Julia Butterfly Hill

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Wald

Die Baumfrau – 5 Jahre später

Eigentlich war damals alles als eine kurzfristige Protestaktion gedacht. Eigentlich. Als die Umweltaktivistin Julia «Butterfly» Hill im Dezember 1997 als 22-Jährige einen 1000-jährigen Baum in Nordkalifornien bestieg, um eine kurzfristige Protestaktion gegen den Kahlschlag eines uralten, unersetzlichen Waldes durchzuführen, ahnte sie nicht: Sie würde die nächsten 738 Tage dort oben auf «Luna», wie der Redwood getauft wurde, leben. Erfolgreich (siehe dazu: Vegi-Info 1/2003). Am 18. Dezember 1999 wurde der Vertrag über den dauerhaften Schutz von Luna und einer sich auf etwa 70 Meter um sie herum erstreckenden Pufferzone verabschiedet. Noch im gleichen Jahr gründete Julia die Umweltorganisation «Circle of Life». Die vegan lebende «Jeanne d’Arc der Wälder» wurde so weltweit zur Symbolfigur für das, was entschlossenes, mutiges Engagement eines einzelnen Menschen bewirken kann. Wir interviewten sie 5 Jahre später.

Das Interview führte Guido Barth für den Vegetarier-Bund Deutschlands.

Julia hat über ihre Aktion ein bewegendes Buch geschrieben, das anregt, sich auch selbst aktiv für seine Ziele einzusetzen, auch wenn man auf grosse Widerstände stösst.
Julia Butterfly Hill: Die Botschaft der Baumfrau. 254 S. ISBN 3-442-15191-0, 7.90 EUR, Goldmann Taschenbuch Verlag


Julia Butterfly Hill, wie siehst du die Zukunft für unseren Planeten?

Es gibt keine Kristallkugel, in die ich schauen kann. Es gibt nur einen Spiegel. Die Zukunft gestaltet sich aus den Taten, die wir Lebewesen heute vollbringen – gute wie schlechte. Ich jedenfalls bin mir meiner Verantwortung voll bewusst, und ich habe mich der Aufgabe verschrieben, andere darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich ihrer Verantwortung genauso bewusst werden.

Zwei Jahre hast du auf dem tausend Jahre alten Redwood-Baum «Luna» gelebt und ihn vor der Motorsäge gerettet. Damit hast du vielen Menschen Mut und Hoffnung gegeben. Wie hat sich in den zwei Jahren dein Verständnis für alles Lebendige geändert?

Ich habe ganz tief in meinem Inneren empfunden, was wir alle wissen, dass nämlich alles Leben auf dieser Welt miteinander kommuniziert, alles ist miteinander verbunden. Wir Menschen haben leider vergessen, mit allen Sinnen die Welt zu erkennen.
Traurigerweise glauben wir nur noch an unsere verbale Sprache. So verkümmern nicht nur unsere Sinne, sondern auch unsere Sicht für das intakte grosse Ganze. Leider zerstört diese Sichtweise unsere Umwelt und auch uns selbst. Dabei greift doch alles ineinander, die Natur, die Erde, das Sonnensystem und die Universen. Unsere Leben wären um einiges erfüllter, würden wir uns mehr auf unsere Sinne verlassen. Uns würden sich ganz neue Wege eröffnen, wir würden spüren, dass wir mit allen und allem sehr eng verbunden sind. Die Liebe zueinander und der Respekt voreinander bekämen eine ganz neue Dimension.

Zwei Jahre auf einem Baum – das ist eine lange Zeit. Seither bist du viel beschäftigt. Woran arbeitest du gerade?

Ich arbeite an verschiedenen Projekten. Viele Leute denken, ich schreibe hauptsächlich, was nicht ganz stimmt. Ich schreibe zwar viel, aber da sind noch sehr viele andere Sachen, um die ich mich kümmere. Allein schon die vielen Interviews und Seminare, die ich gebe. Ich engagiere mich für die Situation von Häftlingen in Gefängnissen, gegen die Militär-Industrie, für Ernährung, Nachhaltigkeit, für natürliche Lebensgemeinschaften und vieles mehr.

Deine Organisation heisst «Circle of Life», wen oder was unterstützt ihr?

