Joelle's blog https://www.swissveg.ch/de de Das Paradox des Feuers https://www.swissveg.ch/de/faszination-feuer <span>Das Paradox des Feuers</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>29. Mai 2026 - 11:28</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Feuer fasziniert uns seit Jahrtausenden. Ein flackerndes Lagerfeuer, das leise Knistern von Holz, die tanzenden Flammen, all das wirkt beruhigend, fast hypnotisch. Dabei ist Feuer objektiv betrachtet eine Gefahr und doch fühlen wir uns in seiner Nähe sicher, geborgen, oft sogar ungewöhnlich entspannt. Dieses scheinbare Paradox ist kein Zufall, sondern tief in unserer evolutionären Geschichte verankert.</p><h4>Wie alles mit Feuer begann</h4><p>Für unsere Vorfahren war Feuer weit mehr als nur eine Wärmequelle. Es verlängerte den Tag, schützte vor Raubtieren, machte Nahrung verdaulicher und ermöglichte das Überleben in kälteren Regionen. Gleichzeitig wurde es zum sozialen Zentrum. Menschen versammelten sich um das Feuer, teilten Nahrung, Geschichten und Erfahrungen. Über unzählige Generationen prägten diese Abende im Feuerschein, wie wir zusammenleben, erzählen und Vertrauen aufbauen. Spuren, die bis heute in unserem Verhalten und Empfinden nachwirken.</p><p>&nbsp;</p><h4>Wenn Forschung ins Feuer schaut</h4><p>Heute weiss man, dass genau diese Kombination aus Sinneseindrücken und Zusammensein eine messbare Wirkung auf unseren Körper hat: Sie lässt uns herunterfahren, senkt den Blutdruck und fördert Entspannung, vor allem dann, wenn wir Feuer nicht nur sehen, sondern auch hören. In einer Studie liessen Forschende deshalb freiwillige Testpersonen verschiedene Videos anschauen, zum Beispiel ein Feuer ohne Ton, eine Version mit dem typischen Knistern und Flammengeräuschen sowie neutrale Szenen ohne Feuer, davor und danach wurde jeweils der Blutdruck gemessen. Am stärksten wirkte die Szene, in der die Flammen zu sehen waren und das Feuer gleichzeitig zu hören war. Diese lebendige Mischung aus Licht, Bewegung und Geräusch brachte den Blutdruck am deutlichsten nach unten und sorgte dafür, dass die Menschen spürbar zur Ruhe kamen.<sup>1</sup></p><p>Andere Arbeiten betonen vor allem die soziale Seite der Feuerstelle. Feldstudien bei Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zeigen, dass Gespräche im Feuerschein anders verlaufen als am Tag. Weniger Alltagsorganisation, mehr Geschichten, gemeinsame Erinnerungen und Themen, die eine Gruppe zusammenhalten. Neuere Forschungsübersichten kommen zudem zum Schluss, dass diese Feuerabende wahrscheinlich auch unsere Erzählkultur geprägt haben. Am Feuer wurden nicht nur Mahlzeiten, sondern auch Erfahrungen und Gedanken geteilt, ein Trainingsfeld für Sprache, Empathie und Gemeinschaftsgefühl, dessen Nachhall wir bis heute spüren, wenn wir gemeinsam am Feuer sitzen.<sup>2</sup></p><p>&nbsp;</p><h4>Warum wir heute noch gern am Feuer sitzen</h4><p>Auch wenn wir heute weder Säbelzahntiger fürchten noch im Dunkeln ohne Strom sitzen, läuft dieses uralte Programm in uns immer noch ab. Wenn wir mit Freunden am Feuer stehen, in die Flammen schauen und dem Knistern lauschen, reagiert unser Gehirn ähnlich wie früher, Gefahr gebannt, Gruppe anwesend, Essen in Reichweite, alles ist gut. Das Lagerfeuer oder der Grill wird so zum modernen Nachfolger der steinzeitlichen Feuerstelle, ein vertrautes Ritual, das uns für einen Moment aus dem Alltag holt.</p><p>Vielleicht ist es genau dieser Ausnahmezustand, der Gespräche am Feuer so besonders macht. Man redet langsamer, hört mehr zu, schweigt auch einmal gemeinsam, ohne dass es sich komisch anfühlt. Die tanzenden Flammen geben dem Blick einen ruhigen Anker, während der Kopf durchatmet. Das Feuer schafft einen kleinen Raum von Nähe und Verbundenheit und genau dort stellt sich die Frage, was wir in diesem Ritual bewahren wollen und was sich mit der Zeit verändern darf.&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><h4>Ein Ritual im Wandel</h4><p>Grillieren gehört für viele genau zu diesen Momenten dazu, fest verbunden mit Sommerabenden und langen Gesprächen. Doch immer mehr Menschen hinterfragen, was da eigentlich auf dem Rost liegt. Denn das gemeinsame Essen am Feuer steht für Nähe, Austausch und Verbundenheit, und genau diese Werte lassen sich nur schwer mit dem Leid vereinbaren, das hinter Grillgut aus dem Schlachthof steckt. Das Ritual selbst muss sich dafür nicht verändern, es sind vielmehr die Inhalte, die wir ihm geben. <a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Gemüse, pflanzliche Alternativen und kreative Grillideen</a> bringen genauso Röstaromen, Vielfalt und Genuss auf den Teller, während das, was uns am meisten bedeutet, unverändert bleibt: das Zusammensitzen, das Knistern, der Duft. Was sich verschiebt, ist die Entscheidung dahinter. Vielleicht liegt genau darin die Weiterentwicklung eines uralten Instinkts, nicht mehr nur gemeinsam zu überleben, sondern bewusst gemeinsam zu geniessen und dabei andere Lebewesen mit einzubeziehen. Das Feuer bleibt das gleiche, doch wir können neu entscheiden, was wir daraus machen.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Lynn CD, 2014. Hearth and Campfire Influences on Arterial Blood Pressure: Defraying the Costs of the Social Brain through Fireside Relaxation - Christopher Dana Lynn, 2014. Evolutionary Psychology. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/147470491401200509">https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/147470491401200509</a></li><li>Wiessner PW, 2014. Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 111 (39), 14027–14035. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1404212111">https://doi.org/10.1073/pnas.1404212111</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Grillkampagne von Swissveg</a></li></ul></div> Fri, 29 May 2026 09:28:33 +0000 Joelle 4194 at https://www.swissveg.ch Was steckt hinter dem Duft von Grilliertem? https://www.swissveg.ch/de/maillard-grill <span>Was steckt hinter dem Duft von Grilliertem?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>27. Mai 2026 - 12:54</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Ein kühles Getränk in der Hand, die Sonne im Gesicht und der vertraute Duft von Grilliertem in der Luft, so beginnt für viele der Sommer. Grillieren bedeutet heute weit mehr als reine Nahrungszubereitung und steht für gemeinsames Erleben, geselliges Zusammensein und genussvolles Speisen. Doch was genau passiert, wenn Hitze auf Lebensmittel trifft und woher stammen der Duft, der Geschmack und die appetitliche Bräunung, die wir mit Grillieren verbinden?</p><h4>Warum Grilliertes so gut schmeckt</h4><p>Der typische Geschmack von Gegrilltem entsteht vor allem durch die sogenannte Maillard-Reaktion. Diese wurde bereits 1912 vom französischen Chemiker Louis Camille Maillard beschrieben. Dabei reagieren Aminosäuren, also Bestandteile von Proteinen, mit Zucker, sobald Lebensmittel erhitzt werden.<sup>1</sup> Es entstehen hunderte Aromastoffe, die für die goldbraune Farbe und die Röstaromen verantwortlich sind. Gleichzeitig verändern sich auch Textur und Mundgefühl, was wir als besonders herzhaft und «gegrillt» wahrnehmen. Entscheidend ist, dass diese Reaktion nicht an Fleisch gebunden ist. Sie findet überall dort statt, wo die passenden Bausteine vorhanden sind, also auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Ob beim Backen von Brot, beim Rösten von Nüssen oder beim Anbraten von Gemüse, die Maillard-Reaktion sorgt in vielen Situationen für jene Aromen, die wir als besonders schmackhaft wahrnehmen.