jedoch nicht für das Gewicht von Rindern (500 bis 800 kg) geeignet, das weit über dem Gewicht der wildlebenden Arten liegt, die diese Gebiete von Natur aus bevölkern, wie Gämse (25 bis 60 kg) oder Steinböcke (75 bis 120 kg). Indem sie die dünne Schicht der alpinen Vegetation ständig <strong>zertrampeln</strong>,<strong> </strong>schädigen Kühe diese besonders empfindlichen Böden nach und nach. Hinzu kommt die übermässige Einbringung von Nitraten aus ihren Exkrementen, die die Zusammensetzung der Böden tiefgreifend verändert. Diese<strong> Überdüngung</strong> begünstigt die wettbewerbsstärksten Pflanzenarten zum Nachteil der alpinen Flora. So wurden seit 1900 mehr als 95% der Trockenwiesen in der Schweiz zerstört, und sowohl ihre Fläche als auch ihre Qualität nimmt weiterhin ab.<span class="fussnotenlink">3</span> Weiden schränken zudem das natürliche Vordringen von Wäldern und Gebüschen ein, die jedoch eine wesentliche Rolle beim Schutz vor Lawinen spielen. Um sie zu erhalten, sind daher verstärkt künstliche Massnahmen erforderlich.</p><p>Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die durch die globale Erwärmung verschärfte Dürre trifft die Bergregionen immer häufiger. In den Jahren 2003, 2015, 2018, 2022 und 2026 mussten <strong>Hubschrauber der Schweizer Armee</strong> eingesetzt werden, um Wasser bis auf die Sommerweiden zu transportieren und die Tiere zu tränken. Allein im Jahr 2022 leistete die Schweizer Luftwaffe insgesamt 700 Flugstunden, um 4,3 Millionen Liter Wasser zu transportieren.<span class="fussnotenlink">4</span> Und diese beeindruckende Zahl berücksichtigt noch nicht einmal die Transporte, die von privaten Hubschrauber-Frachtunternehmen durchgeführt wurden. Diese Wasserknappheit ist kaum überraschend: Eine einzige Kuh kann bis zu 100 Liter Wasser pro Tag trinken. Versiegen die Quellen, muss dieses Wasser anderweitig bereitgestellt werden.&nbsp;</p><p>Im Jahr 2026 war die Dürre in einigen Regionen der Schweiz so stark, dass die Landwirte gezwungen waren, mitten im Sommer auf ihre Winterfutterreserven zurückzugreifen. Um den Kauf von teurem Futter zu vermeiden, mussten sie die ältesten und leistungsschwächsten Kühe <strong>mehrere Monate vor dem geplanten Termin zum Schlachthof schicken</strong>.<span class="fussnotenlink">5</span> Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Klimaerwärmung drohen diese Probleme bei der Wasser- und Futterversorgung immer häufiger zu werden, was die Frage aufwirft, ob die Haltung grosser Rinderherden auf den Alpwiesen noch nachhaltig ist.</p><p>&nbsp;</p><h5>Eine strukturell ineffiziente Produktion</h5><h4>Pflanzen in Milch umwandeln: eine Verschwendung von Ressourcen</h4><p>Milch wird oft als nachhaltiges Lebensmittel dargestellt, insbesondere weil Kühe Gras verwerten – eine Ressource, die der Mensch nicht direkt verzehren kann. Dieses Argument hält einer genaueren Betrachtung jedoch nur teilweise stand. Tatsächlich wandelt eine Kuh nur einen Bruchteil der in ihrer Nahrung enthaltenen Energie in Milch um: Ein grosser Teil wird für ihren eigenen Stoffwechsel, ihr Wachstum, ihre Fortbewegung oder einfach zur Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur benötigt. Diese Umwandlung führt zu einem erheblichen<strong> Ressourcenverlust</strong>.</p><p>Die Milchproduktion beansprucht somit weitaus mehr landwirtschaftliche Flächen, Wasser und Energie als die Herstellung pflanzlicher Milchalternativen. Die Tiere benötigen Weideland, aber auch Anbauflächen für die Futterproduktion. 10% dieses Futters wird zudem importiert,<span class="fussnotenlink">6</span> insbesondere in Form von Kraftfutter, das auf Ackerflächen angebaut wird, die direkt für die Produktion von Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr genutzt werden könnten. Pro Jahr erhält eine Milchkuh in der Schweiz im Schnitt 614 kg Kraftfutter.<span class="fussnotenlink">7</span> Selbst das Argument, dass Rinder ausschliesslich Gras fressen, ist daher unvollständig.</p><p>Der Wasserverbrauch verdeutlicht diese Ineffizienz. Kühe trinken täglich mehrere Dutzend Liter Wasser, hinzu kommt der Bewässerungsbedarf für den Futteranbau. Bei gleicher Menge benötigen pflanzliche Milchalternativen deutlich weniger Wasser und landwirtschaftliche Flächen. Die Herstellung von Mandelmilch, die zwar oft wegen ihres Wasserverbrauchs kritisiert wird, erfordert beispielsweise etwa achtzehnmal weniger Land und mehrere hundert Liter Wasser weniger pro produziertem Liter Milch.<span class="fussnotenlink">8</span></p><h4>Millionen Liter Milch gehen verloren</h4><p>Zu dieser biologischen Ineffizienz kommt eine direkte Verschwendung hinzu. Milchkühe leiden häufig an Mastitis, einer Euterentzündung, die in der Regel mit <a href="https://www.swissveg.ch/de/antibiotika"><strong>Antibiotika</strong></a> behandelt wird. Während der gesamten Behandlungsdauer und der gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeit darf ihre Milch nicht verkauft werden, um das Vorhandensein von Arzneimittelrückständen in den für den Verzehr bestimmten Produkten zu vermeiden.</p><p>In der Schweiz führt diese Situation jedes Jahr dazu, dass etwa<strong> 80 Millionen Liter Milch</strong> entsorgt werden, was dem Jahresverbrauch von fast eineinhalb Millionen Menschen entspricht.<span class="fussnotenlink">9</span> Diese Milch wird in der Regel an Kälber verfüttert oder mit der Gülle ausgebracht. Eine Praxis, die auch im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit Bedenken aufwirft, da sie die Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien in der Umwelt begünstigen kann.</p><h4>Überproduktion</h4><p>Die Verschwendung hört damit noch nicht auf. Seit mehreren Jahren produziert die Schweiz <strong>mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann.</strong> Nach Angaben der Branchenorganisation Milch (BO Milch) lieferten die Erzeuger im Jahr 2025 rund 126 Millionen Kilogramm Milch mehr, als der Markt benötigte.<span class="fussnotenlink">10</span> Diese Überproduktion übt einen Druck auf die Preise aus und gefährdet die Einkünfte der Landwirte.</p><p>Um diese Überschüsse einzudämmen, führte die BO Milch im Jahr 2026 ein System ein, das Betriebe bestraft, die ihre Referenzmenge überschreiten. Milch, die über diese Schwelle hinaus produziert wird, wird nur zu einem stark reduzierten Preis vergütet. Trotzdem bleiben die Mengen hoch. Die wirtschaftlichen Mechanismen des Sektors zwingen jeden Betrieb dazu, mehr zu produzieren, um den Preisverfall auszugleichen – selbst wenn diese Strategie die Überschusslage noch weiter verschärft.</p><p>Die Folgen sind bis in die Kühlhäuser hinein sichtbar: Im Frühjahr 2026 waren dort mehr als 7000 Tonnen Butter gelagert, das sind etwa 2000 Tonnen mehr als üblich.<span class="fussnotenlink">11</span> Diese Anhäufung verdeutlicht ein Paradoxon: Eine Industrie, die immer mehr produziert, obwohl sie bereits Schwierigkeiten hat, ihre Erzeugnisse abzusetzen.</p><p>&nbsp;</p><h5>Fazit</h5><p>Das idyllische Bild der Milchwirtschaft beruht weitgehend auf einer Erzählung aus der Vergangenheit. Hinter den Postkartenlandschaften verbergen sich<strong> eine stark industrialisierte Produktion, ein hoher Ressourcenverbrauch und ein Wirtschaftssystem, das Überschüsse erzeugt und gleichzeitig die Einkommen der Erzeuger gefährdet</strong>.</p><p>Die Nutzung der Alpwiesen als Weideland erscheint nicht mehr als die sinnvollste Lösung. Diese Flächen liefern nur einen geringen Teil unserer Nahrungsmittel, sind aber von grosser ökologischer Bedeutung. Da der Klimawandel den Druck auf die Berggebiete verstärkt, wäre es sinnvoll, einen Teil der Magerwiesen wieder ihrer natürlichen Dynamik zu überlassen. Eine solche Entwicklung ist jedoch ohne eine Reduzierung der Milch- und Fleischproduktion kaum vorstellbar. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung würde es ermöglichen, die Bevölkerung mit deutlich weniger Land, Wasser und Energie zu ernähren und gleichzeitig den ökologischen Druck auf die Bergregionen zu verringern.</p><p>Das grösste Hindernis ist jedoch nicht technischer, sondern wirtschaftlicher und politischer Natur. <a href="https://www.swissveg.ch/de/subventionspolitik_vs_kostenwahrheit?language=de">Derzeit fliessen rund 82% der Schweizer Agrarsubventionen in die Tierhaltung.</a> Für viele Betriebe bedeutet eine Verkleinerung ihres Viehbestands oder eine Umstellung auf Pflanzenbau den Verlust eines erheblichen Teils ihrer finanziellen Unterstützung. Hinzu kommt das Fehlen eines echten staatlichen Programms zur Begleitung von Tierhaltern, die die Tierproduktion zugunsten des Pflanzenbaus aufgeben möchten. Der Wandel lastet daher fast vollständig auf den Schultern der Landwirte, die die finanziellen Risiken einer solchen Umstellung allein tragen müssten.</p><p>Die Produzenten befinden sich somit zwischen Hammer und Amboss. Einerseits zwingen sie die niedrigen Milchpreise dazu, immer mehr zu produzieren, um ihr Einkommen zu sichern; andererseits veranlassen die staatlichen Fördermechanismen sie dazu, ihren Viehbestand beizubehalten, anstatt ihren Betrieb weiterzuentwickeln. <strong>Eine nachhaltigere Landwirtschaft kann daher nicht allein auf dem guten Willen der Erzeuger oder Verbraucher beruhen. Sie erfordert eine tiefgreifende Reform der Agrarpolitik, damit staatliche Beihilfen den Wandel tatsächlich begleiten, anstatt ein Modell aufrechtzuerhalten, das heute seine ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Grenzen zeigt.