Meine Organisation «Circle of Life» unterstützt Menschen, die sich um die Wahrheit bemühen und für eine bessere Welt kämpfen. Eine unserer Kampagnen hat einen sehr patriotischen Ansatz. Wir klären die Menschen in Amerika über die massiven Ungerechtigkeiten der Bush-Regierung auf. Hierbei geht es neben dem patriotischen Ansatz natürlich um sehr viele globale Probleme. Das betrifft wirklich die ganze Welt. Nach der Wiederwahl von Bush müssen wir uns noch mehr um Aufklärung bemühen. Kaum jemand weiss, welche katastrophalen Folgen die ersten vier Jahre unter Bush allein für unsere Umwelt gehabt haben. Viele gute Gesetze sind geändert worden, die vorher z.B. von Bill Clinton unterzeichnet worden sind.

Wie bringt ihr eure Botschaft an die Öffentlichkeit?

Neben der klassischen Öffentlichkeitsarbeit, den Seminaren und Workshops organisieren wir viele Festivals und Tourneen mit dem Namen «WE THE PLANET». Dabei bieten wir integrale und nachhaltige Lösungen für die Zukunft.

Welches sind deine persönlichen Ziele?

Das lässt sich kaum von den Zielen von «Circle of Life» trennen. Ich möchte so viele Menschen wie nur irgend möglich erreichen, sie neugierig machen und anregen, sie zusammenbringen, damit sie gemeinsam aktiv werden für ein gesünderes, gerechteres und nachhaltigeres Leben. Ich möchte die Werte der Not-for-Profit-Unternehmen mit denen der For-Profit-Unternehmen zusammenbringen. Davon verspreche ich mir erfolgreiche Partnerschaften für den Menschen und den Planeten. Das halte ich für ausserordentlich wichtig.

Bist du glücklich?

Ja. Ich liebe es, für andere da zu sein, und genau das macht mich glücklich. Es gibt sehr viele Herausforderungen auf dieser Welt, viele Sachen sind traurig, aber es gibt eben auch vieles, wo ich gebraucht werde. Anderen helfen, das ist das Leben, das ich mir gewünscht habe. Jeder sollte das machen, wozu er Lust hat. Dann wären wir alle glücklicher, und die Welt wäre etwas schöner. Davon bin ich fest überzeugt.

Du lebst schon lange vegan, warum?

Weil ich genau weiss, dass es von riesengrosser Bedeutung ist, was wir mit der Gabel von unserem Teller essen. Ich verstehe nicht, warum das immer als Nebensache abgetan oder sogar ignoriert wird. Dabei entscheiden wir mit dem, was wir essen, über die Erde, das Wasser, die Energie, die Tiere, Gerechtigkeit und natürlich über unseren Körper; was auf dem Teller liegt, entscheidet über Krieg und Frieden, über alles. Ich verstehe meinen veganen Lebensstil als etwas Revolutionäres – als eine Revolution für den Frieden. Ich liebe es, vegan zu leben, es macht mich sehr stolz und glücklich!

Seit Jahren wird viel über genetisch manipulierte Nahrungsmittel gestritten. Die Konzerne engagieren sich mit Milliarden Dollars und erreichen bei Regierungen mehr und mehr Unterstützung. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Nahrungsmittel genetisch zu manipulieren, ist für mich Terrorismus. Das ist Bio-Terrorismus, extrem skrupellos. Darin steckt so viel zerstörerisches Potential, mit unabschätzbaren Folgen. Das Schlimmste ist, wir können es nicht kontrollieren. Ich bin absolut dagegen. Ich bin bei der Organic Consumers Association als beratendes Vorstandsmitglied aktiv und kann so etwas Einfluss nehmen gegen ein riesiges globales Netzwerk von Kapital und Macht.

Ganz konkret, wie können wir die Erde retten?

Richtig ist, wenn wir uns immer vor Augen halten, dass wir die Natur nicht nur für uns schützen müssen, sondern auch für die kommenden Generationen, am besten für die nächsten sieben Generationen. Das ist die Erfahrung vieler Naturvölker. Nur auf diese Weise bleibt die Welt im Gleichgewicht. Letztlich wird die Erde überleben, entweder mit uns oder ohne uns. Aber mit unserer Technologie können wir sie zerstören oder (wieder-)aufbauen. Es liegt ganz allein an uns. Jede Entscheidung, die wir treffen, ist von Bedeutung. Wirklich jede. Sei es, dass wir zu Fuss gehen, das Fahrrad nehmen oder öffentliche Verkehrsmittel. Sei es, dass wir recyclebare Produkte kaufen, um Bäume, Wasser und die Luft zu schützen, oder auf Kosten unserer Kinder die Erde weiter zerstören oder ob wir die Ressourcen schonen.

© Guido Barth

Informationen zum Projekt von Julia Butterfly Hill im Internet: www.circleoflife.org