</p><p> </p><h4>Röstaromen gibt es auch pflanzlich</h4><p>Gerade beim Grillieren zeigt sich, wie vielseitig pflanzliche Zutaten sind. Gemüse, Tofu und pflanzliche Alternativen bringen gute Voraussetzungen mit, um ausgeprägte Röstaromen zu entwickeln, ganz ohne tierische Produkte. So wird der Grill rasch zu einer bunt belegten Fläche aus unterschiedlichen Farben, Formen und Texturen. Wie vielfältig das in der Praxis aussehen kann, zeigen unsere Rezepte und Grillvideos mit <a href="https://www.linkedin.com/in/thomas-gl%C3%A4ssing-b822391a6/" target="_blank">Thomas Glässing</a> auf <a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">unserer Kampagnenseite</a> und unseren sozialen Kanälen besonders anschaulich.</p><figure role="group"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="20b72476-79e0-4f45-b981-8a3b7fd30595" height="1891" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-05/Grillrezepte_Thurgauer_Most_Bratwurst_im_Weggen.webp" width="58.79%" /><figcaption>Abbildung 1: Thurgauer Most-Bratwurst im Weggen. Ein regional inspirierter, rein veganer Grillgenuss von Thomas Glässing für unsere Grillkampagne 2026. Foto von Nora Dal Cero.</figcaption></figure><p> </p><p>Mit ein paar Tipps und Tricks lassen sich pflanzliche Zutaten auch auf jedem Grill besonders gut in Szene setzen. Gemüse wie Zucchini, Auberginen oder Pilze enthalten viel Wasser, was zunächst das Bräunen hemmen kann. Werden sie vor dem Grillieren leicht gesalzen, kurz stehen gelassen und danach abgetupft, kann sich an der Oberfläche schneller eine aromatische Kruste bilden. Dünne Scheiben oder Spiesse profitieren von direkter Hitze, während grössere Stücke wie Maiskolben oder ganze Peperoni bei indirekter Hitze gleichmässig garen und innen saftig bleiben.</p><p>Auch Marinaden tragen entscheidend zum Geschmack bei. Kombinationen aus Öl, Säure und Gewürzen intensivieren das Aroma und fördern die Bräunung. Besonders geeignet sind Zutaten wie Sojasauce, Misopaste oder Tomatenmark, da sie von Natur aus Zucker und Aminosäuren liefern und somit die Entstehung von Röstaromen unterstützen. Wer mit Kräutern, Rauchsalz oder etwas Knoblauch arbeitet, kann das Grillaroma zusätzlich variieren. Fester Tofu nimmt Marinaden besonders gut auf, wenn er vorher leicht gepresst wird. Pflanzliche Zutaten haben zudem den Vorteil, dass bei ihrer Zubereitung in der Regel weniger heterozyklische aromatische Amine entstehen – also Stoffe, die mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht werden – als bei stark erhitztem Fleisch.<sup>2</sup></p><h4><br />Genuss mit Verantwortung</h4><p>Beim Grillieren geht es nicht nur um Geschmack, sondern auch um das Zusammensein rund um den Grill. Viele verbinden damit gemeinsame Abende, Gespräche und das Teilen verschiedener Speisen. Pflanzliche Zutaten bieten hier viele Möglichkeiten. Sie lassen sich vielseitig kombinieren, bringen unterschiedliche Texturen auf den Teller und ermöglichen ein abwechslungsreiches Grillmenü. So wird der Grill zu einem Ort, an dem Vielfalt und gemeinsames Erleben zusammenkommen und an dem sich Genuss mit einem respektvollen Umgang gegenüber allen Lebewesen verbinden lässt. Denn kräftige Röstaromen sind kein Privileg von Fleisch, sondern entstehen durch Hitze, die richtigen Zutaten und etwas Geduld.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>El Hosry L, Elias V, Chamoun V, Halawi M, Cayot P, Nehme A, Bou-Maroun E, 2025. Maillard Reaction: Mechanism, Influencing Parameters, Advantages, Disadvantages, and Food Industrial Applications: A Review. Foods, 14 (11), 1881. <a href="https://doi.org/10.3390/foods14111881">https://doi.org/10.3390/foods14111881</a></li><li>Nadeem HR, Akhtar S, Ismail T, Sestili P, Lorenzo JM, Ranjha MMAN, Jooste L, Hano C, Aadil RM, 2021. Heterocyclic Aromatic Amines in Meat: Formation, Isolation, Risk Assessment, and Inhibitory Effect of Plant Extracts. Foods, 10 (7), 1466. <a href="https://doi.org/10.3390/foods10071466">https://doi.org/10.3390/foods10071466</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Grillkampagne von Swissveg</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/gefahr-grillieren" target="_blank">Bund warnt vor den Folgen des Grillierens</a></li></ul></div> Wed, 27 May 2026 10:54:29 +0000 Joelle 4195 at https://www.swissveg.ch Was steckt hinter dem Duft von Grilliertem? https://www.swissveg.ch/de/maillard-grill <span>Was steckt hinter dem Duft von Grilliertem?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>27. Mai 2026 - 12:54</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Ein kühles Getränk in der Hand, die Sonne im Gesicht und der vertraute Duft von Grilliertem in der Luft, so beginnt für viele der Sommer. Grillieren bedeutet heute weit mehr als reine Nahrungszubereitung und steht für gemeinsames Erleben, geselliges Zusammensein und genussvolles Speisen. Doch was genau passiert, wenn Hitze auf Lebensmittel trifft und woher stammen der Duft, der Geschmack und die appetitliche Bräunung, die wir mit Grillieren verbinden?</p><h4>Warum Grilliertes so gut schmeckt</h4><p>Der typische Geschmack von Gegrilltem entsteht vor allem durch die sogenannte Maillard-Reaktion. Diese wurde bereits 1912 vom französischen Chemiker Louis Camille Maillard beschrieben. Dabei reagieren Aminosäuren, also Bestandteile von Proteinen, mit Zucker, sobald Lebensmittel erhitzt werden.<sup>1</sup> Es entstehen hunderte Aromastoffe, die für die goldbraune Farbe und die Röstaromen verantwortlich sind. Gleichzeitig verändern sich auch Textur und Mundgefühl, was wir als besonders herzhaft und «gegrillt» wahrnehmen. Entscheidend ist, dass diese Reaktion nicht an Fleisch gebunden ist. Sie findet überall dort statt, wo die passenden Bausteine vorhanden sind, also auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Ob beim Backen von Brot, beim Rösten von Nüssen oder beim Anbraten von Gemüse, die Maillard-Reaktion sorgt in vielen Situationen für jene Aromen, die wir als besonders schmackhaft wahrnehmen.</p><p> </p><h4>Röstaromen gibt es auch pflanzlich</h4><p>Gerade beim Grillieren zeigt sich, wie vielseitig pflanzliche Zutaten sind. Gemüse, Tofu und pflanzliche Alternativen bringen gute Voraussetzungen mit, um ausgeprägte Röstaromen zu entwickeln, ganz ohne tierische Produkte. So wird der Grill rasch zu einer bunt belegten Fläche aus unterschiedlichen Farben, Formen und Texturen. Wie vielfältig das in der Praxis aussehen kann, zeigen unsere Rezepte und Grillvideos mit <a href="https://www.linkedin.com/in/thomas-gl%C3%A4ssing-b822391a6/" target="_blank">Thomas Glässing</a> auf <a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">unserer Kampagnenseite</a> und unseren sozialen Kanälen besonders anschaulich.</p><figure role="group"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="20b72476-79e0-4f45-b981-8a3b7fd30595" height="1891" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-05/Grillrezepte_Thurgauer_Most_Bratwurst_im_Weggen.webp" width="58.79%" /><figcaption>Abbildung 1: Thurgauer Most-Bratwurst im Weggen. Ein regional inspirierter, rein veganer Grillgenuss von Thomas Glässing für unsere Grillkampagne 2026. Foto von Nora Dal Cero.