</strong></p><p>&nbsp;</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Swissgenetics. (2024, 18. Juni). Swissgenetics: führend im weltweiten Brown Swiss-Zuchtprogramm. <a href="https://www.swissgenetics.com/de/swissgenetics-fuehrend-im-weltweiten-brown-swiss-zuchtprogramm">www.swissgenetics.com/de/swissgenetics-fuehrend-im-weltweiten-brown-swiss-zuchtprogramm</a>&nbsp;</li><li>SRF. (2026, 5. März). Für Schweizer AOP-Käse unverzichtbar: Kälber aus Neuseeland. <a href="https://www.srf.ch/news/dialog/verborgene-abhaengigkeit-fuer-schweizer-aop-kaese-unverzichtbar-kaelber-aus-neuseeland">www.srf.ch/news/dialog/verborgene-abhaengigkeit-fuer-schweizer-aop-kaese-unverzichtbar-kaelber-aus-neuseeland&nbsp;</a></li><li>Bundesamt für Umwelt BAFU. (2025, 12. Dezember). Trockenwiesen und -weiden. <a href="https://www.bafu.admin.ch/de/tww">www.bafu.admin.ch/de/tww</a></li><li>SRF. (2023, 28. Juni). Älpler schlagen Alarm: Z’Alp geht mancherorts das Wasser aus. <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/trockenheit-in-den-bergen-aelpler-schlagen-alarm-z-alp-geht-mancherorts-das-wasser-aus">www.srf.ch/news/schweiz/trockenheit-in-den-bergen-aelpler-schlagen-alarm-z-alp-geht-mancherorts-das-wasser-aus</a></li><li>Nau.ch. (2026, 04. August). Bauern schlachten Tausende Kühe wegen Hitze und Futtermangel. <a href="https://www.nau.ch/news/schweiz/bauern-schlachten-tausende-kuhe-wegen-hitze-und-futtermangel-67154776">www.nau.ch/news/schweiz/bauern-schlachten-tausende-kuhe-wegen-hitze-und-futtermangel-67154776</a>&nbsp;</li><li>Swissmilk. (o. D.) Bei uns finden Milchkühe ohne Mühe Futter. <a href="https://www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/tierwohl/bei-uns-finden-milchkuehe-ohne-muehe-futter/">www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/tierwohl/bei-uns-finden-milchkuehe-ohne-muehe-futter</a></li><li>Schweizer Bauernverband. (2021, Mai). FOKUS – Das fressen Kuh, Schwein und Co. <a href="https://www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Medien/Publikationen/FOKUS05_Futtermittel_def_DE_web.pdf">www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Medien/Publikationen/FOKUS05_Futtermittel_def_DE_web.pdf</a></li><li>Lebensmittellexikon. (o. D.). Virtuelles Wasser in Lebensmitteln. <a href="https://www.lebensmittellexikon.de/v0001020.php">www.lebensmittellexikon.de/v0001020.php</a></li><li>Ktipp. (2022, 19. April). Antibiotikaspritzen im Kuhstall: 80 Millionen Liter Milch pro Jahr unbrauchbar. <a href="https://www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/antibiotikaspritzen-im-kuhstall-80-millionen-liter-milch-pro-jahr-unbrauchbar/">www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/antibiotikaspritzen-im-kuhstall-80-millionen-liter-milch-pro-jahr-unbrauchbar</a></li><li>SRF. (2025, 17. Dezember). Weshalb es in der Schweiz zu viel Milch gibt. <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/hiesiger-milchmarkt-weshalb-es-in-der-schweiz-zu-viel-milch-gibt">www.srf.ch/news/wirtschaft/hiesiger-milchmarkt-weshalb-es-in-der-schweiz-zu-viel-milch-gibt</a></li><li>Swissinfo. (2026, 22. Mai). Die Schweizer Milch- und Butterproduktion liegt über dem Bedarf. <a href="https://www.swissinfo.ch/ger/die-schweizer-milch-und-butterproduktion-liegt-%C3%BCber-dem-bedarf/91457620">www.swissinfo.ch/ger/die-schweizer-milch-und-butterproduktion-liegt-%C3%BCber-dem-bedarf/91457620</a>&nbsp;</li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/kuhmilch"><span lang="de-CH">Allgemeines zur Milch</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/berggebiete"><span lang="de-CH">Berggebiete</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/grasland-schweiz"><span lang="de-CH">Grasland Schweiz: Mehr Lebensmittel durch weniger Tiere?</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/hitzewelle-schweiz">Hitzewelle und Wasserknappheit – Wegen unserer Ernährung?</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/antibiotika"><span lang="de-CH">Einsatz von Antibiotika in der Viehwirtschaft</span></a><span lang="de-CH">&nbsp;</span></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/subventionspolitik_vs_kostenwahrheit">Subventionspolitik vs. Kostenwahrheit</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/weltpflanzenmilchtag-2025">Weltpflanzenmilchtag: Zeit, die Milch neu zu denken</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.playsuisse.ch/de/show/2416567">Miss Kuh</a>: Ein Dokumentarfilm über die genetische Selektion von Milchkühen</p></li></ul></div> Mon, 20 Jul 2026 10:11:30 +0000 Amandine 4218 at https://www.swissveg.ch Über die Postkarte hinaus: Die Schattenseite der Milchindustrie https://www.swissveg.ch/de/schattenseite-milchindustrie <span>Über die Postkarte hinaus: Die Schattenseite der Milchindustrie</span> <span><span lang="" about="/en/user/2634" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Amandine</span></span> <span>Mon, 07/20/2026 - 12:11</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Die Interessenverbände der Agrar- und Lebensmittelindustrie stellen Milch gerne als gesundes, natürliches und umweltfreundliches Lebensmittel dar. Insbesondere in der Schweiz ist die Milchwirtschaft ein fester Bestandteil des kulturellen Erbes und des touristischen Images des Landes. Früher ermöglichte die Verarbeitung von Milch zu Käse den Alpenregionen, verderbliche Lebensmittel für den Winter zu konservieren. Aber ist diese Tradition heute noch relevant?</p><h5>Milchprodukte – alles andere als natürlich</h5><p>Die Milchindustrie präsentiert gerne Bilder von Kühen mit Hörnern, die friedlich auf Alpwiesen grasen. Hinter dieser Darstellung verbirgt sich jedoch eine ganz andere Realität. Von der Zucht der Tiere bis zum Käse im Kühlregal basiert die moderne Milchproduktion auf technischen Eingriffen und internationalen Lieferketten, die mit einer «natürlichen» Landwirtschaft kaum noch etwas zu tun haben.</p><p>Die Zucht von Milchvieh ist schon lange kein Zufall mehr. In modernen Betrieben ist die <strong>künstliche Befruchtung</strong> zur Norm geworden und ermöglicht es, die genetischen Merkmale der als leistungsstärksten geltenden Stieren an Hunderttausende von Kühen weiterzugeben. In der Schweiz veranschaulicht Swissgenetics diese Entwicklung perfekt. Die Genossenschaft gibt an, zwischen 2020 und 2024 mehr als eine Million Dosen Brown Swiss-Samen von über 300 Bullen in 48 Länder auf fünf Kontinenten verkauft zu haben.<span class="fussnotenlink">1</span> Die Auswahlkriterien beziehen sich hauptsächlich auf die Milchleistung, den Körperbau der Tiere, die Eutergesundheit, die Fruchtbarkeit sowie die Langlebigkeit. Milchrinder sind somit das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver genetischer Selektion, die darauf abzielt, die wirtschaftliche Leistung der Herden zu maximieren. Diese genetische Vereinheitlichung steht in starkem Kontrast zum Bild von Herden, die im Rhythmus der Natur leben. Die Tiere werden nicht mehr nur gezüchtet: Sie werden nach vom Menschen definierten Leistungszielen ausgewählt und vermehrt.</p><p>Auch das Bild eines Käses, der ausschliesslich aus lokalen Rohstoffen hergestellt wird, ist irreführend. Für die Herstellung von Schweizer AOP-Käsen wie Gruyère, Emmentaler, Vacherin Fribourgeois oder Raclette aus dem Wallis wird Lab benötigt, ein Enzym, das aus dem vierten Magen junger Kälber gewonnen wird. <strong>Dieses Lab wird jedoch in fast allen Fällen importiert</strong>. Die Schweiz produziert so gut wie kein eigenes Lab und ist auf ausländische Lieferanten angewiesen. Ein Teil dieses Labs stammt aus Ländern, in denen die Methoden der Kälberaufzucht sich von den in der Schweiz zugelassenen oder praktizierten unterscheiden.<span class="fussnotenlink">2</span> Mit anderen Worten: Selbst die symbolträchtigsten Käsesorten des kulinarischen Erbes der Schweiz benötigen einen Rohstoff, der aus einer globalisierten Lieferkette stammt.</p><p>&nbsp;</p><h5>Haben Kühe in den Bergen wirklich ihren Platz?</h5><p>Die mageren Bergwiesen sind ein wichtiger Lebensraum für eine grosse Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten. Sie sind jedoch nicht für das Gewicht von Rindern (500 bis 800 kg) geeignet, das weit über dem Gewicht der wildlebenden Arten liegt, die diese Gebiete von Natur aus bevölkern, wie Gämse (25 bis 60 kg) oder Steinböcke (75 bis 120 kg). Indem sie die dünne Schicht der alpinen Vegetation ständig <strong>zertrampeln</strong>,<strong> </strong>schädigen Kühe diese besonders empfindlichen Böden nach und nach. Hinzu kommt die übermässige Einbringung von Nitraten aus ihren Exkrementen, die die Zusammensetzung der Böden tiefgreifend verändert. Diese<strong> Überdüngung</strong> begünstigt die wettbewerbsstärksten Pflanzenarten zum Nachteil der alpinen Flora. So wurden seit 1900 mehr als 95% der Trockenwiesen in der Schweiz zerstört, und sowohl ihre Fläche als auch ihre Qualität nimmt weiterhin ab.<span class="fussnotenlink">3</span> Weiden schränken zudem das natürliche Vordringen von Wäldern und Gebüschen ein, die jedoch eine wesentliche Rolle beim Schutz vor Lawinen spielen. Um sie zu erhalten, sind daher verstärkt künstliche Massnahmen erforderlich.</p><p>Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die durch die globale Erwärmung verschärfte Dürre trifft die Bergregionen immer häufiger. In den Jahren 2003, 2015, 2018, 2022 und 2026 mussten <strong>Hubschrauber der Schweizer Armee</strong> eingesetzt werden, um Wasser bis auf die Sommerweiden zu transportieren und die Tiere zu tränken. Allein im Jahr 2022 leistete die Schweizer Luftwaffe insgesamt 700 Flugstunden, um 4,3 Millionen Liter Wasser zu transportieren.