Joelle's blog https://www.swissveg.ch/de?language=fr de Vegan und 100 werden – ein Widerspruch? https://www.swissveg.ch/de/altersstudie?language=fr <span>Vegan und 100 werden – ein Widerspruch?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031?language=fr" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>28. April 2026 - 16:22</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Aktuelle Schlagzeilen klingen, als müssten wir uns irgendwann entscheiden: entweder vegan leben oder gesund alt werden. Doch stimmt das wirklich – oder wird hier aus einzelnen Studien mehr gemacht, als sie tatsächlich aussagen? Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Hinter der Diskussion steckt weit mehr als die Frage, ob Fleisch auf den Teller gehört. Es geht um Missverständnisse, alte Vorurteile und darum, was der Körper im Alter wirklich braucht.</p><p>In den vergangenen Wochen ist ein Thema in den Medien verstärkt aufgegriffen worden: Wie realistisch ist es, 100 Jahre alt zu werden – und welche Rolle spielt dabei die Ernährung? Viele Berichte schlagen dabei eine klare Richtung ein: Sie vermitteln den Eindruck, vegan zu leben sei im hohen Alter eher ein Hindernis als ein Vorteil und wir müssen auf tierische Produkte setzen, um wirklich alt zu werden.</p><p>Diese Darstellung stützt sich auf eine Studie mit über 5200 chinesischen Erwachsenen ab 80 Jahren, die über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren in einer Langzeitkohorte beobachtet wurden, also in einer Gruppe von Personen mit gemeinsamen Merkmalen, die über viele Jahre hinweg wiederholt untersucht wird. Analysiert wurde, ob vegan oder vegetarisch lebende Personen seltener 100 Jahre alt werden als Omnivore. Das Ergebnis: Vegetarisch und vegan lebende Teilnehmende hatten (insbesondere in der veganen Gruppe) eine tiefere Wahrscheinlichkeit, das Alter von 100 Jahren zu erreichen. Diese Aussage wurde von manchen Medien so aufbereitet, als zeige die Studie, dass vegane Ernährung generell schlecht für ein langes Leben im Alter sei. Manche Artikel gingen sogar so weit zu schreiben, Menschen sollten im Alter ihre ideologischen Ernährungsvorstellungen zurückstellen.</p><p>Damit wird suggeriert, dass vegan sein und gesund alt werden im Widerspruch ständen. Doch die Studie selbst ist weitaus komplexer und bietet vor allem Anlass zur kritischen Reflexion, nicht zu einer pauschalen Abrechnung mit veganer Ernährung im Alter.</p><p class="text-align-justify" style="orphans:2;widows:2;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;orphans:2;widows:2;">Die Studie unter der Lupe</h4><p>Die Studie von Li et al. (2026)<sup>1</sup> zeigt zwar einen Zusammenhang zwischen vegetarischer oder veganer Ernährung und einer geringeren Chance, 100 Jahre alt zu werden, sie hat jedoch entscheidende methodische Schwächen, die in der medialen Berichterstattung kaum erwähnt werden:</p><ol><li><p style="orphans:2;widows:2;">Die Studie basiert auf sogenannten retrospektiven Ernährungsangaben: Die über 80-jährigen Teilnehmenden wurden gebeten, rückblickend über ihre Essgewohnheiten zu berichten – eine Methode, die naturgemäss begrenzte Genauigkeit hat.&nbsp;</p></li><li><p style="orphans:2;widows:2;">Die Studie macht keine Aussagen darüber, wie strikt die vegetarische oder vegane Ernährung tatsächlich gelebt wurde.&nbsp;</p></li><li><p style="orphans:2;widows:2;">Der negative Effekt – also die geringere Wahrscheinlichkeit, ein Alter von 100 Jahren zu erreichen – zeigte sich vor allem bei untergewichtigen Personen. Das deutet darauf hin, dass eine Unterversorgung mit Energie und Proteinen oder bestehende Vorerkrankungen die eigentliche Ursache sein könnten, nicht die Ernährungsweise per se.