Tierquälerei: Ein Indiz für Gewalttaten gegenüber Menschen

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CSI

Gewaltverbrecher werden meistens erst dann entdeckt, wenn es schon zu spät ist und andere Menschen zu Schaden gekommen sind. Dabei wäre es durchaus möglich, Massnahmen zur Therapie von Gewalttätern frühzeitig zu treffen, wenn Delikten gegenüber Tieren sorgfältiger nachgegangen würde.

Im Jahr 2006 nahmen Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Schweiz an einer Bevölkerungsstudie teil, die unter anderem dem Zusammenhang zwischen Gewalt gegenüber Tieren und Menschen nachgegangen ist. Im Rahmen dieser Studie beantworteten 3648 Teilnehmer der 7.–9. Klasse Fragen zu mehr oder weniger schlimmen Straftaten, wobei ein Aspekt sich auch mit Gewalttaten gegenüber Tieren beschäftigte.

Interessant sind die Ergebnisse dieser Befragung deshalb, weil es die ersten dieser Art in Europa sind, die einen Schluss zwischen Gewaltbereitschaft gegenüber Tieren und anderen Verbrechen zulassen. Prof. Dr. Martin Killias1 und Dr. Sonia Lucia2 haben die Zahlen genauer analysiert und folgende markante Punkte hervorgehoben:

Gewaltbereitschaft

  • 17% der Jungen und 8% der Mädchen, also insgesamt 12% der Jugendlichen, haben zugegeben, jemals ein Tier absichtlich verletzt zu haben. 
  • 5% der Jungen und 1,5% der Mädchen gaben an, bereits mindestens dreimal gegenüber Tieren gewalttätig gewesen zu sein.

Ob diese Zahlen viel oder wenig bedeuten, lässt sich nicht klar sagen, da vergleichbare Zahlen vom In- und Ausland fehlen. Im Vergleich dazu haben jedoch 5% der Jungen und Mädchen zugegeben, jemals Gewalt gegen Menschen – Körperverletzung, Drohungen oder Raub – verübt zu haben. Man kann also sagen, dass Gewalt gegen Tiere relativ häufig begangen und zugegeben wird.

Tierquälerei macht Spass

  • 4% der Jungen und 1% der Mädchen finden, dass Tierquälerei Spass mache oder die Tiere es nicht besser verdienten.
  • Eine grosse Mehrheit von rund 80% findet das hingegen schrecklich.
  • Eine grössere Mehrheit der Schülerinnen und Schüler (24% der Jungen und 12% der Mädchen) äussert sich hier unentschieden.

Tierquälerei gilt in der Gesellschaft als unakzeptabel, dies spiegelt sich natürlich auch in den Antworten der Befragten wieder. Vergleicht man die Antworten miteinander, so haben erstaunlicherweise einige Jugendliche, die es traurig macht, wenn ein Tier gequält wird, trotzdem schon einmal absichtlich ein Tier verletzt. Einstellung und Verhalten decken sich somit nicht völlig, was an sich aus der Sozialpsychologie seit Langem bekannt ist.

Gewalttätigkeit

Die Gruppe der Jugendlichen, welche Tierquälerei lustig findet (also 5% der Befragten), haben sich die beiden Wissenschaftler genauer angeschaut und dabei folgende Schlüsse gezogen:

  • 47% dieser Jugendlichen haben bereits einmal ein Tier absichtlich verletzt oder misshandelt.
  • Jugendliche, die finden, dass es Spass macht, Tiere zu quälen, neigen häufiger dazu, auch andere Delikte zu begehen (Gewalttaten, Eigentumsdelikte, Sachbeschädigung, Diebstahl, Konsum harter Drogen …).
  • Je ausgeprägter die Bereitschaft war, ein Tier zu misshandeln (öfters als dreimal), desto wahrscheinlicher sind Straftaten begangen worden.
  • Der Zusammenhang zwischen Tierquälerei wird deutlicher bei schweren Delikten (wie Körperverletzung, Sachbeschädigung) als bei schwächeren Verhaltensweisen (wie Alkoholtrinken oder Ladendiebstahl). Dies deutet darauf hin, dass Tierquälerei schweren Gewaltformen näher steht als sonstige Verhaltensprobleme.
  • Tierquälerei geht vor allem einher mit der Verübung von Delikten, die ein erhebliches Aggressionspotenzial voraussetzen. Hier verdreifacht sich das Risiko, wenn im bisherigen Lebensverlauf einer Person Tierquälerei vorgekommen ist. 
  • Eine solche Vorgeschichte spielt eine ebenso grosse Rolle bei der Gewaltausübung wie das Geschlecht oder hohe Impulsivität (geringe Selbstkontrolle) – und ist einflussreicher als das Elternhaus, die Schule oder die Kollegen.

Schlussfolgerung

Die Auswertungen zeigen, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Tierquälerei und Gewaltbereitschaft gegenüber den Mitmenschen gibt. Dabei ist unklar, ob dieser Zusammenhang deshalb besteht, weil Tierquälerei zu Gewalt gegenüber Menschen führt, oder ob es sich dabei um zwei Auswirkungen ein und derselben Persönlichkeitsstörung handelt. 
Auch nicht jeder, der ein Tier quält, wird später gegenüber Menschen Gewalt ausüben – die Gründe, weshalb einem Tier Verletzungen zugeführt werden, können vielfältig sein. Trotzdem zeigen diese Resultate, dass es sich bei Tierquälerei um einen wichtigen Baustein in der Früherkennung von Straftätern handelt. Diesem Aspekt sollte von den Verantwortlichen unbedingt nachgegangen werden, um die zugrunde liegenden Ursachen frühzeitig therapieren zu können.

Fussnoten:
  1. Prof. Dr. Martin Killias ist Ordinarius für Straf- und Strafprozessrecht unter Einschluss von Kriminologie an der Universität Zürich.
  2. Dr. Sonia Lucia ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entwicklungspsychologie an der Universität Genf.
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