<span class="fussnotenlink">4</span> Und diese beeindruckende Zahl berücksichtigt noch nicht einmal die Transporte, die von privaten Hubschrauber-Frachtunternehmen durchgeführt wurden. Diese Wasserknappheit ist kaum überraschend: Eine einzige Kuh kann bis zu 100 Liter Wasser pro Tag trinken. Versiegen die Quellen, muss dieses Wasser anderweitig bereitgestellt werden.&nbsp;</p><p>Im Jahr 2026 war die Dürre in einigen Regionen der Schweiz so stark, dass die Landwirte gezwungen waren, mitten im Sommer auf ihre Winterfutterreserven zurückzugreifen. Um den Kauf von teurem Futter zu vermeiden, mussten sie die ältesten und leistungsschwächsten Kühe <strong>mehrere Monate vor dem geplanten Termin zum Schlachthof schicken</strong>.<span class="fussnotenlink">5</span> Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Klimaerwärmung drohen diese Probleme bei der Wasser- und Futterversorgung immer häufiger zu werden, was die Frage aufwirft, ob die Haltung grosser Rinderherden auf den Alpwiesen noch nachhaltig ist.</p><p>&nbsp;</p><h5>Eine strukturell ineffiziente Produktion</h5><h4>Pflanzen in Milch umwandeln: eine Verschwendung von Ressourcen</h4><p>Milch wird oft als nachhaltiges Lebensmittel dargestellt, insbesondere weil Kühe Gras verwerten – eine Ressource, die der Mensch nicht direkt verzehren kann. Dieses Argument hält einer genaueren Betrachtung jedoch nur teilweise stand. Tatsächlich wandelt eine Kuh nur einen Bruchteil der in ihrer Nahrung enthaltenen Energie in Milch um: Ein grosser Teil wird für ihren eigenen Stoffwechsel, ihr Wachstum, ihre Fortbewegung oder einfach zur Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur benötigt. Diese Umwandlung führt zu einem erheblichen<strong> Ressourcenverlust</strong>.</p><p>Die Milchproduktion beansprucht somit weitaus mehr landwirtschaftliche Flächen, Wasser und Energie als die Herstellung pflanzlicher Milchalternativen. Die Tiere benötigen Weideland, aber auch Anbauflächen für die Futterproduktion. 10% dieses Futters wird zudem importiert,<span class="fussnotenlink">6</span> insbesondere in Form von Kraftfutter, das auf Ackerflächen angebaut wird, die direkt für die Produktion von Lebensmitteln für den menschlichen Verzehr genutzt werden könnten. Pro Jahr erhält eine Milchkuh in der Schweiz im Schnitt 614 kg Kraftfutter.<span class="fussnotenlink">7</span> Selbst das Argument, dass Rinder ausschliesslich Gras fressen, ist daher unvollständig.</p><p>Der Wasserverbrauch verdeutlicht diese Ineffizienz. Kühe trinken täglich mehrere Dutzend Liter Wasser, hinzu kommt der Bewässerungsbedarf für den Futteranbau. Bei gleicher Menge benötigen pflanzliche Milchalternativen deutlich weniger Wasser und landwirtschaftliche Flächen. Die Herstellung von Mandelmilch, die zwar oft wegen ihres Wasserverbrauchs kritisiert wird, erfordert beispielsweise etwa achtzehnmal weniger Land und mehrere hundert Liter Wasser weniger pro produziertem Liter Milch.<span class="fussnotenlink">8</span></p><h4>Millionen Liter Milch gehen verloren</h4><p>Zu dieser biologischen Ineffizienz kommt eine direkte Verschwendung hinzu. Milchkühe leiden häufig an Mastitis, einer Euterentzündung, die in der Regel mit <a href="https://www.swissveg.ch/de/antibiotika"><strong>Antibiotika</strong></a> behandelt wird. Während der gesamten Behandlungsdauer und der gesetzlich vorgeschriebenen Wartezeit darf ihre Milch nicht verkauft werden, um das Vorhandensein von Arzneimittelrückständen in den für den Verzehr bestimmten Produkten zu vermeiden.</p><p>In der Schweiz führt diese Situation jedes Jahr dazu, dass etwa<strong> 80 Millionen Liter Milch</strong> entsorgt werden, was dem Jahresverbrauch von fast eineinhalb Millionen Menschen entspricht.<span class="fussnotenlink">9</span> Diese Milch wird in der Regel an Kälber verfüttert oder mit der Gülle ausgebracht. Eine Praxis, die auch im Hinblick auf die öffentliche Gesundheit Bedenken aufwirft, da sie die Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien in der Umwelt begünstigen kann.</p><h4>Überproduktion</h4><p>Die Verschwendung hört damit noch nicht auf. Seit mehreren Jahren produziert die Schweiz <strong>mehr Milch, als der Markt aufnehmen kann.</strong> Nach Angaben der Branchenorganisation Milch (BO Milch) lieferten die Erzeuger im Jahr 2025 rund 126 Millionen Kilogramm Milch mehr, als der Markt benötigte.<span class="fussnotenlink">10</span> Diese Überproduktion übt einen Druck auf die Preise aus und gefährdet die Einkünfte der Landwirte.</p><p>Um diese Überschüsse einzudämmen, führte die BO Milch im Jahr 2026 ein System ein, das Betriebe bestraft, die ihre Referenzmenge überschreiten. Milch, die über diese Schwelle hinaus produziert wird, wird nur zu einem stark reduzierten Preis vergütet. Trotzdem bleiben die Mengen hoch. Die wirtschaftlichen Mechanismen des Sektors zwingen jeden Betrieb dazu, mehr zu produzieren, um den Preisverfall auszugleichen – selbst wenn diese Strategie die Überschusslage noch weiter verschärft.</p><p>Die Folgen sind bis in die Kühlhäuser hinein sichtbar: Im Frühjahr 2026 waren dort mehr als 7000 Tonnen Butter gelagert, das sind etwa 2000 Tonnen mehr als üblich.<span class="fussnotenlink">11</span> Diese Anhäufung verdeutlicht ein Paradoxon: Eine Industrie, die immer mehr produziert, obwohl sie bereits Schwierigkeiten hat, ihre Erzeugnisse abzusetzen.</p><p>&nbsp;</p><h5>Fazit</h5><p>Das idyllische Bild der Milchwirtschaft beruht weitgehend auf einer Erzählung aus der Vergangenheit. Hinter den Postkartenlandschaften verbergen sich<strong> eine stark industrialisierte Produktion, ein hoher Ressourcenverbrauch und ein Wirtschaftssystem, das Überschüsse erzeugt und gleichzeitig die Einkommen der Erzeuger gefährdet</strong>.</p><p>Die Nutzung der Alpwiesen als Weideland erscheint nicht mehr als die sinnvollste Lösung. Diese Flächen liefern nur einen geringen Teil unserer Nahrungsmittel, sind aber von grosser ökologischer Bedeutung. Da der Klimawandel den Druck auf die Berggebiete verstärkt, wäre es sinnvoll, einen Teil der Magerwiesen wieder ihrer natürlichen Dynamik zu überlassen. Eine solche Entwicklung ist jedoch ohne eine Reduzierung der Milch- und Fleischproduktion kaum vorstellbar. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung würde es ermöglichen, die Bevölkerung mit deutlich weniger Land, Wasser und Energie zu ernähren und gleichzeitig den ökologischen Druck auf die Bergregionen zu verringern.</p><p>Das grösste Hindernis ist jedoch nicht technischer, sondern wirtschaftlicher und politischer Natur. <a href="https://www.swissveg.ch/de/subventionspolitik_vs_kostenwahrheit?language=de">Derzeit fliessen rund 82% der Schweizer Agrarsubventionen in die Tierhaltung.</a> Für viele Betriebe bedeutet eine Verkleinerung ihres Viehbestands oder eine Umstellung auf Pflanzenbau den Verlust eines erheblichen Teils ihrer finanziellen Unterstützung. Hinzu kommt das Fehlen eines echten staatlichen Programms zur Begleitung von Tierhaltern, die die Tierproduktion zugunsten des Pflanzenbaus aufgeben möchten. Der Wandel lastet daher fast vollständig auf den Schultern der Landwirte, die die finanziellen Risiken einer solchen Umstellung allein tragen müssten.</p><p>Die Produzenten befinden sich somit zwischen Hammer und Amboss. Einerseits zwingen sie die niedrigen Milchpreise dazu, immer mehr zu produzieren, um ihr Einkommen zu sichern; andererseits veranlassen die staatlichen Fördermechanismen sie dazu, ihren Viehbestand beizubehalten, anstatt ihren Betrieb weiterzuentwickeln. <strong>Eine nachhaltigere Landwirtschaft kann daher nicht allein auf dem guten Willen der Erzeuger oder Verbraucher beruhen. Sie erfordert eine tiefgreifende Reform der Agrarpolitik, damit staatliche Beihilfen den Wandel tatsächlich begleiten, anstatt ein Modell aufrechtzuerhalten, das heute seine ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Grenzen zeigt.</strong></p><p>&nbsp;</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Swissgenetics. (2024, 18. Juni). Swissgenetics: führend im weltweiten Brown Swiss-Zuchtprogramm. <a href="https://www.swissgenetics.com/de/swissgenetics-fuehrend-im-weltweiten-brown-swiss-zuchtprogramm">www.swissgenetics.com/de/swissgenetics-fuehrend-im-weltweiten-brown-swiss-zuchtprogramm</a>&nbsp;</li><li>SRF. (2026, 5. März). Für Schweizer AOP-Käse unverzichtbar: Kälber aus Neuseeland. <a href="https://www.srf.ch/news/dialog/verborgene-abhaengigkeit-fuer-schweizer-aop-kaese-unverzichtbar-kaelber-aus-neuseeland">www.srf.ch/news/dialog/verborgene-abhaengigkeit-fuer-schweizer-aop-kaese-unverzichtbar-kaelber-aus-neuseeland&nbsp;</a></li><li>Bundesamt für Umwelt BAFU. (2025, 12. Dezember). Trockenwiesen und -weiden. <a href="https://www.bafu.admin.ch/de/tww">www.bafu.admin.ch/de/tww</a></li><li>SRF. (2023, 28. Juni). Älpler schlagen Alarm: Z’Alp geht mancherorts das Wasser aus. <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/trockenheit-in-den-bergen-aelpler-schlagen-alarm-z-alp-geht-mancherorts-das-wasser-aus">www.srf.ch/news/schweiz/trockenheit-in-den-bergen-aelpler-schlagen-alarm-z-alp-geht-mancherorts-das-wasser-aus</a></li><li>Nau.ch. (2026, 04. August). Bauern schlachten Tausende Kühe wegen Hitze und Futtermangel. <a href="https://www.nau.ch/news/schweiz/bauern-schlachten-tausende-kuhe-wegen-hitze-und-futtermangel-67154776">www.nau.ch/news/schweiz/bauern-schlachten-tausende-kuhe-wegen-hitze-und-futtermangel-67154776</a>&nbsp;</li><li>Swissmilk. (o. D.) Bei uns finden Milchkühe ohne Mühe Futter. <a href="https://www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/tierwohl/bei-uns-finden-milchkuehe-ohne-muehe-futter/">www.swissmilk.ch/de/nachhaltigkeit/tierwohl/bei-uns-finden-milchkuehe-ohne-muehe-futter</a></li><li>Schweizer