</p></li></ol><p style="orphans:2;widows:2;">Hinzu kommt: Die Studie betrachtet ausschliesslich sehr alte Menschen in China, eine Population mit einem bekanntlich hohen Anteil an Untergewicht und einem hohen Vorkommen chronischer Erkrankungen. Eine gut geplante vegane Ernährung wurde nicht als eigene Gruppe untersucht. Auch die Qualität der Ernährung, bspw. durch eine ungünstige Lebensmittelzusammenstellung, wurde nicht erfasst. Bemerkenswert ist ausserdem: Fisch-, Eier- und Milchkonsumenten erreichten das hohe Alter genauso häufig wie Fleischesser. Es geht also nicht um Fleisch an sich, sondern um eine ausreichende Versorgung mit Proteinen und Nährstoffen.</p><p class="text-align-justify" style="orphans:2;widows:2;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Warum Ernährung im Alter noch wichtiger wird</h4><p>Mit den Jahren verändert sich der Körper: Der Grundumsatz sinkt, der Appetit wird geringer und gleichzeitig verliert der Körper nach und nach Muskelmasse. Die Knochen werden anfälliger, die Verdauung arbeitet langsamer und das Risiko für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Hinzu kommt, dass der Körper bestimmte Nährstoffe im Alter nicht mehr so effizient aufnimmt wie früher: Der Bedarf an Protein, Calcium, Vitamin D und Vitamin B<sub>12</sub> bleibt hoch oder steigt sogar, während das Hunger- und Durstgefühl abnimmt. Umso wichtiger ist eine Ernährung, die auch in kleineren Portionen möglichst viele Nährstoffe liefert.<sup>2</sup></p><p>Besonders Proteine spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie helfen, Muskelmasse zu erhalten, die Beweglichkeit zu sichern und im Alltag länger fit zu bleiben. Mit zunehmendem Alter reagiert der Körper weniger sensibel auf Protein, wodurch Muskelzellen gewissermassen schwerhörig gegenüber Aufbausignalen werden. Aufgrund dessen profitieren ältere Menschen häufig von einer etwas höheren Proteinzufuhr, die möglichst gleichmässig über den Tag verteilt wird.</p><p>Genau an diesem Punkt setzt ein weit verbreitetes Vorurteil an: Wer im Alter ausreichend Protein und Nährstoffe aufnehmen will, brauche zwingend Fleisch, Milch und Eier. Diese Überzeugung ist tief verwurzelt, und die aktuelle Medienberichterstattung rund um Studien zur Lebenserwartung verstärkt sie zusätzlich. Doch sie greift zu kurz. Entscheidend ist nicht die Herkunft der Nährstoffe, sondern ihre ausreichende Zufuhr und Qualität. Dass beides auch mit einer gut geplanten veganen Ernährung möglich ist, zeigt die aktuelle Forschungslage deutlich.</p><p class="text-align-justify" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;">&nbsp; <div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"></p><h3>Sind pflanzliche Proteine wirklich «unvollständig»?</h3><p>Ein Vorurteil hält sich hartnäckig: Pflanzliche Proteine seien minderwertig oder „unvollständig“. Tatsächlich stimmt das so nicht.</p><p>Zwar haben viele einzelne pflanzliche Lebensmittel nicht exakt dieselbe Zusammensetzung an Aminosäuren wie tierische Produkte. Doch in der Praxis spielt das kaum eine Rolle. Wer abwechslungsreich isst, kombiniert automatisch unterschiedliche Proteinquellen, und genau dadurch entsteht ein vollständiges Aminosäureprofil. Ein klassisches Beispiel ist die Kombination aus Hülsenfrüchten und Getreide, etwa Linsen mit Vollkornbrot oder Bohnen mit Reis. Auch Nüsse und Samen ergänzen pflanzliche Proteine hervorragend. Einige Lebensmittel liefern sogar bereits allein alle essenziellen Aminosäuren, darunter Soja, Quinoa und Amaranth.