</figcaption></figure><p> </p><p>Mit ein paar Tipps und Tricks lassen sich pflanzliche Zutaten auch auf jedem Grill besonders gut in Szene setzen. Gemüse wie Zucchini, Auberginen oder Pilze enthalten viel Wasser, was zunächst das Bräunen hemmen kann. Werden sie vor dem Grillieren leicht gesalzen, kurz stehen gelassen und danach abgetupft, kann sich an der Oberfläche schneller eine aromatische Kruste bilden. Dünne Scheiben oder Spiesse profitieren von direkter Hitze, während grössere Stücke wie Maiskolben oder ganze Peperoni bei indirekter Hitze gleichmässig garen und innen saftig bleiben.</p><p>Auch Marinaden tragen entscheidend zum Geschmack bei. Kombinationen aus Öl, Säure und Gewürzen intensivieren das Aroma und fördern die Bräunung. Besonders geeignet sind Zutaten wie Sojasauce, Misopaste oder Tomatenmark, da sie von Natur aus Zucker und Aminosäuren liefern und somit die Entstehung von Röstaromen unterstützen. Wer mit Kräutern, Rauchsalz oder etwas Knoblauch arbeitet, kann das Grillaroma zusätzlich variieren. Fester Tofu nimmt Marinaden besonders gut auf, wenn er vorher leicht gepresst wird. Pflanzliche Zutaten haben zudem den Vorteil, dass bei ihrer Zubereitung in der Regel weniger heterozyklische aromatische Amine entstehen – also Stoffe, die mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht werden – als bei stark erhitztem Fleisch.<sup>2</sup></p><h4><br />Genuss mit Verantwortung</h4><p>Beim Grillieren geht es nicht nur um Geschmack, sondern auch um das Zusammensein rund um den Grill. Viele verbinden damit gemeinsame Abende, Gespräche und das Teilen verschiedener Speisen. Pflanzliche Zutaten bieten hier viele Möglichkeiten. Sie lassen sich vielseitig kombinieren, bringen unterschiedliche Texturen auf den Teller und ermöglichen ein abwechslungsreiches Grillmenü. So wird der Grill zu einem Ort, an dem Vielfalt und gemeinsames Erleben zusammenkommen und an dem sich Genuss mit einem respektvollen Umgang gegenüber allen Lebewesen verbinden lässt. Denn kräftige Röstaromen sind kein Privileg von Fleisch, sondern entstehen durch Hitze, die richtigen Zutaten und etwas Geduld.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>El Hosry L, Elias V, Chamoun V, Halawi M, Cayot P, Nehme A, Bou-Maroun E, 2025. Maillard Reaction: Mechanism, Influencing Parameters, Advantages, Disadvantages, and Food Industrial Applications: A Review. Foods, 14 (11), 1881. <a href="https://doi.org/10.3390/foods14111881">https://doi.org/10.3390/foods14111881</a></li><li>Nadeem HR, Akhtar S, Ismail T, Sestili P, Lorenzo JM, Ranjha MMAN, Jooste L, Hano C, Aadil RM, 2021. Heterocyclic Aromatic Amines in Meat: Formation, Isolation, Risk Assessment, and Inhibitory Effect of Plant Extracts. Foods, 10 (7), 1466. <a href="https://doi.org/10.3390/foods10071466">https://doi.org/10.3390/foods10071466</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Grillkampagne von Swissveg</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/gefahr-grillieren" target="_blank">Bund warnt vor den Folgen des Grillierens</a></li></ul></div> Wed, 27 May 2026 10:54:29 +0000 Joelle 4195 at https://www.swissveg.ch Das Paradox des Feuers https://www.swissveg.ch/de/faszination-feuer <span>Das Paradox des Feuers</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>29. Mai 2026 - 11:28</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Feuer fasziniert uns seit Jahrtausenden. Ein flackerndes Lagerfeuer, das leise Knistern von Holz, die tanzenden Flammen, all das wirkt beruhigend, fast hypnotisch. Dabei ist Feuer objektiv betrachtet eine Gefahr und doch fühlen wir uns in seiner Nähe sicher, geborgen, oft sogar ungewöhnlich entspannt. Dieses scheinbare Paradox ist kein Zufall, sondern tief in unserer evolutionären Geschichte verankert.</p><h4>Wie alles mit Feuer begann</h4><p>Für unsere Vorfahren war Feuer weit mehr als nur eine Wärmequelle. Es verlängerte den Tag, schützte vor Raubtieren, machte Nahrung verdaulicher und ermöglichte das Überleben in kälteren Regionen. Gleichzeitig wurde es zum sozialen Zentrum. Menschen versammelten sich um das Feuer, teilten Nahrung, Geschichten und Erfahrungen. Über unzählige Generationen prägten diese Abende im Feuerschein, wie wir zusammenleben, erzählen und Vertrauen aufbauen. Spuren, die bis heute in unserem Verhalten und Empfinden nachwirken.</p><p>&nbsp;</p><h4>Wenn Forschung ins Feuer schaut</h4><p>Heute weiss man, dass genau diese Kombination aus Sinneseindrücken und Zusammensein eine messbare Wirkung auf unseren Körper hat: Sie lässt uns herunterfahren, senkt den Blutdruck und fördert Entspannung, vor allem dann, wenn wir Feuer nicht nur sehen, sondern auch hören. In einer Studie liessen Forschende deshalb freiwillige Testpersonen verschiedene Videos anschauen, zum Beispiel ein Feuer ohne Ton, eine Version mit dem typischen Knistern und Flammengeräuschen sowie neutrale Szenen ohne Feuer, davor und danach wurde jeweils der Blutdruck gemessen. Am stärksten wirkte die Szene, in der die Flammen zu sehen waren und das Feuer gleichzeitig zu hören war. Diese lebendige Mischung aus Licht, Bewegung und Geräusch brachte den Blutdruck am deutlichsten nach unten und sorgte dafür, dass die Menschen spürbar zur Ruhe kamen.<sup>1</sup></p><p>Andere Arbeiten betonen vor allem die soziale Seite der Feuerstelle. Feldstudien bei Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften zeigen, dass Gespräche im Feuerschein anders verlaufen als am Tag. Weniger Alltagsorganisation, mehr Geschichten, gemeinsame Erinnerungen und Themen, die eine Gruppe zusammenhalten. Neuere Forschungsübersichten kommen zudem zum Schluss, dass diese Feuerabende wahrscheinlich auch unsere Erzählkultur geprägt haben. Am Feuer wurden nicht nur Mahlzeiten, sondern auch Erfahrungen und Gedanken geteilt, ein Trainingsfeld für Sprache, Empathie und Gemeinschaftsgefühl, dessen Nachhall wir bis heute spüren, wenn wir gemeinsam am Feuer sitzen.<sup>2</sup></p><p>&nbsp;</p><h4>Warum wir heute noch gern am Feuer sitzen</h4><p>Auch wenn wir heute weder Säbelzahntiger fürchten noch im Dunkeln ohne Strom sitzen, läuft dieses uralte Programm in uns immer noch ab. Wenn wir mit Freunden am Feuer stehen, in die Flammen schauen und dem Knistern lauschen, reagiert unser Gehirn ähnlich wie früher, Gefahr gebannt, Gruppe anwesend, Essen in Reichweite, alles ist gut. Das Lagerfeuer oder der Grill wird so zum modernen Nachfolger der steinzeitlichen Feuerstelle, ein vertrautes Ritual, das uns für einen Moment aus dem Alltag holt.</p><p>Vielleicht ist es genau dieser Ausnahmezustand, der Gespräche am Feuer so besonders macht. Man redet langsamer, hört mehr zu, schweigt auch einmal gemeinsam, ohne dass es sich komisch anfühlt. Die tanzenden Flammen geben dem Blick einen ruhigen Anker, während der Kopf durchatmet. Das Feuer schafft einen kleinen Raum von Nähe und Verbundenheit und genau dort stellt sich die Frage, was wir in diesem Ritual bewahren wollen und was sich mit der Zeit verändern darf.