Bauernverband. (2021, Mai). FOKUS – Das fressen Kuh, Schwein und Co. <a href="https://www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Medien/Publikationen/FOKUS05_Futtermittel_def_DE_web.pdf">www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/04_Medien/Publikationen/FOKUS05_Futtermittel_def_DE_web.pdf</a></li><li>Lebensmittellexikon. (o. D.). Virtuelles Wasser in Lebensmitteln. <a href="https://www.lebensmittellexikon.de/v0001020.php">www.lebensmittellexikon.de/v0001020.php</a></li><li>Ktipp. (2022, 19. April). Antibiotikaspritzen im Kuhstall: 80 Millionen Liter Milch pro Jahr unbrauchbar. <a href="https://www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/antibiotikaspritzen-im-kuhstall-80-millionen-liter-milch-pro-jahr-unbrauchbar/">www.ktipp.ch/artikel/artikeldetail/antibiotikaspritzen-im-kuhstall-80-millionen-liter-milch-pro-jahr-unbrauchbar</a></li><li>SRF. (2025, 17. Dezember). Weshalb es in der Schweiz zu viel Milch gibt. <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/hiesiger-milchmarkt-weshalb-es-in-der-schweiz-zu-viel-milch-gibt">www.srf.ch/news/wirtschaft/hiesiger-milchmarkt-weshalb-es-in-der-schweiz-zu-viel-milch-gibt</a></li><li>Swissinfo. (2026, 22. Mai). Die Schweizer Milch- und Butterproduktion liegt über dem Bedarf. <a href="https://www.swissinfo.ch/ger/die-schweizer-milch-und-butterproduktion-liegt-%C3%BCber-dem-bedarf/91457620">www.swissinfo.ch/ger/die-schweizer-milch-und-butterproduktion-liegt-%C3%BCber-dem-bedarf/91457620</a>&nbsp;</li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/kuhmilch"><span lang="de-CH">Allgemeines zur Milch</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/berggebiete"><span lang="de-CH">Berggebiete</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/grasland-schweiz"><span lang="de-CH">Grasland Schweiz: Mehr Lebensmittel durch weniger Tiere?</span></a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/hitzewelle-schweiz">Hitzewelle und Wasserknappheit – Wegen unserer Ernährung?</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/antibiotika"><span lang="de-CH">Einsatz von Antibiotika in der Viehwirtschaft</span></a><span lang="de-CH">&nbsp;</span></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/subventionspolitik_vs_kostenwahrheit">Subventionspolitik vs. Kostenwahrheit</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.swissveg.ch/de/weltpflanzenmilchtag-2025">Weltpflanzenmilchtag: Zeit, die Milch neu zu denken</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0cm;"><a href="https://www.playsuisse.ch/de/show/2416567">Miss Kuh</a>: Ein Dokumentarfilm über die genetische Selektion von Milchkühen</p></li></ul></div> Mon, 20 Jul 2026 10:11:30 +0000 Amandine 4218 at https://www.swissveg.ch EGMR urteilt: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht https://www.swissveg.ch/de/EGMR-vegan-Menschenrecht <span>EGMR urteilt: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht</span> <span><span lang="" about="/en/user/3032" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Nurdin</span></span> <span>Fri, 07/17/2026 - 17:52</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 16. Juli anerkennt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die vegane Ernährungsweise als ein Menschenrecht. Dieses wegweisende Urteil hat weitreichende Folgen für Spitäler, Gefängnisse und andere Institutionen. Wie kam es dazu und was bedeutet das für die Schweiz?</p><h2>Keine durchgehend tierfreie Kost in Schweizer Einrichtungen</h2><p>Es beginnt vor einigen Jahren in der Westschweiz. Die zwei vegan lebenden Geschwister und aktiven <a href="https://www.swissveg.ch/de/node/155">Antispeziesisten</a> G.K. und A.S. engagieren sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Tieren. Im November 2018 landet G.K. in einem Gefängnis im Kanton Genf in Untersuchungshaft und ist dort mit einem Speiseplan konfrontiert, der nur vegetarische und omnivore Kost vorsieht. Es gibt zwar Versuche des Entgegenkommens seitens des Gefängnisses, aber ein Recht auf durchgehend vegane Kost wird G.K. im Laufe des folgenden Jahres trotzdem wiederholt verwehrt. Dies ist besonders brisant, da G.K. gerade aufgrund des besagten Engagements gegen die Ausbeutung von Tieren überhaupt erst dort gelandet war. Auch der zweite Fall lief nicht viel besser: A.S. erhält während eines unfreiwilligen Aufenthalts von Februar bis April 2021 in einer psychiatrischen Einrichtung im Kanton Waadt ebenfalls keine durchgehend vegane Kost.</p><h2>Ein langer Weg: vom Kantonsgericht bis nach Strassburg</h2><p>Sowohl G.K. als auch A.S. beschweren sich wiederholt, da sie sich in ihrer Gewissensfreiheit verletzt fühlen – Gewissensfreiheit ist ein Menschenrecht gemäss Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention (Art 9. EMRK) – doch sie erhalten keine rechtlich verbindlichen Antworten, gegen die sie weitere Schritte ergreifen könnten. Zuletzt gehen sie bis vors Bundesgericht, welches ihre Klage aufgrund des Fehlens dieser rechtsverbindlicher Entscheide, auf welche sich ihre Klage hätte beziehen müssen, ablehnt. Zudem bezieht sich eines der Urteile auch auf die vorherige Anmerkung eines Kantonsgerichts, dass es zu aufwändig gewesen wäre, eine durchgehend vegane Kost zur Verfügung zu stellen und dass eine nur vegetarische Kost für vegan lebende Menschen ausreiche. Vegan lebende Menschen wissen, dass das so natürlich nicht stimmt: vegan zu kochen ist nicht nennenswert aufwändiger, als vegetarisch oder omnivor.</p><p>So bleibt G.K. und A.S. nur noch eines übrig: sie ziehen das Verfahren weiter bis nach Strassburg. Dort haben sie endlich Erfolg – sie erreichen, dass die <strong>vegane Ernährung erstmals durch Menschenrechte geschützt</strong> wird – und schaffen damit ganz nebenbei einen wegweisenden Präzedenzfall für die Zukunft.</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>Die wichtigsten Punkte des Urteils</h3><p>Am Donnerstag 16.7.2026 <a href="https://hudoc.echr.coe.int/eng#%7B%22display%22:%5B%220%22%5D,%22languageisocode%22:%5B%22ENG%22%5D,%22appno%22:%5B%2255299/20%22,%2231515/22%22%5D,%22documentcollectionid2%22:%5B%22CLIN%22%5D,%22itemid%22:%5B%22002-14630%22%5D%7D" target="_blank">urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)</a> dass G.K. und A.S. in ihrer durch Art. 9 EMRK geschützten Gedanken- und Gewissensfreiheit verletzt worden waren, da sie im unfreiwilligen Gewahrsam jeweils nicht durchgehend eine an ihre ethischen Werthaltungen angepasste Kost erhalten hatten. Ihre vegane Lebensweise sei Gegenstand von Artikel 9, da sie «die notwendige Überzeugungsstärke, Ernsthaftigkeit, Kohäsion und Wichtigkeit» aufweise. Desweiteren verstösst es gegen Art. 13 EMRK (Recht auf wirksame Beschwerde), dass es G.K. und A.S. faktisch verunmöglicht wurde, rechtlich gegen die Einrichtungen vorzugehen, da es sich bei deren Antworten jeweils um keine rechtlich verbindlichen Entscheidungen gehandelt habe und den Klägern vom Bundesgericht kein hinreichendes Interesse an der Sache zugestanden worden war. G.K. und A.S. wurde jeweils eine finanzielle Genugtuung zugesprochen.</p></div><h2>Ein Urteil von grosser Bedeutung</h2><p>Gewiss ist es für G.K. und A.S. bedeutungsvoll, in dieser Sache von der höchsten gerichtlichen Instanz nun endlich Recht erhalten zu haben. Doch auch für die vegane Bewegung als Ganzes ist das Urteil von enormer Bedeutung. Denn es ist nun offiziell anerkannt, dass vegane Ernährung, wenn sie auf einer nachweisbaren ethischen Überzeugung basiert, ein Menschenrecht ist. Art. 9 EMRK, der nebst Gedanken- und Gewissensfreiheit auch die Religionsfreiheit miteinbezieht, war noch nie zuvor auf eine nicht-religiös motivierte Ernährungsweise angewendet worden. Das heisst, während Gefängnisse, Spitäler und andere öffentliche Einrichtungen bereits in religionsbedingten Fällen ihre Speisepläne anpassten (und etwa halal oder koscher kochten), waren sie bisher noch nicht dazu verpflichtet, auf Veganer Rücksicht zu nehmen.</p><h2>EGMR bestätigt: Vegan zu leben ist eine Gewissensfrage</h2><p>Doch genauso wie eine religiös-fundierte Grundüberzeugung für eine Person in unterschiedlichen Lebensbereichen handlungsanleitend ist und in diesem Sinne zu einer Gewissensfrage werden kann, haben auch dem Veganismus zugrundeliegende Motive wie Ablehnung des Speziesismus, Respekt vor der Tierwürde oder Mitleid mit dem Leid der Tiere diese handlungsanleitende Funktion und lassen das Verhalten des Menschen gegenüber Tieren in verschiedenen Situationen wiederholt zur Gewissensfrage werden.</p><h2>Das Urteil aus Strassburg ist für alle Mitgliedstaaten rechtlich bindend</h2><p>Dass der EGMR dies nun anerkannt hat, legt den Grundstein für den angemessenen Respekt seitens der Institutionen und mehr Toleranz seitens der Bevölkerung gegenüber Veganern und ihrer Ernährungsweise. Denn das Urteil ist für die Schweiz und alle 45 weiteren Mitgliedsstaaten des Europarates, welche die Europäischen Menschenrechtskonvention unterzeichnet haben, rechtlich bindend und gilt ohne Einschränkung per sofort.