</p><p>Auch die Verwertbarkeit pflanzlicher Proteine wird häufig unterschätzt. Soja erreicht eine sehr hohe biologische Wertigkeit, fermentierte Produkte wie Tempeh sind besonders gut verdaulich. Der sogenannte PDCAAS-Wert (ein Mass für die Proteinqualität) erreicht bei Soja bereits die höchste Bewertung mit 1,0; fermentierte Produkte wie Tempeh liegen nahe an dem Bereich. Einfache Zubereitungsmethoden wie Einweichen, Keimen oder schonendes Garen verbessern die Bioverfügbarkeit zusätzlich und machen die Proteine leichter zugänglich. Zwar verlangsamen Ballaststoffe die Aufnahme von Protein leicht, langfristig fördern sie jedoch eine gesunde Darmflora und diese unterstützt wiederum die Verwertung der Proteine.<sup>3</sup></p></div><p class="text-align-justify" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Was die Forschung zeigt</h4><p>Eine gut geplante vegane Ernährung ist nicht nur in jungen Jahren empfehlenswert, sondern kann gerade im höheren Alter besonders vorteilhaft sein. Wer sich pflanzlich ernährt, versorgt seinen Körper mit einer Vielzahl an Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Gleichzeitig profitieren viele ältere Menschen von einer Ernährung, die leicht, nährstoffreich und gut verträglich ist.</p><p>Dass diese Ernährungsweise im Alter nicht nur möglich, sondern auch messbar sinnvoll ist, zeigen aktuelle Studien: Bereits nach 48 Stunden pflanzlicher Ernährung verbesserten sich bei Menschen über 65 Jahren die Insulinempfindlichkeit, die Blutzuckerwerte und die Triglyceride, während Entzündungsmarker, die mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung stehen, deutlich zurückgingen.<sup>4</sup></p><p>Auch langfristige Gesundheitsdaten sprechen für eine pflanzliche Ernährung: Frauen mit einem hohen Anteil pflanzlicher Proteine zeigten in Studien seltener chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herzinfarkt, waren körperlich fitter und berichteten häufiger von geistiger Klarheit. Im Gegensatz dazu kann ein hoher Konsum tierischer Proteine Wachstumsfaktoren wie IGF-1 erhöhen, die mit einem höheren Krebsrisiko in Verbindung gebracht werden. Pflanzliche Proteine sind daher nicht nur hochwertig, sondern auch gesundheitsfördernd.<sup>5</sup></p><p>Besonders eindrücklich zeigt dies eine Zwillingsstudie, in der sich nach acht Wochen veganer Ernährung die biologischen Alterungsmarker verbesserten, die den tatsächlichen Zustand der Zell- und Organalterung widerspiegeln. Die Forschenden beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung, die auf eine Verjüngung biologischer Prozesse hindeuten, unabhängig davon, ob die Teilnehmenden weniger Kalorien zu sich nahmen.<sup>6</sup></p><p>Auch grosse Langzeitdaten aus China bestätigen dieses Bild: Eine hochwertige pflanzliche Ernährung steht in Verbindung mit gesünderem Altern und einem geringeren Risiko für chronische Erkrankungen.<sup>7 </sup>Diese Studienresultate unterstützen damit genau das, was sich viele Menschen für das Älterwerden wünschen: Mehr Energie, mehr Beweglichkeit und möglichst lange selbstständig bleiben.</p><p class="text-align-justify">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Fazit: Vegan essen, aktiv bleiben</h4><p>Vegan und gesund alt werden schliessen sich nicht aus. Entscheidend ist nicht, ob tierische Produkte auf dem Teller liegen, sondern ob der Körper ausreichend Energie, Protein und Nährstoffe erhält. Wer auf Vielfalt und eine gute Planung achtet, kann sich auch im hohen Alter mit einer veganen Ernährung rundum gut versorgen und damit beste Voraussetzungen schaffen, möglichst lange fit, selbstständig und aktiv zu bleiben.</p><p>Dass manche Schlagzeilen daraus trotzdem ein Entweder-Oder machen, sagt am Ende wohl mehr über die Lust an zugespitzten Geschichten aus als über die tatsächliche Studienlage.