&nbsp;</p><p>&nbsp;</p><h4>Ein Ritual im Wandel</h4><p>Grillieren gehört für viele genau zu diesen Momenten dazu, fest verbunden mit Sommerabenden und langen Gesprächen. Doch immer mehr Menschen hinterfragen, was da eigentlich auf dem Rost liegt. Denn das gemeinsame Essen am Feuer steht für Nähe, Austausch und Verbundenheit, und genau diese Werte lassen sich nur schwer mit dem Leid vereinbaren, das hinter Grillgut aus dem Schlachthof steckt. Das Ritual selbst muss sich dafür nicht verändern, es sind vielmehr die Inhalte, die wir ihm geben. <a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Gemüse, pflanzliche Alternativen und kreative Grillideen</a> bringen genauso Röstaromen, Vielfalt und Genuss auf den Teller, während das, was uns am meisten bedeutet, unverändert bleibt: das Zusammensitzen, das Knistern, der Duft. Was sich verschiebt, ist die Entscheidung dahinter. Vielleicht liegt genau darin die Weiterentwicklung eines uralten Instinkts, nicht mehr nur gemeinsam zu überleben, sondern bewusst gemeinsam zu geniessen und dabei andere Lebewesen mit einzubeziehen. Das Feuer bleibt das gleiche, doch wir können neu entscheiden, was wir daraus machen.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Lynn CD, 2014. Hearth and Campfire Influences on Arterial Blood Pressure: Defraying the Costs of the Social Brain through Fireside Relaxation - Christopher Dana Lynn, 2014. Evolutionary Psychology. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/147470491401200509">https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/147470491401200509</a></li><li>Wiessner PW, 2014. Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 111 (39), 14027–14035. <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1404212111">https://doi.org/10.1073/pnas.1404212111</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Grillkampagne von Swissveg</a></li></ul></div> Fri, 29 May 2026 09:28:33 +0000 Joelle 4194 at https://www.swissveg.ch Der Grill: Die letzte Bastion klassischer Männlichkeit? https://www.swissveg.ch/de/maennlichkeit-grill <span>Der Grill: Die letzte Bastion klassischer Männlichkeit? </span> <span><span lang="" about="/de/user/3027" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Sarah</span></span> <span>1. Juni 2026 - 9:42</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Die Männer stehen am Grill, die Frauen kümmern sich um die Beilagen: Ein Bild dass sich in der Schweiz jeden Sommer tausendfach wiederholt. Obwohl die Gleichstellung der Geschlechter in vielen anderen Lebensbereichen etabliert ist, ist die Rollenverteilung beim Grillen bemerkenswert traditionell: Der Mann kümmert sich um die Fleischzubereitung, die Frau um die Beilagen. Der Grill als letzte Bastion klassischer Männlichkeit?&nbsp;</p><p>Tatsächlich essen Männer mehr Fleisch als Frauen. Doch woran liegt das? Forschende untersuchten, wie sich die Gleichberechtigung auf den Fleischkonsum auswirkt.<sup>1</sup> Die Ergebnisse sind bemerkenswert: In Ländern, in denen eine hohe Geschlechtergleichstellung herrscht, assen die Männer deutlich mehr Fleisch als die Frauen. Die Forschenden begründeten dies damit, dass sich die Frauen in solchen Ländern bewusst für fleischlose Optionen entscheiden können. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Denn auch Männer hätten in gleichberechtigten Gesellschaften die Möglichkeit, pflanzliche Alternativen zu wählen. Doch warum tun sie dies noch viel zu selten? Verschiedenen Studien deuten darauf hin, dass männliches Geschlecht sowie Wohlstand am stärksten mit einem hohen Fleischkonsum korrelieren. Interessanterweise gibt es in drei grossen Ländern (China,Indien sowie Indonesien) keine geschlechterspezifischen Unterschiede was den Fleischkonsum angeht.</p><p>&nbsp;</p><h4>Doch warum essen Männer überhaupt mehr Fleisch als Frauen?</h4><p>Eine mögliche Erklärung liegt weniger in biologischen Unterschieden als in sozialen und kulturellen Prägungen. Fleischkonsum ist seit jeher mit Vorstellungen von Stärke, Leistung und Status verbunden. Eigenschaften, die traditionell eher mit Männlichkeit assoziiert werden. Mehrere Studien zeigen, dass Männer stärker dazu tendieren, ihr Essverhalten an solchen gesellschaftlichen Erwartungen auszurichten. Fleisch wird dabei nicht nur als Lebensmittel wahrgenommen, sondern auch als Symbol. Pflanzliche Ernährung wird häufig mit Begriffen wie Gesundheit, Leichtigkeit oder Nachhaltigkeit verknüpft. Das sind jedoch alles Eigenschaften, die kulturell weniger stark mit klassischen Männlichkeitsbildern verbunden sind. Doch diese Zuschreibungen sind nicht naturgegeben, sondern sozial geprägt. Sie beeinflussen jedoch, oft unbewusst, unsere Entscheidungen im Alltag und dadurch auch beim Grillieren. Gerade deshalb lohnt es sich, das Bild vom «männlichen Grillieren» neu zu denken. Denn was heute als selbstverständlich gilt, ist oft das Resultat von Gewohnheit und kultureller Prägung und lässt sich nicht mit der «männlichen Biologie» erklären.</p><p>&nbsp;</p><h4>Traditionen neu gedacht</h4><p>Wer sich an das <a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">pflanzliche Grillieren</a> wagt, merkt schnell, dass sich ganz neue Möglichkeiten eröffnen: aus vielfältigen pflanzlichen Zutaten wie etwa Sellerie, Rote Bete oder Pilzen lassen sich herzhafte Gerichte zubereiten, die mit kräftigen Aromen begeistern und ebenso sättigend und genussvoll sind wie klassische Fleischgerichte. Und das beste daran: heissgeliebte Traditionen müssen nicht abgeschafft, &nbsp;sondern lediglich neu gedacht werden. So kommt anstelle des Rumpsteaks ein saftiger veganer Burger oder für Gemüseliebhaber ein Randensteak auf den Grill. Ein kleiner Tausch mit grosser Wirkung für Tier, Mensch und Umwelt, der erst noch neue Geschmackswelten eröffnet.&nbsp;</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Hopwood, C. J., Zizer, J. N., Nissen, A. T., Dillard, C., Thompkins, A. M., Graça, J., Waldhorn, D. R. &amp; Bleidorn, W. (2024). Paradoxical gender effects in meat consumption across cultures. Scientific Reports, 14(1), 13033. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-024-62511-3">https://doi.org/10.1038/s41598-024-62511-3</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/grillkampagne">Grillkampagne von Swissveg: Echte Männer grillieren Pflanzen</a></li><li><a href="https://bc.pressmatrix.com/de/profiles/b6b0b8c11377/editions/1de884ee8571d1b24f8b/pages/page/10" target="_blank">Veg-Info 2 (2025): Warum Antispeziesismus und Feminismus Hand in Hand gehen</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/swissveg-analyse-statistiken-2025" target="_blank">Swissveg-Analyse 2025: Wie steht es um die Anzahl Veganer und Vegetarier?</a></li></ul></div> Mon, 01 Jun 2026 07:42:49 +0000 Sarah 4197 at https://www.swissveg.ch Vegan und 100 werden – ein Widerspruch? https://www.swissveg.ch/de/altersstudie <span>Vegan und 100 werden – ein Widerspruch?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>28. April 2026 - 16:22</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Aktuelle Schlagzeilen klingen, als müssten wir uns irgendwann entscheiden: entweder vegan leben oder gesund alt werden. Doch stimmt das wirklich – oder wird hier aus einzelnen Studien mehr gemacht, als sie tatsächlich aussagen? Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Hinter der Diskussion steckt weit mehr als die Frage, ob Fleisch auf den Teller gehört. Es geht um Missverständnisse, alte Vorurteile und darum, was der Körper im Alter wirklich braucht.