</p><div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"><h3>Menschenrechte stehen über Bundesgesetz</h3><p>In der Schweiz hat die EMRK Vorrang vor den Bundesgesetzen (<a href="http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F125-II-417%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document" target="_blank">BGE 125 II 417</a>&nbsp;E. 4d) und der Bundesverfassung (<a href="http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F139-I-16%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document" target="_blank">BGE 139 I 16</a>&nbsp;E. 5.1). Deswegen sind Bund und Kantone nun verpflichtet, ihre Gesetze insofern anzupassen, dass nebst religiös-motivierten Ernährungsweisen auch nicht-religiöse Ernährungsweisen wie Vegetarismus und Veganismus im Sinne der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit rechtlich geschützt und eine Diskriminierung vegan lebender Personen auf gleiche Weise wie eine Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Glaubens behandelt und in gleicher Weise strafbar wird. Mit dem Urteil des EGMR rückt diese inklusivere Zukunft nun einen Schritt näher.<br></div></p><h2>Wie geht es nun weiter?</h2><p>Auch wenn Art. 9 EMRK, wenn es um die Ernährung geht, bisher vor allem im Sinne der Religionsfreiheit Anwendung fand, heisst das natürlich nicht, dass Veganismus eine «quasi-Religion» ist, wie manche Medien nun schreiben. Und Veganismus ist auch mehr als «nur ein Lifestyle» oder eine «Modeerscheinung», sondern ein legitimer, <a href="https://www.swissveg.ch/de/node/155">ethisch fundierter</a> und von der Menschenrechtskonvention nun als geschützt anerkannter Einsatz für mehr Gerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Tieren.</p><p>Es bleibt nun abzuwarten, welche Gesetze Bund und Kantone schaffen werden, um diesen neuen rechtlichen Sachverhalt abzubilden. Ein Beispiel können sie sich hierbei an <a href="https://www.vegansociety.com/news/blog/new-prison-food-rules-what-revised-prison-food-policy-means-imprisoned-vegans" target="_blank">England und Wales</a> nehmen, welche bereits Anfang 2026 erkannt haben, dass die zur Verfügung gestellte Kost in Gefängnissen bedeutsame Auswirkungen auf die Würde und das Wohlergehen der Insassen hat, weshalb nun für alle auch ein veganes Menu angeboten wird.</p><p>Bis die Schweiz ebenfalls so weit ist, können Veganer nun immerhin auf das Urteil des EGMR und dessen rechtliche Geltungskraft hindeuten, wenn sie von Diskriminierung durch Institutionen (oder auch am Arbeitsplatz, im Militärdienst etc.) aufgrund ihrer Ernährungsweise betroffen sind.</p><p>&nbsp;Ein erfreulicher und zukunftsweisender Moment!</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ul><li>Das vollständige <a href="https://hudoc.echr.coe.int/eng#%7B%22display%22:%5B%220%22%5D,%22languageisocode%22:%5B%22ENG%22%5D,%22appno%22:%5B%2255299/20%22,%2231515/22%22%5D,%22documentcollectionid2%22:%5B%22CLIN%22%5D,%22itemid%22:%5B%22002-14630%22%5D%7D" target="_blank">Urteil des EGMR vom 16.7.2026</a></li><li>Die beiden Urteile des Schweizer Bundesgerichtes:<ul><li><a href="https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/fr/php/aza/http/index.php?lang=fr&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=1B_608%2F2019++&amp;rank=1&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F11-06-2020-1B_608-2019" target="_blank">Urteil vom 11. Juni 2020</a></li><li><a href="https://www.bger.ch/ext/eurospider/live/fr/php/aza/http/index.php?lang=fr&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=%222C_495%2F2021%22&amp;rank=1&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F09-02-2022-2C_495-2021" target="_blank">Urteil vom 9. Februar 2022</a></li></ul></li></ul></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li>Swissveg-Pressemitteilung: <a href="https://newsletter.swissveg.ch/newsletter.php?data=aWQ9Njg5Jmxhbmc9RA" target="_blank">EGMR bestätigt erstmals: Vegane Ernährung ist ein Menschenrecht</a>, 16.7.2026</li><li>SRF: <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/verpflegung-hinter-gittern-egmr-veganismus-zaehlt-als-quasi-religioese-ueberzeugung" target="_blank">EGMR: Recht auf veganes Essen im Gefängnis</a>, 16.7.2026</li><li>Vegconomist: <a href="https://vegconomist.de/politik-gesellschaft/egmr-schuetzt-ethischen-veganismus-erstmals-als-gewissensfreiheit/" target="_blank">EGMR schützt ethischen Veganismus erstmals als Gewissensfreiheit</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/vegane_lebensweise">Alles rund um die vegane Lebensweise</a></li></ul></div> Fri, 17 Jul 2026 15:52:10 +0000 Nurdin 4217 at https://www.swissveg.ch Swissmilk-Werbung zur WM: Ist Kuhmilch wirklich die beste Wahl für starke Knochen? https://www.swissveg.ch/de/Pflanzenmilch-Swissmilk-Kampagne <span>Swissmilk-Werbung zur WM: Ist Kuhmilch wirklich die beste Wahl für starke Knochen?</span> <span><span lang="" about="/en/user/3032" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Nurdin</span></span> <span>Wed, 07/15/2026 - 14:53</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Sport ist zurzeit in aller Munde – es ist Fussball-WM und die Schweizer Nati hat es bis ins Viertelfinale geschafft. Klar ist: Um konstant auf hohem Niveau Leistung zu erbringen, ist eine gute Ernährung für Spitzensportler unverzichtbar. Doch welchen Beitrag leistet hierzu eigentlich die Auswahl der richtigen Milch? Und stimmt es wirklich, wie eine neue Kampagne von Swissmilk suggeriert, dass Kuhmilch die beste Option ist für starke Knochen?</p><p>Das Plakat von Swissmilk, welches seit Beginn der WM etappenweise an verschiedenen Werbeflächen zu sehen ist, zeigt drei Fussballer von den Oberschenkeln abwärts. Sie tragen rote Hosen, rote Stulpen und verschiedenfarbige Fussballschuhe. Ihre Schienbeine sind voller Narben und unter ihren Schuhen liegt Dreck. Dazu der Schriftzug: «Stolze Partnerin von Schweizer Knochen» und das Swissmilk-Logo. Hier soll eindeutig suggeriert werden: Milch ist gut für starke Knochen! Doch entspricht das tatsächlich der Wahrheit? Oder wird hier ein veralteter Mythos bedient?</p><h4>Die relevanten Nährstoffe: Protein und Kalzium</h4><p>Um für die eigenen Bedürfnisse die am besten passende Milch zu finden, lohnt &nbsp;es sich, die Werte auf der Rückseite der Packung zu beachten. Dann sieht man schnell, dass <strong>Kuhmilch bei den Makronährstoffen weniger gut</strong> dasteht, als man meinen könnte. Besonders Fett und Zucker enthält Kuhmilch deutlich mehr, als Pflanzenmilch. Und auch beim Protein ist Kuhmilch nicht etwa alleiniger Spitzenreiter, sondern nur an zweiter Stelle hinter Sojamilch – das haben wir <a href="/kuhmilch-pflanzenmilch-bessere-wahl">in diesem Artikel</a> bereits detailliert aufgeschlüsselt. Wer also versucht Kalorien zu reduzieren und dabei etwas mehr Protein zu sich zu nehmen, ist mit Sojamilch am besten bedient. Und wem es nicht so wichtig ist, seinen Protein-Intake zu maximieren, kann guten Gewissens zu Hafer- oder einer anderen Pflanzenmilch greifen.</p><p>Bei den in Kuh- und Pflanzenmilch enthaltenen Mikronährstoffen spielt vor allem <strong>Kalzium</strong> eine wichtige Rolle, da es eng mit Knochengesundheit in Verbindung steht. Es bestimmt (nebst anderen wichtigen Funktionen) die Härte der Knochen, aber nur in Verbindung mit den organischen, elastischen Bindegewebsfasern, in welche das Kalzium eingelagert wird. Wenn im höheren Alter diese organische Knochenstruktur aus hormonell und konstitutionell bedingten Gründen vermindert aufgebaut wird, kann eine Osteoporose entstehen; die Knochensubstanz wird poröser und neigt zu Brüchen. Häufig kommt es dann zu Frakturen des Hüftknochens. Doch wie gelingt es am besten, dies vorzubeugen?</p><h4>Ist Kuhmilch eine gute Kalziumquelle?</h4><p>«Kuhmilch enthält Kalzium. Und gesunde Knochen benötigen Kalzium. Also sollte, wer starke Knochen haben will, unbedingt viel Kuhmilch trinken.» – Ungefähr so lautet der Gedankengang, den die Kampagne der Lobby-Organisation Swissmilk in uns auslösen möchte. Das stimmt so aber nicht, sondern ist stattdessen ein <strong>weitverbreiteter und längst widerlegter Mythos</strong>. Schauen wir einmal genauer hin.</p><p>Die wichtigsten Fakten: Kuhmilch enthält etwa 120 Milligramm Kalzium pro 100 Milliliter. Bei Pflanzenmilchprodukten variiert der Kalziumgehalt von Natur aus, weshalb diese oft zusätzlich angereichert werden, um ebenfalls auf 120 Milligramm zu kommen. In dieser Hinsicht sind Kuh- und die meiste Pflanzenmilch also gleichwertig. Der tägliche Bedarf einer erwachsenen Person liegt bei c.a. 1'000 mg Kalzium pro Tag und Schweizerinnen und Schweizer trinken im Durchschnitt ein Glas Milch pro Tag.</p><p>Wer nun meint, seinen Bedarf mit Kuhmilch zu decken, müsste demnach über vier Gläser (à 200 ml) Kuhmilch pro Tag konsumieren. Damit würde auch viel ungesundes tierisches Fett (30g) und Milchzucker (40g) mit aufgenommen. Diese Zahlen können überraschen, denn vielen ist nicht bewusst, dass Kuhmilch sogar mehr Kalorien enthält als Cola. Aber so viel Kuhmilch zu trinken ist zum Glück auch gar nicht nötig, denn <strong>viel bessere Kalziumquellen finden sich bei pflanzlichen Lebensmitteln:</strong> Sesamsamen zum Beispiel kommen auf stolze 783 Milligramm Kalzium pro 100 Gramm und auch Nüsse, Hülsenfrüchte und andere Gemüse enthalten über 200 Milligram Kalzium. Eine Liste mit hervorragenden pflanzlichen Kalziumquellen haben wir <a href="/kalzium">in einem separaten Artikel</a> zusammengestellt. Und weitere Infos zu anderen wichtigen Nährstoffen gibt es in unserer Broschüre <a href="https://bc.pressmatrix.com/de/profiles/b6b0b8c11377/editions/93b87b7c99a619965eb0/pages/page/9" target="_blank" title="Vegan für die Gesundheit - Nährstoffe">Vegan für die Gesundheit</a>.</p><p>Es stimmt also nicht, dass Kuhmilch ein unentbehrlicher Kalziumlieferant ist. Ganz im Gegenteil: <strong>Für den täglichen Kalziumbedarf kann Kuhmilch problemlos weggelassen werden</strong>, solange genug pflanzliche Lebensmittel, die zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sowieso bereits dazugehören, gegessen werden.