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Li Y, Wang K, Lv Y, Jigeer G, Huang Y, Shen X, Shi X, Gao X, 2026. Vegetarian diet and likelihood of becoming centenarians in Chinese adults aged 80 y or older: a nested case-control study. The American Journal of Clinical Nutrition, 123 (2), 101136. <a href="https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2025.101136">https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2025.101136</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Campbell WW, Deutz NEP, Volpi E, Apovian CM, 2023. Nutritional Interventions: Dietary Protein Needs and Influences on Skeletal Muscle of Older Adults. The Journals of Gerontology: Series A, 78 (Supplement_1), 67–72. <a href="https://doi.org/10.1093/gerona/glad038">https://doi.org/10.1093/gerona/glad038</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Berrazaga I, Micard V, Gueugneau M, Walrand S, 2019. The Role of the Anabolic Properties of Plant- versus Animal-Based Protein Sources in Supporting Muscle Mass Maintenance: A Critical Review. Nutrients, 11 (8), 1825. <a href="https://doi.org/10.3390/nu11081825">https://doi.org/10.3390/nu11081825</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Döschner L, Schulze K, Göger L, Bosy-Westphal A, Krüger N, Franz K, Müller-Werdan U, Herpich C, Norman K, 2024. Effects of a Short-Term Vegan Challenge in Older Adults on Metabolic and Inflammatory Parameters-A Randomized Controlled Crossover Study. Molecular Nutrition &amp; Food Research, 68 (4), e2300623. <a href="https://doi.org/10.1002/mnfr.202300623">https://doi.org/10.1002/mnfr.202300623</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Ardisson Korat AV, Shea MK, Jacques PF, Sebastiani P, Wang M, Eliassen AH, Willett WC, Sun Q, 2024. Dietary protein intake in midlife in relation to healthy aging - results from the prospective Nurses’ Health Study cohort. The American Journal of Clinical Nutrition, 119 (2), 271–282. <a href="https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2023.11.010">https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2023.11.010</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Dwaraka VB, Aronica L, Carreras-Gallo N, Robinson JL, Hennings T, Carter MM, Corley MJ, Lin A, Turner L, Smith R, et al., 2024. Unveiling the epigenetic impact of vegan vs. omnivorous diets on aging: insights from the Twins Nutrition Study (TwiNS). BMC Medicine, 22 (1), 301. <a href="https://doi.org/10.1186/s12916-024-03513-w">https://doi.org/10.1186/s12916-024-03513-w</a></p></li><li><p style="line-height:100%;margin-bottom:0.42cm;margin-left:1.27cm;text-indent:-1.27cm;">Jigeer G, Wang K, Lv Y, Tucker KL, Shen X, Chen F, Sun L, Shi X, Li Y, Gao X, 2025. Vegetarian diet and healthy aging among Chinese older adults: a prospective study. npj Aging, 11 (1), 25. <a href="https://doi.org/10.1038/s41514-025-00213-4">https://doi.org/10.1038/s41514-025-00213-4</a></p></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/pflanzliche-ernaehrung-senkt-krankheitsrisiko" target="_blank">Pflanzliche Ernährung senkt Krankheitsrisiko</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/vegane-proteine?language=de" target="_blank">Vegane Proteine in der Ernährung</a></li></ul></div> Tue, 28 Apr 2026 14:22:37 +0000 Joelle 4191 at https://www.swissveg.ch Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche: Wie viel hat sich wirklich verändert? https://www.swissveg.ch/de/stand-tierversuche?language=fr <span>Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche: Wie viel hat sich wirklich verändert?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031?language=fr" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>24. April 2026 - 13:32</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 24. April ist der Internationale Tag zur Abschaffung der Tierversuche. Ein wichtiger Anlass, um nicht nur auf das Leid der Tiere zu schauen, sondern auch auf die Frage: Wo steht die Schweiz heute und wohin bewegt sie sich? In den letzten fünf Jahren gab es zwar politische Debatten, neue Verordnungen und mehr Aufmerksamkeit für alternative Methoden. Doch der grundlegende Systemwechsel lässt weiterhin auf sich warten.