</p><p>In den vergangenen Wochen ist ein Thema in den Medien verstärkt aufgegriffen worden: Wie realistisch ist es, 100 Jahre alt zu werden – und welche Rolle spielt dabei die Ernährung? Viele Berichte schlagen dabei eine klare Richtung ein: Sie vermitteln den Eindruck, vegan zu leben sei im hohen Alter eher ein Hindernis als ein Vorteil und wir müssen auf tierische Produkte setzen, um wirklich alt zu werden.</p><p>Diese Darstellung stützt sich auf eine Studie mit über 5200 chinesischen Erwachsenen ab 80 Jahren, die über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren in einer Langzeitkohorte beobachtet wurden, also in einer Gruppe von Personen mit gemeinsamen Merkmalen, die über viele Jahre hinweg wiederholt untersucht wird. Analysiert wurde, ob vegan oder vegetarisch lebende Personen seltener 100 Jahre alt werden als Omnivore. Das Ergebnis: Vegetarisch und vegan lebende Teilnehmende hatten (insbesondere in der veganen Gruppe) eine tiefere Wahrscheinlichkeit, das Alter von 100 Jahren zu erreichen. Diese Aussage wurde von manchen Medien so aufbereitet, als zeige die Studie, dass vegane Ernährung generell schlecht für ein langes Leben im Alter sei. Manche Artikel gingen sogar so weit zu schreiben, Menschen sollten im Alter ihre ideologischen Ernährungsvorstellungen zurückstellen.</p><p>Damit wird suggeriert, dass vegan sein und gesund alt werden im Widerspruch ständen. Doch die Studie selbst ist weitaus komplexer und bietet vor allem Anlass zur kritischen Reflexion, nicht zu einer pauschalen Abrechnung mit veganer Ernährung im Alter.</p><p class="text-align-justify" style="orphans:2;widows:2;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;orphans:2;widows:2;">Die Studie unter der Lupe</h4><p>Die Studie von Li et al. (2026)<sup>1</sup> zeigt zwar einen Zusammenhang zwischen vegetarischer oder veganer Ernährung und einer geringeren Chance, 100 Jahre alt zu werden, sie hat jedoch entscheidende methodische Schwächen, die in der medialen Berichterstattung kaum erwähnt werden:</p><ol><li><p style="orphans:2;widows:2;">Die Studie basiert auf sogenannten retrospektiven Ernährungsangaben: Die über 80-jährigen Teilnehmenden wurden gebeten, rückblickend über ihre Essgewohnheiten zu berichten – eine Methode, die naturgemäss begrenzte Genauigkeit hat.&nbsp;</p></li><li><p style="orphans:2;widows:2;">Die Studie macht keine Aussagen darüber, wie strikt die vegetarische oder vegane Ernährung tatsächlich gelebt wurde.&nbsp;</p></li><li><p style="orphans:2;widows:2;">Der negative Effekt – also die geringere Wahrscheinlichkeit, ein Alter von 100 Jahren zu erreichen – zeigte sich vor allem bei untergewichtigen Personen. Das deutet darauf hin, dass eine Unterversorgung mit Energie und Proteinen oder bestehende Vorerkrankungen die eigentliche Ursache sein könnten, nicht die Ernährungsweise per se.</p></li></ol><p style="orphans:2;widows:2;">Hinzu kommt: Die Studie betrachtet ausschliesslich sehr alte Menschen in China, eine Population mit einem bekanntlich hohen Anteil an Untergewicht und einem hohen Vorkommen chronischer Erkrankungen. Eine gut geplante vegane Ernährung wurde nicht als eigene Gruppe untersucht. Auch die Qualität der Ernährung, bspw. durch eine ungünstige Lebensmittelzusammenstellung, wurde nicht erfasst. Bemerkenswert ist ausserdem: Fisch-, Eier- und Milchkonsumenten erreichten das hohe Alter genauso häufig wie Fleischesser. Es geht also nicht um Fleisch an sich, sondern um eine ausreichende Versorgung mit Proteinen und Nährstoffen.</p><p class="text-align-justify" style="orphans:2;widows:2;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Warum Ernährung im Alter noch wichtiger wird</h4><p>Mit den Jahren verändert sich der Körper: Der Grundumsatz sinkt, der Appetit wird geringer und gleichzeitig verliert der Körper nach und nach Muskelmasse. Die Knochen werden anfälliger, die Verdauung arbeitet langsamer und das Risiko für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Hinzu kommt, dass der Körper bestimmte Nährstoffe im Alter nicht mehr so effizient aufnimmt wie früher: Der Bedarf an Protein, Calcium, Vitamin D und Vitamin B<sub>12</sub> bleibt hoch oder steigt sogar, während das Hunger- und Durstgefühl abnimmt. Umso wichtiger ist eine Ernährung, die auch in kleineren Portionen möglichst viele Nährstoffe liefert.<sup>2</sup></p><p>Besonders Proteine spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie helfen, Muskelmasse zu erhalten, die Beweglichkeit zu sichern und im Alltag länger fit zu bleiben. Mit zunehmendem Alter reagiert der Körper weniger sensibel auf Protein, wodurch Muskelzellen gewissermassen schwerhörig gegenüber Aufbausignalen werden. Aufgrund dessen profitieren ältere Menschen häufig von einer etwas höheren Proteinzufuhr, die möglichst gleichmässig über den Tag verteilt wird.</p><p>Genau an diesem Punkt setzt ein weit verbreitetes Vorurteil an: Wer im Alter ausreichend Protein und Nährstoffe aufnehmen will, brauche zwingend Fleisch, Milch und Eier. Diese Überzeugung ist tief verwurzelt, und die aktuelle Medienberichterstattung rund um Studien zur Lebenserwartung verstärkt sie zusätzlich. Doch sie greift zu kurz. Entscheidend ist nicht die Herkunft der Nährstoffe, sondern ihre ausreichende Zufuhr und Qualität. Dass beides auch mit einer gut geplanten veganen Ernährung möglich ist, zeigt die aktuelle Forschungslage deutlich.</p><p class="text-align-justify" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;">&nbsp; <div data-ui-role="accordion" data-ui-collapsed="true"></p><h3>Sind pflanzliche Proteine wirklich «unvollständig»?</h3><p>Ein Vorurteil hält sich hartnäckig: Pflanzliche Proteine seien minderwertig oder „unvollständig“. Tatsächlich stimmt das so nicht.</p><p>Zwar haben viele einzelne pflanzliche Lebensmittel nicht exakt dieselbe Zusammensetzung an Aminosäuren wie tierische Produkte. Doch in der Praxis spielt das kaum eine Rolle. Wer abwechslungsreich isst, kombiniert automatisch unterschiedliche Proteinquellen, und genau dadurch entsteht ein vollständiges Aminosäureprofil. Ein klassisches Beispiel ist die Kombination aus Hülsenfrüchten und Getreide, etwa Linsen mit Vollkornbrot oder Bohnen mit Reis. Auch Nüsse und Samen ergänzen pflanzliche Proteine hervorragend. Einige Lebensmittel liefern sogar bereits allein alle essenziellen Aminosäuren, darunter Soja, Quinoa und Amaranth.</p><p>Auch die Verwertbarkeit pflanzlicher Proteine wird häufig unterschätzt. Soja erreicht eine sehr hohe biologische Wertigkeit, fermentierte Produkte wie Tempeh sind besonders gut verdaulich. Der sogenannte PDCAAS-Wert (ein Mass für die Proteinqualität) erreicht bei Soja bereits die höchste Bewertung mit 1,0; fermentierte Produkte wie Tempeh liegen nahe an dem Bereich. Einfache Zubereitungsmethoden wie Einweichen, Keimen oder schonendes Garen verbessern die Bioverfügbarkeit zusätzlich und machen die Proteine leichter zugänglich. Zwar verlangsamen Ballaststoffe die Aufnahme von Protein leicht, langfristig fördern sie jedoch eine gesunde Darmflora und diese unterstützt wiederum die Verwertung der Proteine.