</p><h4>Führt Kalzium zu starken Knochen?</h4><p>Tatsache ist: Die Knochenmasse wird vor allem in den jüngeren Lebensjahren aufgebaut. Dann ist eine ausreichende Kalziumzufuhr besonders wichtig. Etwa ab dem 30. Lebensjahr nimmt die Knochenmasse aufgrund hormoneller und konstitutioneller Veränderungen zunehmend ab. Beispielsweise das Hormon Östrogen hat bekanntlich eine knochenschützende Wirkung, weshalb Frauen ab den Wechseljahren besonders oft von Osteoporose betroffen sind.</p><p>Wer nun aber denkt – wie es die Swissmilk-Plakate suggerieren – er könne &nbsp;seine Knochen im Erwachsenenalter mit dem Konsum von mehr Kuhmilch stärken, liegt schon wieder falsch. Denn auch das ist schon lange wissenschaftlich widerlegt: Im Jahr 2015 kam das wissenschaftliche Journal «The BMJ» beispielsweise in einer grossen systematischen Review von über 40 ernährungsmedizinischen Studien zum Schluss, dass <strong>kein Zusammenhang zwischen Aufnahme von Kalzium über Nahrungsmittel und Knochenbruchrisiko</strong> besteht. Zudem gebe es auch <strong>keine Belege, dass eine Erhöhung der Kalziumaufnahme Knochenbrüche vorbeugen kann</strong>.<sup>1</sup> Eine Metastudie der Universität Zürich mit über 190'000 Teilnehmerinnen kam 2011 ebenfalls zum gleichen Ergebnis: Egal, wie viel Kuhmilch die Probanden tranken, es gab keinen übergeordneten Zusammenhang mit der Anzahl von Hüftfrakturen.<sup>2 </sup>Und eine weitere Review länderspezifischer Daten zum Konsum von Milchprodukten und der Häufigkeit von Hüftfrakturen kam 2020 sogar zu folgendem, paradox anmutenden Resultat: <strong>In den Ländern mit dem höchsten Milch- und Kalziumkonsum gibt es tatsächlich am meisten Hüftfrakturen</strong><sup>3</sup> – ein paradox klingendes Resultat, das aber von der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt wurde.<sup>4</sup></p><p>Es ist also bestimmt nicht falsch, ausreichend Kalzium zu sich zu nehmen, aber deswegen auf Kuhmilch zu setzen, wäre eindeutig am Tor vorbeigeschossen!</p><h4>Sport, gesunde Ernährung und Vitamin D</h4><p>Apropos Fussball: Ein nebst der Ernährung ebenfalls sehr wichtiger Faktor für die Knochengesundheit ist Sport und Bewegung. Laut Forschern des «National Centre for Sport and Exercise Medicine» lässt sich die Knochenstärke von Osteoporosepatienten durch gezieltes Kraft- und Belastungstraining sowie durch Übungen, welche die Körperhaltung verbessern, maximieren.<sup>5</sup> Es ist naheliegend, dass die selbe Herangehensweise auch vorbeugend wirksam sein dürfte, ganz nach dem Motto: <strong>Knochen, die regelmässig belastet werden, behalten ihre Stärke.</strong> Dies ist der eine Punkt, den das Plakat von Swissmilk korrekt wiedergibt: Sport (etwa Fussball) führt zu starken (Schweizer) Knochen. Nur die Kuhmilch, die hat damit überhaupt nichts zu tun.</p><p>Übrigens gibt es <strong>eine Vielzahl sehr erfolgreicher Sportler und Athleten, welche sich bewusst pflanzenbasiert ernähren</strong>. Wer kennt beispielsweise nicht den Fussballstar Lionel Messi? Dieser stellte 2014 auf eine «plant forward»-Diät um, das heisst, er reduzierte tierische Nahrung auf ein Minimum, um seine Entzündungswerte und die Regenerationsdauer nach dem Training zu verbessern. Oder die Formel 1-Legende Lewis Hamilton, der seit 2017 vegan lebt! Dann gibt es noch die Profi-Tennisspieler Novak Đoković (Welt-Nummer-1) und Venus Williams (Olympiasiegerin) oder den «stärksten Mann Deutschlands», <span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr">Patrik Baboumian, welche sich ebenfalls pflanzenbasiert bzw. vegan ernähren.</span></p><p><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr">Man könnte hier tatsächlich noch viele weitere Namen aufzählen. (Eine &nbsp;ausführliche</span><a href="/promis"><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr"> Sammlung vegan lebender Prominenter</span></a><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr"> gibt es auf unserer Webseite.) Auf jeden Fall ist e</span>ines sicher: <strong>Gesunde Knochen und ein aktives, sportliches Leben sind mit pflanzenbasierter bzw. veganer Ernährung durchaus möglich.</strong> Kuhmilch ist hierzu weder notwendig, noch sinnvoll.</p><p>Zum Schluss muss noch erwähnt werden, dass es einen weiteren Mikronährstoff gibt, der für die Knochengesundheit sehr wichtig ist, nämlich Vitamin D. Dieses unterstützt die Kalziumaufnahme und die Mineralisation der Knochen. Leider weisen in der Schweiz über ein Drittel der Erwachsenen und 40-50% der Kinder eine Vitamin-D-Insuffizienz auf.<sup>6</sup> Deswegen lohnt es sich, seinen Vitamin-D-Status abzuklären und eine Supplementierung von Vitamin D in Betracht zu ziehen, ganz egal, wie man sich ernährt.</p><h4>Fazit</h4><p>Swissmilk reduziert mit ihrem Plakat komplexe Sachverhalte auf ein einzelnes Produkt. Das Thema (Pflanzen-)Milch, Kalzium und Knochengesundheit ist aber komplexer, als man denkt. Und Kuhmilch führt eben gerade nicht zu gesünderen Knochen – zumindest fehlt für eine solche Behauptung jede Evidenz.</p><p>Natürlich dürfen Werbekampagnen auch vereinfachen. Sie sollten dabei aber nicht Gesundheitsversprechen vermitteln, welche durch die wissenschaftliche Evidenz nicht gedeckt sind. Darum: Gelbe Karte für Swissmilk!</p><p>&nbsp;</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <p><strong>Quellen</strong></p><p>1: Bolland et al (2015): «Calcium intake and risk of fracture: systematic review» In: The BMJ;351:h4580. <a href="https://doi.org/10.1136/bmj.h4580" target="_blank">doi.org/10.1136/bmj.h4580</a></p><p>2: Bischoff-Ferrari et al: «Milk intake and risk of hip fracture in men and women: A meta-analysis of prospective cohort studies» In: Journal of &nbsp;Bone and Mineral Research, 14. Oktober 2010. <a href="https://doi.org/10.1002/jbmr.279" target="_blank">doi.org/10.1002/jbmr.279</a></p><p>3: Willett &amp; Ludwig (2020): «Milk and Health» In: The New England Journal of Medicine 2020;382:644-54. <a href="https://doi.org/10.1056/NEJMra1903547" target="_blank">doi.org/10.1056/NEJMra1903547.</a> Die Autoren weisen darauf hin, dass dass für die Erklärung dieses Zusammenhangs weitere Faktoren, wie etwa Vitamin-D-Status und Ethnizität, eine Rolle spielen könnten, betonen aber, dass ein niedriger Konsum von Milchprodukten offensichtlich kompatibel sei mit einer niedrigen Hüftfrakturrate.</p><p>4: «<span style="-webkit-text-stroke-width:0px;background-color:rgb(255, 255, 255);color:rgb(0, 0, 0);display:inline !important;float:none;font-family:Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif;font-size:11px;font-style:normal;font-variant-caps:normal;font-variant-ligatures:normal;font-weight:400;letter-spacing:normal;orphans:2;text-align:start;text-decoration-color:initial;text-decoration-style:initial;text-decoration-thickness:initial;text-indent:0px;text-transform:none;white-space:normal;widows:2;word-spacing:0px;">The paradox (that hip fracture rates are higher in developed countries where calcium intake is higher than in developing countries where calcium intake is lower) clearly calls for an explanation. To date, the accumulated data indicate that the adverse effect of protein, in particular animal (but not vegetable) protein, might outweigh the positive effect of calcium intake on calcium balance.»</span> <a href="https://web.archive.org/web/20200709214343/https://www.who.int/nutrition/topics/5_population_nutrient/en/index25.html" target="_blank">(web.archive.org/web/20200709214343/https://www.who.int/nutrition/topics/5_population_nutrient/en/index25.html</a>)</p><p>5: Brooke-Wavell et al (2022): «Strong, steady and straight: UK consensus statement on physical activity and exercise for osteoporosis» In: British Journal of Sports Medicine 2022;56:837-846, <a href="https://doi.org/10.1136/bjsports-2021-104634" target="_blank">doi.org/10.1136/bjsports-2021-104634</a></p><p>6: <a href="https://www.edi.admin.ch/dam/de/sd-web/7ahCvsFYUPsh/stellungnahme-eek-studie-bolland-de.pdf" target="_blank">edi.admin.ch/dam/de/sd-web/7ahCvsFYUPsh/stellungnahme-eek-studie-bolland-de.pdf</a></p></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="/milch">Alles über Milch</a></li><li><a href="/kuhmilch-pflanzenmilch-bessere-wahl">Kuhmilch oder Pflanzendrinks: Was ist die bessere Wahl?</a></li><li><a href="/kalzium">Mehr Infos zu Kalzium</a></li><li><a href="/promis">Vegan lebende Prominente</a></li><li><a href="https://bc.pressmatrix.com/de/profiles/b6b0b8c11377/editions/93b87b7c99a619965eb0/" target="_blank" title="Broschüre: Vegan für die Gesundheit">Broschüre: Vegan für die Gesundheit</a></li></ul></div> Wed, 15 Jul 2026 12:53:34 +0000 Nurdin 4212 at https://www.swissveg.ch Swissmilk-Werbung zur WM: Ist Kuhmilch wirklich die beste Wahl für starke Knochen? https://www.swissveg.ch/de/Pflanzenmilch-Swissmilk-Kampagne <span>Swissmilk-Werbung zur WM: Ist Kuhmilch wirklich die beste Wahl für starke Knochen?</span> <span><span lang="" about="/en/user/3032" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Nurdin</span></span> <span>Wed, 07/15/2026 - 14:53</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Sport ist zurzeit in aller Munde – es ist Fussball-WM und die Schweizer Nati hat es bis ins Viertelfinale geschafft. Klar ist: Um konstant auf hohem Niveau Leistung zu erbringen, ist eine gute Ernährung für Spitzensportler unverzichtbar. Doch welchen Beitrag leistet hierzu eigentlich die Auswahl der richtigen Milch? Und stimmt es wirklich, wie eine neue Kampagne von Swissmilk suggeriert, dass Kuhmilch die beste Option ist für starke Knochen?