</p><h4>Rückblick auf die letzten Jahre</h4><p><strong>2021</strong> war geprägt von einer intensiven öffentlichen Debatte rund um die Volksinitiative für ein Verbot von Tierversuchen. In diesem Jahr wurden in der Schweiz 574’673 Tiere in Versuchen eingesetzt; europaweit litten rund 9,5 Millionen Tiere in Laboren der EU und Norwegens.<sup>1</sup> Das Thema war damit plötzlich nicht mehr nur eine Randfrage der Forschungspolitik, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen. Die grosse Hoffnung auf eine Wende erfüllte sich damals aber nicht.</p><p><strong>2022</strong> brachte mit der Abstimmung über die Tierversuchsverbots-Initiative eine klare Entscheidung: Die Vorlage wurde deutlich abgelehnt, während gleichzeitig 585’991 Tiere in der Schweiz in Versuchen verwendet wurden – rund 2 Prozent mehr als im Vorjahr.<sup>1</sup> Für viele Tierschutzorganisationen war das ein Rückschlag, für Universitäten und Pharmaunternehmen dagegen ein Signal, dass die bestehenden Rahmenbedingungen für Tierversuche politisch bestätigt wurden. Die zentrale Frage blieb jedoch: Wenn heute bereits zahlreiche tierfreie Methoden existieren, warum werden sie nicht konsequenter gefördert und eingesetzt?</p><p><strong>2023</strong> zeigte: Von einem Rückgang kann keine Rede sein. Die Zahl der eingesetzten Tiere stieg in der Schweiz auf 595’305, etwa 1,6 % mehr als 2022 und mehr als die Hälfte dieser Tiere war Versuchssituationen mit Belastung (Schweregrade 1–3) ausgesetzt. Auch in Europa blieb der Wandel langsam.<sup>1</sup> Zwar wird immer wieder von Alternativen gesprochen, doch in der Praxis dominieren weiterhin klassische Tierversuche. Besonders kritisch bleibt, dass schwere Belastungen nicht verschwinden, sondern in manchen Bereichen sogar zunehmen, etwa in der Krebsforschung sowie bei Experimenten zu neurologischen und psychischen Erkrankungen.</p><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="157d9cf9-16ab-4e7c-a2a1-07a4b267710a" height="1749" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_gez%C3%BCchtet.jpg" width="52.82%" /><figcaption>Abbildung 1: Anzahl total gezüchteter Versuchstiere die eingesetzt (türkis) und euthanasiert (rot) wurden von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p> </p><p><strong>2024</strong> brachte erneut viel politische Bewegung, aber wenig Entlastung für die Tiere. Neue Verordnungen wurden vorbereitet, Initiativen weitergeführt, und der Ruf nach tierfreien Methoden wurde lauter. Dass in der Schweiz 2024 insgesamt 522’636 Tiere eingesetzt wurden – rund 12 Prozent weniger als im Vorjahr – ändert wenig daran, dass die Zahl der stark belastenden Versuche im Schweregrad 3 von 26’390 im Jahr 2023 auf 27’380 Tiere anstieg.<sup>1</sup></p><p><strong>2025</strong> markiert einen spannenden, aber widersprüchlichen Moment. Seit Februar gelten in der Schweiz neue Vorschriften im Tierversuchsrecht, die unter anderem die Zucht und Haltung belasteter Linien stärker begrenzen. Gleichzeitig zeigen die bisherigen Zahlen bis 2024, dass Tierversuche weiterhin fest im System verankert sind und insbesondere stark belastende Versuche nicht einfach verschwinden. Genau hier liegt das eigentliche Problem: Mehr Regulierung bedeutet noch keinen Ausstieg. Erst mit der Tierversuchsstatistik 2025, die das BLV voraussichtlich im Herbst dieses Jahres veröffentlichen wird, wird sich zeigen, ob die neuen Regeln tatsächlich zu weniger Tierleid führen oder ob sie vor allem zu mehr Formalien geführt haben.