<sup>3</sup></p></div><p class="text-align-justify" style="line-height:108%;margin-bottom:0.28cm;">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Was die Forschung zeigt</h4><p>Eine gut geplante vegane Ernährung ist nicht nur in jungen Jahren empfehlenswert, sondern kann gerade im höheren Alter besonders vorteilhaft sein. Wer sich pflanzlich ernährt, versorgt seinen Körper mit einer Vielzahl an Ballaststoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Gleichzeitig profitieren viele ältere Menschen von einer Ernährung, die leicht, nährstoffreich und gut verträglich ist.</p><p>Dass diese Ernährungsweise im Alter nicht nur möglich, sondern auch messbar sinnvoll ist, zeigen aktuelle Studien: Bereits nach 48 Stunden pflanzlicher Ernährung verbesserten sich bei Menschen über 65 Jahren die Insulinempfindlichkeit, die Blutzuckerwerte und die Triglyceride, während Entzündungsmarker, die mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung stehen, deutlich zurückgingen.<sup>4</sup></p><p>Auch langfristige Gesundheitsdaten sprechen für eine pflanzliche Ernährung: Frauen mit einem hohen Anteil pflanzlicher Proteine zeigten in Studien seltener chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herzinfarkt, waren körperlich fitter und berichteten häufiger von geistiger Klarheit. Im Gegensatz dazu kann ein hoher Konsum tierischer Proteine Wachstumsfaktoren wie IGF-1 erhöhen, die mit einem höheren Krebsrisiko in Verbindung gebracht werden. Pflanzliche Proteine sind daher nicht nur hochwertig, sondern auch gesundheitsfördernd.<sup>5</sup></p><p>Besonders eindrücklich zeigt dies eine Zwillingsstudie, in der sich nach acht Wochen veganer Ernährung die biologischen Alterungsmarker verbesserten, die den tatsächlichen Zustand der Zell- und Organalterung widerspiegeln. Die Forschenden beobachteten Veränderungen der DNA-Methylierung, die auf eine Verjüngung biologischer Prozesse hindeuten, unabhängig davon, ob die Teilnehmenden weniger Kalorien zu sich nahmen.<sup>6</sup></p><p>Auch grosse Langzeitdaten aus China bestätigen dieses Bild: Eine hochwertige pflanzliche Ernährung steht in Verbindung mit gesünderem Altern und einem geringeren Risiko für chronische Erkrankungen.<sup>7 </sup>Diese Studienresultate unterstützen damit genau das, was sich viele Menschen für das Älterwerden wünschen: Mehr Energie, mehr Beweglichkeit und möglichst lange selbstständig bleiben.</p><p class="text-align-justify">&nbsp;</p><h4 class="text-align-justify western" style="margin-bottom:0.28cm;margin-top:0cm;">Fazit: Vegan essen, aktiv bleiben</h4><p>Vegan und gesund alt werden schliessen sich nicht aus. Entscheidend ist nicht, ob tierische Produkte auf dem Teller liegen, sondern ob der Körper ausreichend Energie, Protein und Nährstoffe erhält. Wer auf Vielfalt und eine gute Planung achtet, kann sich auch im hohen Alter mit einer veganen Ernährung rundum gut versorgen und damit beste Voraussetzungen schaffen, möglichst lange fit, selbstständig und aktiv zu bleiben.</p><p>Dass manche Schlagzeilen daraus trotzdem ein Entweder-Oder machen, sagt am Ende wohl mehr über die Lust an zugespitzten Geschichten aus als über die tatsächliche Studienlage.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Li Y, Wang K, Lv Y, Jigeer G, Huang Y, Shen X, Shi X, Gao X, 2026. Vegetarian diet and likelihood of becoming centenarians in Chinese adults aged 80 y or older: a nested case-control study. The American Journal of Clinical Nutrition, 123 (2), 101136. <a href="https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2025.101136">https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2025.101136</a></li><li>Campbell WW, Deutz NEP, Volpi E, Apovian CM, 2023. Nutritional Interventions: Dietary Protein Needs and Influences on Skeletal Muscle of Older Adults. The Journals of Gerontology: Series A, 78 (Supplement_1), 67–72. <a href="https://doi.org/10.1093/gerona/glad038">https://doi.org/10.1093/gerona/glad038</a></li><li>Berrazaga I, Micard V, Gueugneau M, Walrand S, 2019. The Role of the Anabolic Properties of Plant- versus Animal-Based Protein Sources in Supporting Muscle Mass Maintenance: A Critical Review. Nutrients, 11 (8), 1825. <a href="https://doi.org/10.3390/nu11081825">https://doi.org/10.3390/nu11081825</a></li><li>Döschner L, Schulze K, Göger L, Bosy-Westphal A, Krüger N, Franz K, Müller-Werdan U, Herpich C, Norman K, 2024. Effects of a Short-Term Vegan Challenge in Older Adults on Metabolic and Inflammatory Parameters-A Randomized Controlled Crossover Study. Molecular Nutrition &amp; Food Research, 68 (4), e2300623. <a href="https://doi.org/10.1002/mnfr.202300623">https://doi.org/10.1002/mnfr.202300623</a></li><li>Ardisson Korat AV, Shea MK, Jacques PF, Sebastiani P, Wang M, Eliassen AH, Willett WC, Sun Q, 2024. Dietary protein intake in midlife in relation to healthy aging - results from the prospective Nurses’ Health Study cohort. The American Journal of Clinical Nutrition, 119 (2), 271–282. <a href="https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2023.11.010">https://doi.org/10.1016/j.ajcnut.2023.11.010</a></li><li>Dwaraka VB, Aronica L, Carreras-Gallo N, Robinson JL, Hennings T, Carter MM, Corley MJ, Lin A, Turner L, Smith R, et al., 2024. Unveiling the epigenetic impact of vegan vs. omnivorous diets on aging: insights from the Twins Nutrition Study (TwiNS). BMC Medicine, 22 (1), 301. <a href="https://doi.org/10.1186/s12916-024-03513-w">https://doi.org/10.1186/s12916-024-03513-w</a></li><li>Jigeer G, Wang K, Lv Y, Tucker KL, Shen X, Chen F, Sun L, Shi X, Li Y, Gao X, 2025. Vegetarian diet and healthy aging among Chinese older adults: a prospective study. npj Aging, 11 (1), 25. <a href="https://doi.org/10.1038/s41514-025-00213-4">https://doi.org/10.1038/s41514-025-00213-4</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/pflanzliche-ernaehrung-senkt-krankheitsrisiko" target="_blank">Pflanzliche Ernährung senkt Krankheitsrisiko</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/vegane-proteine?language=de" target="_blank">Vegane Proteine in der Ernährung</a></li></ul></div> Tue, 28 Apr 2026 14:22:37 +0000 Joelle 4191 at https://www.swissveg.ch Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche: Wie viel hat sich wirklich verändert? https://www.swissveg.ch/de/stand-tierversuche <span>Internationaler Tag zur Abschaffung der Tierversuche: Wie viel hat sich wirklich verändert?</span> <span><span lang="" about="/de/user/3031" typeof="schema:Person" property="schema:name" datatype="">Joelle</span></span> <span>24. April 2026 - 13:32</span> <div class="field field--name-body field--type-text-with-summary field--label-hidden field__item"><p class="einleitung">Am 24. April ist der Internationale Tag zur Abschaffung der Tierversuche. Ein wichtiger Anlass, um nicht nur auf das Leid der Tiere zu schauen, sondern auch auf die Frage: Wo steht die Schweiz heute und wohin bewegt sie sich? In den letzten fünf Jahren gab es zwar politische Debatten, neue Verordnungen und mehr Aufmerksamkeit für alternative Methoden. Doch der grundlegende Systemwechsel lässt weiterhin auf sich warten.</p><h4>Rückblick auf die letzten Jahre</h4><p><strong>2021</strong> war geprägt von einer intensiven öffentlichen Debatte rund um die Volksinitiative für ein Verbot von Tierversuchen. In diesem Jahr wurden in der Schweiz 574’673 Tiere in Versuchen eingesetzt; europaweit litten rund 9,5 Millionen Tiere in Laboren der EU und Norwegens.<sup>1</sup> Das Thema war damit plötzlich nicht mehr nur eine Randfrage der Forschungspolitik, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen. Die grosse Hoffnung auf eine Wende erfüllte sich damals aber nicht.