</p><p>Das Plakat von Swissmilk, welches seit Beginn der WM etappenweise an verschiedenen Werbeflächen zu sehen ist, zeigt drei Fussballer von den Oberschenkeln abwärts. Sie tragen rote Hosen, rote Stulpen und verschiedenfarbige Fussballschuhe. Ihre Schienbeine sind voller Narben und unter ihren Schuhen liegt Dreck. Dazu der Schriftzug: «Stolze Partnerin von Schweizer Knochen» und das Swissmilk-Logo. Hier soll eindeutig suggeriert werden: Milch ist gut für starke Knochen! Doch entspricht das tatsächlich der Wahrheit? Oder wird hier ein veralteter Mythos bedient?</p><h4>Die relevanten Nährstoffe: Protein und Kalzium</h4><p>Um für die eigenen Bedürfnisse die am besten passende Milch zu finden, lohnt &nbsp;es sich, die Werte auf der Rückseite der Packung zu beachten. Dann sieht man schnell, dass <strong>Kuhmilch bei den Makronährstoffen weniger gut</strong> dasteht, als man meinen könnte. Besonders Fett und Zucker enthält Kuhmilch deutlich mehr, als Pflanzenmilch. Und auch beim Protein ist Kuhmilch nicht etwa alleiniger Spitzenreiter, sondern nur an zweiter Stelle hinter Sojamilch – das haben wir <a href="/kuhmilch-pflanzenmilch-bessere-wahl">in diesem Artikel</a> bereits detailliert aufgeschlüsselt. Wer also versucht Kalorien zu reduzieren und dabei etwas mehr Protein zu sich zu nehmen, ist mit Sojamilch am besten bedient. Und wem es nicht so wichtig ist, seinen Protein-Intake zu maximieren, kann guten Gewissens zu Hafer- oder einer anderen Pflanzenmilch greifen.</p><p>Bei den in Kuh- und Pflanzenmilch enthaltenen Mikronährstoffen spielt vor allem <strong>Kalzium</strong> eine wichtige Rolle, da es eng mit Knochengesundheit in Verbindung steht. Es bestimmt (nebst anderen wichtigen Funktionen) die Härte der Knochen, aber nur in Verbindung mit den organischen, elastischen Bindegewebsfasern, in welche das Kalzium eingelagert wird. Wenn im höheren Alter diese organische Knochenstruktur aus hormonell und konstitutionell bedingten Gründen vermindert aufgebaut wird, kann eine Osteoporose entstehen; die Knochensubstanz wird poröser und neigt zu Brüchen. Häufig kommt es dann zu Frakturen des Hüftknochens. Doch wie gelingt es am besten, dies vorzubeugen?</p><h4>Ist Kuhmilch eine gute Kalziumquelle?</h4><p>«Kuhmilch enthält Kalzium. Und gesunde Knochen benötigen Kalzium. Also sollte, wer starke Knochen haben will, unbedingt viel Kuhmilch trinken.» – Ungefähr so lautet der Gedankengang, den die Kampagne der Lobby-Organisation Swissmilk in uns auslösen möchte. Das stimmt so aber nicht, sondern ist stattdessen ein <strong>weitverbreiteter und längst widerlegter Mythos</strong>. Schauen wir einmal genauer hin.</p><p>Die wichtigsten Fakten: Kuhmilch enthält etwa 120 Milligramm Kalzium pro 100 Milliliter. Bei Pflanzenmilchprodukten variiert der Kalziumgehalt von Natur aus, weshalb diese oft zusätzlich angereichert werden, um ebenfalls auf 120 Milligramm zu kommen. In dieser Hinsicht sind Kuh- und die meiste Pflanzenmilch also gleichwertig. Der tägliche Bedarf einer erwachsenen Person liegt bei c.a. 1'000 mg Kalzium pro Tag und Schweizerinnen und Schweizer trinken im Durchschnitt ein Glas Milch pro Tag.</p><p>Wer nun meint, seinen Bedarf mit Kuhmilch zu decken, müsste demnach über vier Gläser (à 200 ml) Kuhmilch pro Tag konsumieren. Damit würde auch viel ungesundes tierisches Fett (30g) und Milchzucker (40g) mit aufgenommen. Diese Zahlen können überraschen, denn vielen ist nicht bewusst, dass Kuhmilch sogar mehr Kalorien enthält als Cola. Aber so viel Kuhmilch zu trinken ist zum Glück auch gar nicht nötig, denn <strong>viel bessere Kalziumquellen finden sich bei pflanzlichen Lebensmitteln:</strong> Sesamsamen zum Beispiel kommen auf stolze 783 Milligramm Kalzium pro 100 Gramm und auch Nüsse, Hülsenfrüchte und andere Gemüse enthalten über 200 Milligram Kalzium. Eine Liste mit hervorragenden pflanzlichen Kalziumquellen haben wir <a href="/kalzium">in einem separaten Artikel</a> zusammengestellt. Und weitere Infos zu anderen wichtigen Nährstoffen gibt es in unserer Broschüre <a href="https://bc.pressmatrix.com/de/profiles/b6b0b8c11377/editions/93b87b7c99a619965eb0/pages/page/9" target="_blank" title="Vegan für die Gesundheit - Nährstoffe">Vegan für die Gesundheit</a>.</p><p>Es stimmt also nicht, dass Kuhmilch ein unentbehrlicher Kalziumlieferant ist. Ganz im Gegenteil: <strong>Für den täglichen Kalziumbedarf kann Kuhmilch problemlos weggelassen werden</strong>, solange genug pflanzliche Lebensmittel, die zu einer gesunden und ausgewogenen Ernährung sowieso bereits dazugehören, gegessen werden.</p><h4>Führt Kalzium zu starken Knochen?</h4><p>Tatsache ist: Die Knochenmasse wird vor allem in den jüngeren Lebensjahren aufgebaut. Dann ist eine ausreichende Kalziumzufuhr besonders wichtig. Etwa ab dem 30. Lebensjahr nimmt die Knochenmasse aufgrund hormoneller und konstitutioneller Veränderungen zunehmend ab. Beispielsweise das Hormon Östrogen hat bekanntlich eine knochenschützende Wirkung, weshalb Frauen ab den Wechseljahren besonders oft von Osteoporose betroffen sind.</p><p>Wer nun aber denkt – wie es die Swissmilk-Plakate suggerieren – er könne &nbsp;seine Knochen im Erwachsenenalter mit dem Konsum von mehr Kuhmilch stärken, liegt schon wieder falsch. Denn auch das ist schon lange wissenschaftlich widerlegt: Im Jahr 2015 kam das wissenschaftliche Journal «The BMJ» beispielsweise in einer grossen systematischen Review von über 40 ernährungsmedizinischen Studien zum Schluss, dass <strong>kein Zusammenhang zwischen Aufnahme von Kalzium über Nahrungsmittel und Knochenbruchrisiko</strong> besteht. Zudem gebe es auch <strong>keine Belege, dass eine Erhöhung der Kalziumaufnahme Knochenbrüche vorbeugen kann</strong>.<sup>1</sup> Eine Metastudie der Universität Zürich mit über 190'000 Teilnehmerinnen kam 2011 ebenfalls zum gleichen Ergebnis: Egal, wie viel Kuhmilch die Probanden tranken, es gab keinen übergeordneten Zusammenhang mit der Anzahl von Hüftfrakturen.<sup>2 </sup>Und eine weitere Review länderspezifischer Daten zum Konsum von Milchprodukten und der Häufigkeit von Hüftfrakturen kam 2020 sogar zu folgendem, paradox anmutenden Resultat: <strong>In den Ländern mit dem höchsten Milch- und Kalziumkonsum gibt es tatsächlich am meisten Hüftfrakturen</strong><sup>3</sup> – ein paradox klingendes Resultat, das aber von der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt wurde.<sup>4</sup></p><p>Es ist also bestimmt nicht falsch, ausreichend Kalzium zu sich zu nehmen, aber deswegen auf Kuhmilch zu setzen, wäre eindeutig am Tor vorbeigeschossen!</p><h4>Sport, gesunde Ernährung und Vitamin D</h4><p>Apropos Fussball: Ein nebst der Ernährung ebenfalls sehr wichtiger Faktor für die Knochengesundheit ist Sport und Bewegung. Laut Forschern des «National Centre for Sport and Exercise Medicine» lässt sich die Knochenstärke von Osteoporosepatienten durch gezieltes Kraft- und Belastungstraining sowie durch Übungen, welche die Körperhaltung verbessern, maximieren.<sup>5</sup> Es ist naheliegend, dass die selbe Herangehensweise auch vorbeugend wirksam sein dürfte, ganz nach dem Motto: <strong>Knochen, die regelmässig belastet werden, behalten ihre Stärke.</strong> Dies ist der eine Punkt, den das Plakat von Swissmilk korrekt wiedergibt: Sport (etwa Fussball) führt zu starken (Schweizer) Knochen. Nur die Kuhmilch, die hat damit überhaupt nichts zu tun.</p><p>Übrigens gibt es <strong>eine Vielzahl sehr erfolgreicher Sportler und Athleten, welche sich bewusst pflanzenbasiert ernähren</strong>. Wer kennt beispielsweise nicht den Fussballstar Lionel Messi? Dieser stellte 2014 auf eine «plant forward»-Diät um, das heisst, er reduzierte tierische Nahrung auf ein Minimum, um seine Entzündungswerte und die Regenerationsdauer nach dem Training zu verbessern. Oder die Formel 1-Legende Lewis Hamilton, der seit 2017 vegan lebt! Dann gibt es noch die Profi-Tennisspieler Novak Đoković (Welt-Nummer-1) und Venus Williams (Olympiasiegerin) oder den «stärksten Mann Deutschlands», <span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr">Patrik Baboumian, welche sich ebenfalls pflanzenbasiert bzw. vegan ernähren.</span></p><p><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr">Man könnte hier tatsächlich noch viele weitere Namen aufzählen. (Eine &nbsp;ausführliche</span><a href="/promis"><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr"> Sammlung vegan lebender Prominenter</span></a><span class="mw-page-title-main" lang="de" dir="ltr"> gibt es auf unserer Webseite.) Auf jeden Fall ist e</span>ines sicher: <strong>Gesunde Knochen und ein aktives, sportliches Leben sind mit pflanzenbasierter bzw. veganer Ernährung durchaus möglich.</strong> Kuhmilch ist hierzu weder notwendig, noch sinnvoll.</p><p>Zum Schluss muss noch erwähnt werden, dass es einen weiteren Mikronährstoff gibt, der für die Knochengesundheit sehr wichtig ist, nämlich Vitamin D. Dieses unterstützt die Kalziumaufnahme und die Mineralisation der Knochen. Leider weisen in der Schweiz über ein Drittel der Erwachsenen und 40-50% der Kinder eine Vitamin-D-Insuffizienz auf.<sup>6</sup> Deswegen lohnt es sich, seinen Vitamin-D-Status abzuklären und eine Supplementierung von Vitamin D in Betracht zu ziehen, ganz egal, wie man sich ernährt.</p><h4>Fazit</h4><p>Swissmilk reduziert mit ihrem Plakat komplexe Sachverhalte auf ein einzelnes Produkt. Das Thema (Pflanzen-)Milch, Kalzium und Knochengesundheit ist aber komplexer, als man denkt. Und Kuhmilch führt eben gerade nicht zu gesünderen Knochen – zumindest fehlt für eine solche Behauptung jede Evidenz.