</p><p> </p><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="818faf06-03a1-4231-9cc5-44767c6b4d0d" height="1467" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_Schweregrad.jpg" width="52.74%" /><figcaption>Abbildung 2: Anzahl Versuchstiere genutzt für Versuche mit Schweregrad 3 (starke Schmerzen, anhaltendes Leid, schwere Angst oder erhebliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens) von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p> </p><h4>Hier steht die Schweiz heute</h4><p>Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie das System heute konkret ausgestaltet ist. Die aktuellen Entwicklungen im Schweizer Tierversuchsrecht basieren auf einer Revision der Tierschutzverordnung und der Tierversuchsverordnung, mit der der Bundesrat unter anderem mehr Transparenz über Zucht, Nutzung und Tötung von Versuchstieren schaffen will. In der Schweiz dürfen Tierversuche grundsätzlich nur unter strengen Voraussetzungen durchgeführt werden: Sie sind bewilligungspflichtig, die Forschenden müssen nachweisen, dass keine geeigneten Alternativmethoden zur Verfügung stehen (3R-Prinzip: Replace, Reduce, Refine), und sie müssen in einer Güterabwägung belegen, dass der erwartete Erkenntnisgewinn die Belastung der Tiere rechtfertigt. Zusätzlich gelten Vorgaben zur Herkunft und Haltung der Tiere, zur personellen Qualifikation und zur Infrastruktur der Versuchstierhaltungen.</p><p>Mit der Revision, die seit 2025 schrittweise in Kraft tritt, wurden diese Anforderungen weiter verschärft: Es dürfen nur noch so viele Tiere gezüchtet werden, wie für bewilligte Versuche benötigt werden, belastete Linien brauchen eine entsprechende Bewilligung, und Versuchstierhaltungen müssen eine fachkundige Tierärztin oder einen fachkundigen Tierarzt benennen. Ab 2027 sind die Institute zudem verpflichtet, neben den eingesetzten Tieren auch jene zu melden, die nicht verwendet, abgegeben oder getötet wurden. Auf dem Papier gehört die Schweiz damit zu den Ländern mit einer besonders umfassenden Tierschutzgesetzgebung und detaillierten Statistiken im Bereich Tierversuche.</p><p>Aus Sicht der Stiftung Tier im Recht (TIR), die wir für diesen Artikel um eine Einschätzung gebeten haben, zeigt sich in der Praxis jedoch eine andere Seite. Stellvertretende Geschäftsleiterin Vanessa Gerritsen betont, dass zwar die Gesamtzahl der verwendeten Tiere tendenziell eher rückläufig sei, gleichzeitig aber «auffallend und alarmierend […] vor allem der Anstieg der mittel- und schwerbelastenden Tierversuche (Schweregrade 2 und 3)» sei. Nach Einschätzung von Tier im Recht ist das vermeintlich strenge Bewilligungsverfahren «in vielerlei Hinsicht eine Farce», da die gesetzlich vorgeschriebene Güterabwägung in der Praxis sehr häufig nicht rechtskonform vorgenommen werde. Dadurch würden die höheren formellen Anforderungen der Schweiz in ihrer Wirkung teilweise ausgehebelt, sodass das Land aus Tierschutzsicht nicht besser dastehe als viele andere Staaten.</p><p>Kritisch sieht Tier im Recht auch Transparenz und strategische Ausrichtung. Zwar kann die Schweiz sehr detaillierte Zahlen zu Tierversuchen ausweisen, etwa zu Schweregraden und zu nicht im Versuch verwendeten Tieren. Gleichzeitig hinke sie den EU-Mitgliedstaaten bei der Transparenz über einzelne Projekte hinterher, weil – anders als in der EU vorgesehen – keine nicht‑technischen Projektzusammenfassungen veröffentlicht würden. Die Schweizer Lösung mit der Publikation von Projekttitel, Tierart und Schweregrad, aber ohne inhaltliche Erläuterungen, beurteilt Tier im Recht als «höchst ungenügend, intransparent, benutzerunfreundlich» und als einseitige Begünstigung der Interessen von Forschung und Wirtschaft. Während andere Länder wie Grossbritannien oder die Niederlande klare Ausstiegspläne oder zumindest Strategien zur konsequenten Reduktion von Tierversuchen formuliert hätten, setze die Schweiz aus Sicht von Tier im Recht stark auf das 3R-Prinzip, verzichte aber auf ein ebenso klares politisches Bekenntnis zur Abkehr von Tierversuchen.