</p><p><strong>2022</strong> brachte mit der Abstimmung über die Tierversuchsverbots-Initiative eine klare Entscheidung: Die Vorlage wurde deutlich abgelehnt, während gleichzeitig 585’991 Tiere in der Schweiz in Versuchen verwendet wurden – rund 2 Prozent mehr als im Vorjahr.<sup>1</sup> Für viele Tierschutzorganisationen war das ein Rückschlag, für Universitäten und Pharmaunternehmen dagegen ein Signal, dass die bestehenden Rahmenbedingungen für Tierversuche politisch bestätigt wurden. Die zentrale Frage blieb jedoch: Wenn heute bereits zahlreiche tierfreie Methoden existieren, warum werden sie nicht konsequenter gefördert und eingesetzt?</p><p><strong>2023</strong> zeigte: Von einem Rückgang kann keine Rede sein. Die Zahl der eingesetzten Tiere stieg in der Schweiz auf 595’305, etwa 1,6 % mehr als 2022 und mehr als die Hälfte dieser Tiere war Versuchssituationen mit Belastung (Schweregrade 1–3) ausgesetzt. Auch in Europa blieb der Wandel langsam.<sup>1</sup> Zwar wird immer wieder von Alternativen gesprochen, doch in der Praxis dominieren weiterhin klassische Tierversuche. Besonders kritisch bleibt, dass schwere Belastungen nicht verschwinden, sondern in manchen Bereichen sogar zunehmen, etwa in der Krebsforschung sowie bei Experimenten zu neurologischen und psychischen Erkrankungen.</p><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="157d9cf9-16ab-4e7c-a2a1-07a4b267710a" height="1749" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_gez%C3%BCchtet.jpg" width="52.82%" /><figcaption>Abbildung 1: Anzahl total gezüchteter Versuchstiere die eingesetzt (türkis) und euthanasiert (rot) wurden von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p> </p><p><strong>2024</strong> brachte erneut viel politische Bewegung, aber wenig Entlastung für die Tiere. Neue Verordnungen wurden vorbereitet, Initiativen weitergeführt, und der Ruf nach tierfreien Methoden wurde lauter. Dass in der Schweiz 2024 insgesamt 522’636 Tiere eingesetzt wurden – rund 12 Prozent weniger als im Vorjahr – ändert wenig daran, dass die Zahl der stark belastenden Versuche im Schweregrad 3 von 26’390 im Jahr 2023 auf 27’380 Tiere anstieg.<sup>1</sup></p><p><strong>2025</strong> markiert einen spannenden, aber widersprüchlichen Moment. Seit Februar gelten in der Schweiz neue Vorschriften im Tierversuchsrecht, die unter anderem die Zucht und Haltung belasteter Linien stärker begrenzen. Gleichzeitig zeigen die bisherigen Zahlen bis 2024, dass Tierversuche weiterhin fest im System verankert sind und insbesondere stark belastende Versuche nicht einfach verschwinden. Genau hier liegt das eigentliche Problem: Mehr Regulierung bedeutet noch keinen Ausstieg. Erst mit der Tierversuchsstatistik 2025, die das BLV voraussichtlich im Herbst dieses Jahres veröffentlichen wird, wird sich zeigen, ob die neuen Regeln tatsächlich zu weniger Tierleid führen oder ob sie vor allem zu mehr Formalien geführt haben.</p><p> </p><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="818faf06-03a1-4231-9cc5-44767c6b4d0d" height="1467" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_Schweregrad.jpg" width="52.74%" /><figcaption>Abbildung 2: Anzahl Versuchstiere genutzt für Versuche mit Schweregrad 3 (starke Schmerzen, anhaltendes Leid, schwere Angst oder erhebliche Beeinträchtigung des Wohlbefindens) von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p> </p><h4>Hier steht die Schweiz heute</h4><p>Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie das System heute konkret ausgestaltet ist. Die aktuellen Entwicklungen im Schweizer Tierversuchsrecht basieren auf einer Revision der Tierschutzverordnung und der Tierversuchsverordnung, mit der der Bundesrat unter anderem mehr Transparenz über Zucht, Nutzung und Tötung von Versuchstieren schaffen will. In der Schweiz dürfen Tierversuche grundsätzlich nur unter strengen Voraussetzungen durchgeführt werden: Sie sind bewilligungspflichtig, die Forschenden müssen nachweisen, dass keine geeigneten Alternativmethoden zur Verfügung stehen (3R-Prinzip: Replace, Reduce, Refine), und sie müssen in einer Güterabwägung belegen, dass der erwartete Erkenntnisgewinn die Belastung der Tiere rechtfertigt. Zusätzlich gelten Vorgaben zur Herkunft und Haltung der Tiere, zur personellen Qualifikation und zur Infrastruktur der Versuchstierhaltungen.</p><p>Mit der Revision, die seit 2025 schrittweise in Kraft tritt, wurden diese Anforderungen weiter verschärft: Es dürfen nur noch so viele Tiere gezüchtet werden, wie für bewilligte Versuche benötigt werden, belastete Linien brauchen eine entsprechende Bewilligung, und Versuchstierhaltungen müssen eine fachkundige Tierärztin oder einen fachkundigen Tierarzt benennen. Ab 2027 sind die Institute zudem verpflichtet, neben den eingesetzten Tieren auch jene zu melden, die nicht verwendet, abgegeben oder getötet wurden. Auf dem Papier gehört die Schweiz damit zu den Ländern mit einer besonders umfassenden Tierschutzgesetzgebung und detaillierten Statistiken im Bereich Tierversuche.</p><p>Aus Sicht der Stiftung Tier im Recht (TIR), die wir für diesen Artikel um eine Einschätzung gebeten haben, zeigt sich in der Praxis jedoch eine andere Seite. Stellvertretende Geschäftsleiterin Vanessa Gerritsen betont, dass zwar die Gesamtzahl der verwendeten Tiere tendenziell eher rückläufig sei, gleichzeitig aber «auffallend und alarmierend […] vor allem der Anstieg der mittel- und schwerbelastenden Tierversuche (Schweregrade 2 und 3)» sei. Nach Einschätzung von Tier im Recht ist das vermeintlich strenge Bewilligungsverfahren «in vielerlei Hinsicht eine Farce», da die gesetzlich vorgeschriebene Güterabwägung in der Praxis sehr häufig nicht rechtskonform vorgenommen werde. Dadurch würden die höheren formellen Anforderungen der Schweiz in ihrer Wirkung teilweise ausgehebelt, sodass das Land aus Tierschutzsicht nicht besser dastehe als viele andere Staaten.</p><p>Kritisch sieht Tier im Recht auch Transparenz und strategische Ausrichtung. Zwar kann die Schweiz sehr detaillierte Zahlen zu Tierversuchen ausweisen, etwa zu Schweregraden und zu nicht im Versuch verwendeten Tieren. Gleichzeitig hinke sie den EU-Mitgliedstaaten bei der Transparenz über einzelne Projekte hinterher, weil – anders als in der EU vorgesehen – keine nicht‑technischen Projektzusammenfassungen veröffentlicht würden. Die Schweizer Lösung mit der Publikation von Projekttitel, Tierart und Schweregrad, aber ohne inhaltliche Erläuterungen, beurteilt Tier im Recht als «höchst ungenügend, intransparent, benutzerunfreundlich» und als einseitige Begünstigung der Interessen von Forschung und Wirtschaft. Während andere Länder wie Grossbritannien oder die Niederlande klare Ausstiegspläne oder zumindest Strategien zur konsequenten Reduktion von Tierversuchen formuliert hätten, setze die Schweiz aus Sicht von Tier im Recht stark auf das 3R-Prinzip, verzichte aber auf ein ebenso klares politisches Bekenntnis zur Abkehr von Tierversuchen.</p><p> </p><h4>Wofür werden Tierversuche durchgeführt?<br /> </h4><figure role="group" class="align-center"><img alt="" data-entity-type="file" data-entity-uuid="dd62e9cd-cabf-42bc-b1c9-0c0c979dc5da" height="1619" src="/sites/swissveg.ch/files/2026-04/Grafiken_Versuchstiere_Versuchsziel.jpg" width="52.48%" /><figcaption>Abbildung 3: Versuchsziele von 2021 bis 2024 in der Schweiz. Die Zahlen wurden den Tierversuchsstatistiken des BLV entnommen.