</p><p>Natürlich dürfen Werbekampagnen auch vereinfachen. Sie sollten dabei aber nicht Gesundheitsversprechen vermitteln, welche durch die wissenschaftliche Evidenz nicht gedeckt sind. Darum: Gelbe Karte für Swissmilk!</p><p>&nbsp;</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <p><strong>Quellen</strong></p><p>1: Bolland et al (2015): «Calcium intake and risk of fracture: systematic review» In: The BMJ;351:h4580. <a href="https://doi.org/10.1136/bmj.h4580" target="_blank">doi.org/10.1136/bmj.h4580</a></p><p>2: Bischoff-Ferrari et al: «Milk intake and risk of hip fracture in men and women: A meta-analysis of prospective cohort studies» In: Journal of &nbsp;Bone and Mineral Research, 14. Oktober 2010. <a href="https://doi.org/10.1002/jbmr.279" target="_blank">doi.org/10.1002/jbmr.279</a></p><p>3: Willett &amp; Ludwig (2020): «Milk and Health» In: The New England Journal of Medicine 2020;382:644-54. <a href="https://doi.org/10.1056/NEJMra1903547" target="_blank">doi.org/10.1056/NEJMra1903547.</a> Die Autoren weisen darauf hin, dass dass für die Erklärung dieses Zusammenhangs weitere Faktoren, wie etwa Vitamin-D-Status und Ethnizität, eine Rolle spielen könnten, betonen aber, dass ein niedriger Konsum von Milchprodukten offensichtlich kompatibel sei mit einer niedrigen Hüftfrakturrate.</p><p>4: «<span style="-webkit-text-stroke-width:0px;background-color:rgb(255, 255, 255);color:rgb(0, 0, 0);display:inline !important;float:none;font-family:Verdana, Arial, Helvetica, sans-serif;font-size:11px;font-style:normal;font-variant-caps:normal;font-variant-ligatures:normal;font-weight:400;letter-spacing:normal;orphans:2;text-align:start;text-decoration-color:initial;text-decoration-style:initial;text-decoration-thickness:initial;text-indent:0px;text-transform:none;white-space:normal;widows:2;word-spacing:0px;">The paradox (that hip fracture rates are higher in developed countries where calcium intake is higher than in developing countries where calcium intake is lower) clearly calls for an explanation. To date, the accumulated data indicate that the adverse effect of protein, in particular animal (but not vegetable) protein, might outweigh the positive effect of calcium intake on calcium balance.»</span> <a href="https://web.archive.org/web/20200709214343/https://www.who.int/nutrition/topics/5_population_nutrient/en/index25.html" target="_blank">(web.archive.org/web/20200709214343/https://www.who.int/nutrition/topics/5_population_nutrient/en/index25.html</a>)</p><p>5: Brooke-Wavell et al (2022): «Strong, steady and straight: UK consensus statement on physical activity and exercise for osteoporosis» In: British Journal of Sports Medicine 2022;56:837-846, <a href="https://doi.org/10.1136/bjsports-2021-104634" target="_blank">doi.org/10.1136/bjsports-2021-104634</a></p><p>6: <a href="https://www.edi.admin.ch/dam/de/sd-web/7ahCvsFYUPsh/stellungnahme-eek-studie-bolland-de.pdf" target="_blank">edi.admin.ch/dam/de/sd-web/7ahCvsFYUPsh/stellungnahme-eek-studie-bolland-de.pdf</a></p></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="/milch">Alles über Milch</a></li><li><a href="/kuhmilch-pflanzenmilch-bessere-wahl">Kuhmilch oder Pflanzendrinks: Was ist die bessere Wahl?</a></li><li><a href="/kalzium">Mehr Infos zu Kalzium</a></li><li><a href="/promis">Vegan lebende Prominente</a></li><li><a href="https://bc.pressmatrix.com/de/profiles/b6b0b8c11377/editions/93b87b7c99a619965eb0/" target="_blank" title="Broschüre: Vegan für die Gesundheit">Broschüre: Vegan für die Gesundheit</a></li></ul></div> Wed, 15 Jul 2026 12:53:34 +0000 Nurdin 4212 at https://www.swissveg.ch Die beliebteste Deklaration für vegane Produkte https://www.swissveg.ch/de/umfrage_deklaration_26 <span>The most popular way to label vegan products</span> <span><span lang="" about="/en/user/2986" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Lubo</span></span> <span>Mon, 07/13/2026 - 08:53</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">How should vegan products be labelled to maximise sales?<br />To find this out, Swissveg commissioned a representative survey from YouGov.</p><p>The results are clear: across all the relevant customer groups (vegans, vegetarians and flexitarians), there is a preference for the official V-Label. All other types of labelling (or no vegan labelling at all) are significantly less preferred.<br />Only amongst omnivores was ‘I don’t know’ the most common response, as they are apparently not interested in vegan labelling or simply do not care.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/V-Label%20_Umfrage_Produkt-kaufen_2026_ENG.webp" data-entity-uuid="323c681f-8991-4e56-bcbf-0dff535f6189" data-entity-type="file" alt="" width="2363" height="1536" /><p> </p><h2>Plant-based instead of vegan?</h2><p>There is a recurring debate about whether it is better to label a product as ‘plant-based’ rather than ‘vegan’. Apart from the fact that these terms are not synonyms, the survey clearly shows that, whilst ‘plant-based’ is better received by flexitarians and omnivores than the word ‘vegan’, a ‘vegan’ label is significantly more appealing. Even no labelling at all is generally preferred to the label ‘plant-based’.</p><p>It is also clear that the term ‘vegan’ on its own is perceived quite differently from a certification label. Even though the term ‘vegan’ is also included in the V-Label, the V-Label still enjoys by far the greatest acceptance amongst consumers.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/V-Label%20_Umfrage-2026_Zielgruppe_ENG.webp" data-entity-uuid="192da01c-359a-45db-b635-0e2e01e38249" data-entity-type="file" alt="" width="2363" height="1536" /><p> </p><p> </p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <p>The representative survey was carried out by YouGov on behalf of Swissveg between 15 and 24 June 2026. The survey involved 1,020 people aged between 15 and 79 who live in Switzerland.</p></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/en/label-umfrage_2026">V-Label-Survey 2026</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/en/label-survey_2024">V-Label-Survey 2024</a></li></ul></div> Mon, 13 Jul 2026 05:27:13 +0000 Renato 4214 at https://www.swissveg.ch Umfrage 2026 zeigt: Das V-Label baut seinen Vorsprung als bekanntestes vegan Label aus. https://www.swissveg.ch/de/label-umfrage_2026 <span>2026 survey shows: V-Label is extending its lead as the best-known vegan label.</span> <span><span lang="" about="/en/user/2986" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Lubo</span></span> <span>Mon, 07/13/2026 - 09:09</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Back in the 2024 survey, the V-Label was already by far the best-known label for the labelling of vegan products. The new survey from June 2026 now shows that the V-Label has further consolidated its leading position.</p><h2>More than two-thirds of the population are familiar with the V-Label</h2><p>69% of the total Swiss population are familiar with the V-Label. This is around 1.5% more than in 2024. Well over 90% of vegans and vegetarians are familiar with the V-Label. And even amongst flexitarians, 76% are familiar with it.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/V-Label%20_Umfrage_Bekanntheit-2_2026_ENG.webp" data-entity-uuid="097d9a75-611e-4971-8c6b-a7a653c9a5b0" data-entity-type="file" alt="" width="1890" height="1536" /><p>By way of comparison: the Vegan Society’s ‘Vegan Flower’ logo has continued to lose ground in terms of recognition, falling from 26% to just 19%. Almost 80% of the Swiss population are unfamiliar with the Vegan Flower.</p><p>Long term, too, the V-Label is becoming increasingly well known: in our first survey on the subject, in 2017, only 47% of the general public were aware of it. Today (2026), that figure has risen to 69%.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/V-Label%20_Umfrage-2026_Bekanntheit-2_ENG.webp" data-entity-uuid="26deb07d-f6dd-4aaa-bf72-28a3c3e8cdaf" data-entity-type="file" alt="" width="1890" height="1536" /><h2>Perception of the V-Label</h2><p>The V-Label is not only well known but also enjoys a positive reputation. Over 91% perceive the V-Label as positive or neutral. Only 5% perceive it as negative. In contrast, almost 60% have a positive view of the label.</p><p>And trust in the V-Label has also continued to rise, from 81% to 83%.</p><img src="/sites/swissveg.ch/files/bilder/Diagramme/Label%20_Umfrage-2026_Vertrauen_EN.webp" alt="And trust in the V-Label has also continued to rise, from 81% to 83%." /><h2>Which people know the V-Label best?</h2><p>As well as vegans, vegetarians and flexitarians, there are other groups who are more familiar with the V-Label than average.<br />Almost 90% of people in education are familiar with the V-Label. It is also particularly well known amongst young people: 87% of 15 to 29-year-olds are familiar with it.<br />The V-Label also enjoys a particularly high level of trust amongst people on higher incomes and those with a higher level of education.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <p>The representative survey was carried out by YouGov on behalf of Swissveg between 15 and 24 June 2026. The survey involved 1,020 people aged between 15 and 79 who live in Switzerland.</p></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/en/umfrage_deklaration_26">Survey 2026: The most popular way to label vegan products</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/en/label-survey_2024">V-Label-Survey 2024</a></li></ul></div> Mon, 13 Jul 2026 07:11:37 +0000 Renato 4213 at https://www.swissveg.ch