</p><p> </p><h4>Wofür werden Tierversuche durchgeführt?<br /> </h4><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="dd62e9cd-cabf-42bc-b1c9-0c0c979dc5da" height="1619" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_Versuchsziel.jpg" width="52.48%" /><figcaption>Abbildung 3: Versuchsziele von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p>Die meisten Tierversuche werden derzeit in der Grundlagenforschung durchgeführt, etwa beim Prüfen wissenschaftlicher Hypothesen, beim Gewinnen von Zellen oder Organen sowie bei der Vermehrung artfremder Organismen. Danach folgen Entdeckung, Entwicklung und Qualitätskontrolle, insbesondere bei der Erprobung neuer Therapien und Wirkstoffe. Einen deutlich geringeren Anteil nehmen Krankheitsdiagnostik, Aus‑ und Weiterbildung sowie der Schutz von Tier, Mensch und Umwelt ein, etwa bei toxikologischen Tests oder Unbedenklichkeitsprüfungen. Unter der Kategorie «Anderer Zusammenhang» werden schliesslich verschiedene Sonderuntersuchungen erfasst, beispielsweise Fütterungsversuche oder Hygienekontrollen in Versuchstierhaltungen.<sup>1</sup></p><p> </p><h4>Was daran kritisch bleibt und was Hoffnung macht</h4><p>Im Kern zeigt sich: Das Leid der Tiere wird besser dokumentiert und verwaltet, aber kaum grundlegend reduziert. Tierversuche werden oft als unvermeidbar dargestellt, obwohl sich die wissenschaftlichen Möglichkeiten stark weiterentwickelt haben. Organ-on-Chip-Systeme (Mikrochip-Plattformen, auf denen menschliche Zellen so angeordnet werden, dass Funktionen eines Organs nachgeahmt werden), komplexe Zellkulturen, computergestützte Modelle und andere tierfreie Verfahren werden zwar immer wieder genannt, kommen aber noch viel zu selten flächendeckend zum Einsatz. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt eindrücklich, wie gering die Übertragbarkeit tierischer Versuchsergebnisse auf den Menschen ist: Trotz einer Übereinstimmung der Gene von rund 85 Prozent zwischen Maus und Mensch liegt die funktionelle Deckung auf Genomebene unter 50 Prozent, sodass selbst kleine Unterschiede, etwa im Herz-Kreislauf-System, der Haut, dem Verdauungstrakt oder dem Immunsystem, grosse Folgen für die Vorhersagbarkeit haben. Diese biologischen Unterschiede tragen dazu bei, dass ein grosser Teil der Medikamente in der klinischen Prüfung scheitert; Schätzungen gehen davon aus, dass rund 90 bis 92 Prozent der Wirkstoffkandidaten in klinischen Studien nicht zugelassen werden, unter anderem, weil Wirksamkeit und Sicherheit aus Tierversuchen nur begrenzt vorhersagbar sind. Hinzu kommen methodische Schwächen wie unvollständige Dokumentation, fehlende Verblindung und mangelhafte statistische Auswertungen, die die Reproduzierbarkeit weiter verringern. Viele Forschende berichten zudem von einer Verzerrung der Studienlage zugunsten tierexperimenteller Verfahren, da Gutachter häufig Tierversuchsdaten verlangen, selbst wenn moderne, humane Alternativen (New Approach Methodologies, NAMs) bereits aussagekräftige Ergebnisse liefern. Diese NAMs bieten nicht nur eine höhere Reproduzierbarkeit und wissenschaftliche Genauigkeit, sondern auch das Potenzial, menschliche Krankheitsprozesse gezielter und skalierbarer zu modellieren.<sup>2,3</sup></p><p> </p><h4>Bestehende Strukturen werden gefestigt statt hinterfragt</h4><p>Dazu kommt ein zweiter Punkt: Viel politischer Wille fliesst in Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems, statt in den systematischen Aufbau von Alternativen. Bessere Haltungsbedingungen, mildere Belastungen oder strengere Kontrollen sind zwar wichtige Schritte, aber keine Lösung für die Tiere selbst. Wer Tierversuche grundsätzlich infrage stellt – aus ethischen, wissenschaftlichen oder gesundheitlichen Gründen – muss genau hier ansetzen.