</figcaption></figure><p>Die meisten Tierversuche werden derzeit in der Grundlagenforschung durchgeführt, etwa beim Prüfen wissenschaftlicher Hypothesen, beim Gewinnen von Zellen oder Organen sowie bei der Vermehrung artfremder Organismen. Danach folgen Entdeckung, Entwicklung und Qualitätskontrolle, insbesondere bei der Erprobung neuer Therapien und Wirkstoffe. Einen deutlich geringeren Anteil nehmen Krankheitsdiagnostik, Aus‑ und Weiterbildung sowie der Schutz von Tier, Mensch und Umwelt ein, etwa bei toxikologischen Tests oder Unbedenklichkeitsprüfungen. Unter der Kategorie «Anderer Zusammenhang» werden schliesslich verschiedene Sonderuntersuchungen erfasst, beispielsweise Fütterungsversuche oder Hygienekontrollen in Versuchstierhaltungen.<sup>1</sup></p><p> </p><h4>Was daran kritisch bleibt und was Hoffnung macht</h4><p>Im Kern zeigt sich: Das Leid der Tiere wird besser dokumentiert und verwaltet, aber kaum grundlegend reduziert. Tierversuche werden oft als unvermeidbar dargestellt, obwohl sich die wissenschaftlichen Möglichkeiten stark weiterentwickelt haben. Organ-on-Chip-Systeme (Mikrochip-Plattformen, auf denen menschliche Zellen so angeordnet werden, dass Funktionen eines Organs nachgeahmt werden), komplexe Zellkulturen, computergestützte Modelle und andere tierfreie Verfahren werden zwar immer wieder genannt, kommen aber noch viel zu selten flächendeckend zum Einsatz. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt eindrücklich, wie gering die Übertragbarkeit tierischer Versuchsergebnisse auf den Menschen ist: Trotz einer Übereinstimmung der Gene von rund 85 Prozent zwischen Maus und Mensch liegt die funktionelle Deckung auf Genomebene unter 50 Prozent, sodass selbst kleine Unterschiede, etwa im Herz-Kreislauf-System, der Haut, dem Verdauungstrakt oder dem Immunsystem, grosse Folgen für die Vorhersagbarkeit haben. Diese biologischen Unterschiede tragen dazu bei, dass ein grosser Teil der Medikamente in der klinischen Prüfung scheitert; Schätzungen gehen davon aus, dass rund 90 bis 92 Prozent der Wirkstoffkandidaten in klinischen Studien nicht zugelassen werden, unter anderem, weil Wirksamkeit und Sicherheit aus Tierversuchen nur begrenzt vorhersagbar sind. Hinzu kommen methodische Schwächen wie unvollständige Dokumentation, fehlende Verblindung und mangelhafte statistische Auswertungen, die die Reproduzierbarkeit weiter verringern. Viele Forschende berichten zudem von einer Verzerrung der Studienlage zugunsten tierexperimenteller Verfahren, da Gutachter häufig Tierversuchsdaten verlangen, selbst wenn moderne, humane Alternativen (New Approach Methodologies, NAMs) bereits aussagekräftige Ergebnisse liefern. Diese NAMs bieten nicht nur eine höhere Reproduzierbarkeit und wissenschaftliche Genauigkeit, sondern auch das Potenzial, menschliche Krankheitsprozesse gezielter und skalierbarer zu modellieren.<sup>2,3</sup></p><p> </p><h4>Bestehende Strukturen werden gefestigt statt hinterfragt</h4><p>Dazu kommt ein zweiter Punkt: Viel politischer Wille fliesst in Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems, statt in den systematischen Aufbau von Alternativen. Bessere Haltungsbedingungen, mildere Belastungen oder strengere Kontrollen sind zwar wichtige Schritte, aber keine Lösung für die Tiere selbst. Wer Tierversuche grundsätzlich infrage stellt – aus ethischen, wissenschaftlichen oder gesundheitlichen Gründen – muss genau hier ansetzen.</p><p> </p><h4>Breite Diskussion hat begonnen</h4><p>Trotz allem gibt es auch gute Gründe für Optimismus: Die Debatte ist breiter geworden, NGOs, Forschende und Teile der Politik sprechen heute deutlich häufiger über tierfreie Methoden als noch vor einigen Jahren. Die Öffentlichkeit schaut genauer hin, und immer mehr Menschen verstehen, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht auf dem Leid anderer Lebewesen beruhen muss. Gerade für Menschen, denen Tierwohl, Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Forschung wichtig sind, ist das ein zentraler Punkt: Tierversuche sind kein isoliertes Spezialthema, sondern Teil einer grösseren ethischen Frage. Welche Rolle sollen Tiere in unserer Gesellschaft spielen? Wie ernst meinen wir es mit Mitgefühl, Vorsorgeprinzip und moderner, humanbasierter Wissenschaft? Die Antwort wird nicht allein in Parlamenten oder Labors entschieden, sondern auch in der öffentlichen Diskussion und ganz konkret im Alltag – etwa dann, wenn wir uns im Laden bewusst für tierversuchsfreie und vegan zertifizierte Produkte entscheiden, die beispielsweise mit dem V-Label gekennzeichnet sind.</p></div> <div class="fussnoten"> <div class="item"> <ol><li>Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), 2026. Tierversuche. Abgerufen am 10.04.2026, <a href="https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html">https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html</a></li><li>Bailey LH Jarrod, 2025. Breaking down the barriers to animal-free research - Lauren Hope, Jarrod Bailey, 2025. Sage Journals. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02611929251349465?icid=int.sj-abstract.similar-articles.1">https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/02611929251349465?icid=int.sj-abstract.similar-articles.1</a></li><li>Knight A, 2007. Systematic reviews of animal experiments demonstrate poor human clinical and toxicological utility. Alternatives to laboratory animals: ATLA, 35 (6), 641–659. Abgerufen am 16.04.2026, <a href="https://doi.org/10.1177/026119290703500610">https://doi.org/10.1177/026119290703500610</a></li></ol></div></div> <div class="title-weitere-infos"> Weitere Infos </div><div class="item"> <ul><li><a href="https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierversuche.html" target="_blank">BLV – Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen</a></li><li><a href="https://www.din.de/de/service-fuer-anwender/normungsportale/gesundheit/aktuelles/organs-on-chip-880826" target="_blank">Organ-on-Chip-Systeme</a></li><li><a href="https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/wissen/tierversuchsfrei/alternativen" target="_blank">Alternativen zu Tierversuchen – Ärzte gegen Tierversuche</a></li><li><a href="https://nat-datenbank.de/" target="_blank">Non Animal Technologies (NAT) Datenbank&nbsp;</a></li><li><a href="https://www.tierimrecht.org/de/bibliothek/" target="_blank">Online-Datenbank der Stiftung Tier im Recht</a></li></ul><p>Frühere Blogbeiträge zu Tierversuchen:</p><ul><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/ausstieg-tierversuche-schweiz" target="_blank">Wie gelingt der Ausstieg aus den Tierversuchen?</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/kosmetik" target="_blank">Was steckt in Kosmetik drin?</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/Tierversuchsverbots-Initiative" target="_blank">Stellungnahme der Swissveg zur Volksinitiative: «Ja zum Verbot für Tier- und Menschenversuchsverbot»</a></li><li><a href="https://www.swissveg.ch/de/herbstsession-2025" target="_blank">Herbstsession 2025</a><br>&nbsp;</li></ul></div> Fri, 24 Apr 2026 11:32:57 +0000 Joelle 4193 at https://www.swissveg.ch