</p><p> </p><h4>Breite Diskussion hat begonnen</h4><p>Trotz allem gibt es auch gute Gründe für Optimismus: Die Debatte ist breiter geworden, NGOs, Forschende und Teile der Politik sprechen heute deutlich häufiger über tierfreie Methoden als noch vor einigen Jahren. Die Öffentlichkeit schaut genauer hin, und immer mehr Menschen verstehen, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht auf dem Leid anderer Lebewesen beruhen muss. Gerade für Menschen, denen Tierwohl, Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Forschung wichtig sind, ist das ein zentraler Punkt: Tierversuche sind kein isoliertes Spezialthema, sondern Teil einer grösseren ethischen Frage. Welche Rolle sollen Tiere in unserer Gesellschaft spielen? Wie ernst meinen wir es mit Mitgefühl, Vorsorgeprinzip und moderner, humanbasierter Wissenschaft? Die Antwort wird nicht allein in Parlamenten oder Labors entschieden, sondern auch in der öffentlichen Diskussion und ganz konkret im Alltag – etwa dann, wenn wir uns im Laden bewusst für tierversuchsfreie und vegan zertifizierte Produkte entscheiden, die beispielsweise mit dem V-Label gekennzeichnet sind.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), 2026. Tierversuche. Abgerufen am 10.04.2026, <a href="https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html">https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html</a></li><li>Bailey LH Jarrod, 2025. Breaking down the barriers to animal-free research - Lauren Hope, Jarrod Bailey, 2025. Sage Journals. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02611929251349465?icid=int.sj-abstract.similar-articles.1">https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02611929251349465?icid=int.sj-abstract.similar-articles.1</a></li><li>Knight A, 2007. Systematic reviews of animal experiments demonstrate poor human clinical and toxicological utility. Alternatives to laboratory animals: ATLA, 35 (6), 641–659. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://doi.org/10.1177/026119290703500610">https://doi.org/10.1177/026119290703500610</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html" target="_blank">BLV – Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen</a></li><li><a href="https://www.din.de/de/service-fuer-anwender/normungsportale/gesundheit/aktuelles/organs-on-chip-880826" target="_blank">Organ-on-Chip-Systeme</a></li><li><a href="https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/wissen/tierversuchsfrei/alternativen" target="_blank">Alternativen zu Tierversuchen – Ärzte gegen Tierversuche</a></li><li><a href="https://nat-datenbank.de/" target="_blank">Non Animal Technologies (NAT) Datenbank&nbsp;</a></li><li><a href="https://www.tierimrecht.org/de/bibliothek/" target="_blank">Online-Datenbank der Stiftung Tier im Recht</a></li></ul><p>Frühere Blogbeiträge zu Tierversuchen:</p><ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/ausstieg-tierversuche-schweiz" target="_blank">Wie gelingt der Ausstieg aus den Tierversuchen?</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/kosmetik" target="_blank">Was steckt in Kosmetik drin?</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/Tierversuchsverbots-Initiative" target="_blank">Stellungnahme der Swissveg zur Volksinitiative: «Ja zum Verbot für Tier- und Menschenversuchsverbot»</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/herbstsession-2025" target="_blank">Herbstsession 2025</a><br>&nbsp;</li></ul></div> Fri, 24 Apr 2026 11:32:57 +0000 Joelle 4193 at https://www.swissveg.ch